Mindestteilnahme fünf Personen, hieß es in der Ankündigung zur letzten Ausgabe der neuen Gässle-Tour mit dem Ur-Allensbacher Ludwig Egenhofer. Spässle g‘macht, könnte man sagen. Das Touristbüro ist rappelvoll. 34 Leute wollen dabei sein, wenn Egenhofer noch einmal erklärt, wo die Stadtmauer war und wo das Allensbacher Konzil, wo das Armenviertel und wo das Armenhaus, warum die Schmitten- und die Schlappengasse so heißen, und dass das Haus Seetor am Ende der Tour aus dem Jahr 1100 stammt und das älteste bewohnbare Haus in Baden-Württemberg sei.

Das sind etwa doppelt so viele Teilnehmer wie es bei den vorherigen vier Gässle-Touren jeweils waren. Da ist sogar Ludwig Egenhofer überrascht: „So viele Leute waren noch nie da bei einer Tour.“ Rund 65 Personen hatten zuvor insgesamt die ebenso informative wie humorvolle Führung mitgemacht – zu etwa 70 bis 75 Prozent übrigens Allensbacher.

Der Ur-Allensbacher Ludwig Egenhofer nimmt auf seiner Allensbacher Gässle-Tour die Teilnehmer mit auf die Spuren des alten Allensbachs – mit zu zwölf alten Gassen, liebevoll Gässle genannt.
Der Ur-Allensbacher Ludwig Egenhofer nimmt auf seiner Allensbacher Gässle-Tour die Teilnehmer mit auf die Spuren des alten Allensbachs – mit zu zwölf alten Gassen, liebevoll Gässle genannt. | Bild: W. Meyer

„Die Gässle-Tour ist sensationell gut angekommen“, zieht Egenhofer erfreut Bilanz nach der ersten Saison. Und die Resonanz sei durchwegs positiv. Das wisse man ja vorher nie. „Die Leute sagen, es war toll, kurzweilig, humorvoll, und man erfährt Sachen, die man nicht erahnt hat“, fasst er Rückmeldungen zusammen.

Eine spannende Zeitreise mit Spurensuche

Ähnlich Kulturbüroleiterin Sabine Schürnbrand. „Es ist eine spannende Zeitreise, die Spurensuche macht an. Das ist bei Gästen wie Einheimischen beliebt.“ Natürlich habe man eine so große Resonanz nicht erwarten können. „Aber sehr erstaunt sind wir nicht, weil wir wissen, dass die Führungen mit Ludwig Egenhofer nicht nur informativ, sondern unterhaltsam sind.“ Und so haben sie und Egenhofer vereinbart, dass es aufgrund des großen Andrangs nach der letzten noch eine Zusatz-Gässle-Tour geben wird (Mittwoch, 11. September, 18 Uhr).

Die neue Gässle-Tour von Ludwig Egenhofer (links, im roten Hemd und mit Hut kam in Allensbach sehr gut an – vor allem bei Einheimischen Bei der letzten Ausgabe in diesem Jahr gab es sogar eine Rekordteilnehmerzahl, weshaln noch ein Zusatztermin stattfinden wird. Hier erklärt er in der Hinnengasse, dass dort früher das Armenviertel war.
Die neue Gässle-Tour von Ludwig Egenhofer (links, im roten Hemd und mit Hut kam in Allensbach sehr gut an – vor allem bei Einheimischen Bei der letzten Ausgabe in diesem Jahr gab es sogar eine Rekordteilnehmerzahl, weshaln noch ein Zusatztermin stattfinden wird. Hier erklärt er in der Hinnengasse, dass dort früher das Armenviertel war. | Bild: Thomas Zoch

Die meisten Einheimischen und wohl auch manche Gäste aus der Region kennen sicher Ludwig Egenhofer und seinen mal trockenen, manchmal auch etwas deftigen Humor. Da wird sogar mal gelacht, wenn er es eigentlich ernst meint. „Was ich sag‘, stimmt zu 90 Prozent“, erklärt er eingangs und fügt hinzu, der Rest sei nicht belegt und basiere auf Hörensagen.

Das Konzept der Gässle-Tour hat Ludwig Egenhofer selbst erarbeitet. Und zu etwa 80 bis 90 Prozent sei der Text immer derselbe. Wobei bei einer einmaligen Teilnahme schwer zu sagen ist, was von den lockeren Sprüchen und Seitenhieben Standardprogramm ist und wo er spontan was einstreut.

Beispielstationen – natürlich mit Humor

Im Löwengässle erinnert er natürlich an das dort früher stehende Gasthaus Löwen gegenüber dem Rathaus, das 1995 zugunsten der Seniorenwohnanlage abgerissen wurde. Dort sei Verwaltung im Erdgeschoss. Egenhofer trocken: „Unten drin wird g‘schafft, da ist um 10 Uhr schon das erste Hemd verschwitzt – auf der anderen Seite sitzt der Bürgermeister.“

Ludwig Egenhofer in der Löwengasse. Auch das früher dort stehende Gasthaus Löwen ist eine Station der Gässle-Führung.
Ludwig Egenhofer in der Löwengasse. Auch das früher dort stehende Gasthaus Löwen ist eine Station der Gässle-Führung. | Bild: Thomas Zoch

In der Schmittengasse stichelt er in bewährter Weise gegen die Reichenauer. Die Allensbacher seien früher die Leibeigenen des dortigen Klosters gewesen: „Die Reichenauer können dafür dankbar sein, aber das glauben sie bis heute nicht.“ Und dabei geht er auch launig auf den alten Adler gegenüber ein: „Das schönste Gasthaus im Besitz einer Kommune“, meint er spöttisch. Das alte Nebengebäude dürfe die Gemeinde nicht abreißen, weil es ein sehr gut erhaltenes Reichenauer Haus sei: „Es kam ja nie was G‘scheites von dort rüber.“

Das ehemalige Gasthaus Adler in Allensbach. Die Stadtentwicklungsgesellschaft arbeitet an einem Konzept, was daraus werden soll. Manche Bürger wünschen ein Hotel, andere bezahlbaren Wohnraum oder solchen für Senioren.
Das ehemalige Gasthaus Adler in Allensbach. Die Stadtentwicklungsgesellschaft arbeitet an einem Konzept, was daraus werden soll. Manche Bürger wünschen ein Hotel, andere bezahlbaren Wohnraum oder solchen für Senioren. | Bild: Thomas Zoch

Und beim Armenhaus, dem heutigen Vereinsheim, erklärt er, dass im Jahr 1850 dort 20 Arme gelebt hätten, zugleich habe es acht uneheliche Kinder im Dorf gegeben. 1860 sei die Eisenbahn gebaut worden, alle hatten dadurch Arbeit, Arme habe es keine mehr gegeben – dafür aber nun 16 uneheliche Kinder.

„Ein Württemberger – der muss warten“

Einmal kommt ein Paar auf Fahrrädern und will an der Gruppe vorbei, die Frau ruft „klingeling“. Egenhofer gibt trocken zurück: „Denn müsst ihr halt klingele.“ Kurz darauf will ein Auto mit Stuttgarter Kennzeichen durch. „Ein Württemberger – der muss warten“, meint Egenhofer. Doch als der Autofahrer weiter drängelt, mosert er: „1633 unsere Stadt abbrennt – und jetzt…“ Womit er auf den 30-jährigen Krieg anspielt, wo vieles in Allensbach zerstört wurde und die Stadtrechte verloren gingen. Auch so etwas, was selbst viele Allensbacher offenbar nicht wissen.

Die Resonanz war auch nach der (vor-)letzten Gässle-Tour sehr positiv. Veronika Walz, die seit 30 Jahren in Allensbach wohnt, meint: „Es gibt so viel von Allensbach, wovon ich keine Ahnung hatte. Und der Egenhofer hat das klasse gemacht – mit Humor.“

Veronika Walz wohnt seit 30 Jahren in Allensbach. Auch sie war begeistert von Ludwig Egenhofers Gässle-Tour.
Veronika Walz wohnt seit 30 Jahren in Allensbach. Auch sie war begeistert von Ludwig Egenhofers Gässle-Tour. | Bild: Thomas Zoch

Mindestteilnahme fünf Personen? Wenn das so weitergeht, sollte das Touristbüro eher über eine Obergrenze nachdenken.