Allensbach Wo die Allensbacher vor 1000 Jahren arbeiteten

Archäologen finden eine alte Textilherstellung an der Hegner Straße. Für die Wissenschaftler sind dies wichtige Erkenntnisse. Der Bauträger, der das Gebiet bebauen möchte, hofft auf wenig Beeinträchtigung.

In einer zirka einen halben Meter tiefen Erdgrube saß dieser mittelalterliche Vorfahre der Allensbacher und wob Textilfahnen – zwischen Holzpfosten, die das simple Dach trugen, und von einer schlichten, zwei mal drei Meter großen Holzhütte geschützt. In einer weiteren, ähnlich eingehausten Werkstatt fertigte ein anderer Borten mit einem kleinen, quadratischen Knochenplättchen mit vier Löchern und Verzierungen.

Ein besonderer Fund sei dieses kleine, quadratische Knochenplättchen mit Löchern und Verzierungen, erklärt Bertram Jenisch vom Landesamt für Denkmalpflege. Es stamme aus dem 9. oder 10. Jahrhundert und diente zum Weben von Borten. Bild: Thomas Zoch
Ein besonderer Fund sei dieses kleine, quadratische Knochenplättchen mit Löchern und Verzierungen, erklärt Bertram Jenisch vom Landesamt für Denkmalpflege. Es stamme aus dem 9. oder 10. Jahrhundert und diente zum Weben von Borten. | Bild: Thomas Zoch

Zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert dürfte dies so gewesen sein auf dem Grundstück am Mühlbach nördlich der heutigen Hegner Straße. Wo ab 2020 Leute ein Neubaugebiet beziehen sollen, lebten und arbeiteten vor rund 1000 Jahren Menschen. Reste von sieben solcher mittelalterlichen Werkstatthütten hat das beauftragte Grabungsteam bisher ausgemacht und neben zahlreichen Keramikscherben und Tierknochen Hinweise auf eine Textilherstellung gefunden.

Siedlung erhielt vor 1000 Jahren Marktrecht

"Es ist eine vorstädtische Periode", erklärt Bertram Jenisch, der sich im Landesamt für Denkmalpflege um die Archäologie des Mittelalters kümmert. Und: "Es ist eine spannende Zeit, in der auf der Reichenau die Blüte des Klosters war." Aus dieser Zeit hätten er und seine Kollegen noch kaum archäologische Erkenntnisse aus Allensbach. Die eigentliche Siedlung dürfte damals dort gewesen sein, wo heute das Ortszentrum sei, so Jenisch. Ums Jahr 1000 erhielt diese das Marktrecht verliehen, war aber noch kein richtiges Dorf. Im Umkreis dürfte es Gehöfte und kleine Weiler gegeben haben – so wie hier leicht erhöht oberhalb des Mühlbachs.

Bodenverfärbungen lassen Rückschlüsse zu

Die Fundstelle entdeckt hatte der Kreisarchäologe Jürgen Hald bei seiner routinemäßigen Beobachtung der Baustelle, nachdem dort der Oberboden abgeschoben worden war. "Es ist ein siedlungsgünstiger Standort", erklärt er: nah am Wasser, aber topografisch hoch genug, um vor Hochwasser geschützt zu sein. Daher habe er schon sensibilisiert geschaut – und fand Bodenverfärbungen, die auf Pfostenlöcher und Kellergruben von Behausungen hinwiesen sowie erste Keramikscherben. "Wir können wichtige Erkenntnisse über die Siedlungsgeschichte von Allensbach gewinnen", so Hald.

Tonkugel mit Loch als Gewicht

Dass in diesen Grubenhäusern Textilien hergestellt wurden, schließen die Archäologen aus zwei Funden. Zum einen aus dem oben genannten Knochenplättchen, das Jenisch dem 9. oder 10. Jahrhundert zuordnet und das gut erhalten ist. "Das ist ein außergewöhnliches Stück", sagt der Wissenschaftler. Zum anderen fanden die Experten eine faustgroße Tonkugel mit Loch; dies sei ein Gewicht, wie es bei stehenden Webstühlen in dieser Zeit verwendet worden sei, erklärt Jenisch.

Etliche Keramikscherben von Kochgefäßen, wie sie im 10. bis frühen 12. Jahrhundert typisch waren, sowie einige Tierknochen haben die Archäologen bisher gefunden.
Etliche Keramikscherben von Kochgefäßen, wie sie im 10. bis frühen 12. Jahrhundert typisch waren, sowie einige Tierknochen haben die Archäologen bisher gefunden. | Bild: Thomas Zoch

Die Datierung sei durch die gefundenen Keramikscherben möglich, weil es bei Tongefäßen – wie bei der Mode – früher immer wieder wechselnde Macharten und Verzierungen gegeben habe. Hier handele es sich um typisch geformte, nachgedrehte Keramik eben aus dem 10. bis 12. Jahrhundert. Als nachgedreht bezeichne die Archäologie Gefäße, die von Hand geformt und dann auf einer langsam drehenden Töpferscheibe nachbearbeitet worden war. "Wir wissen ja nicht, wie die Leute dazu gesagt haben." Einige der Scherben dürften von damals typischen, 25 bis 30 Zentimeter hohen Kochtöpfen stammen, so Jenisch.

Reiner Holzbau – nur Kirchen waren aus Stein

Von den eigentlichen Gebäuden ist außer den Bodenverfärbungen nichts geblieben, weil sie rein aus Holz und Lehm waren. "In dieser Phase gibt es keinen Steinbau – außer bei Kirchen", so Jenisch. Georg Häußler, Archäologe und Geschäftsführer der Grabungsfirma Archaeotask, erklärt, dass diese Hütten keinen langen Bestand hatten, weil das Holz morsch wurde und verrottete. Nach fünf bis 20 Jahren Nutzung seien diese aufgegeben worden und die Gruben aufgefüllt mit Erde und Abfällen wie eben Keramik und Knochen, was die heutigen Funde sind. Dann sei an anderer Stelle ein neues Grubenhaus gebaut worden, weshalb die Reste der Hütten, die zwei bis drei Meter lang und breit waren, nicht alle aus derselben Zeit stammen. Solche Werkstätten seien typisch gewesen für eine Hofeinheit, zu der ein Wohn- und Speichergebäude gehörte. Wo das Wohnhaus gewesen sei, sei aber noch unklar.

2500 Quadratmeter Untersuchungsfläche

Jenisch erklärt, dass in mehreren Abschnitten zirka 2500 Quadratmeter des rund 8000 Quadratmeter großen Grundstücks untersucht werden – in enger Abstimmung mit dem Konstanzer Bauträger, der BDS-Universal-Bau GmbH, der die Grabungen bezahle. Geschäftsführer Felix Deggelmann sagt zu den Funden: "Wir schreien natürlich nicht juchhu." Aber durch die gute Zusammenarbeit mit den Archäologen dürfte es keine großen Beeinträchtigungen und Verzögerungen geben.

Eine Fläche von zirka 2500 Quadratmeter untersucht das Grabungsteam nördklich der Hegner Straße (im Hintergrund). Bisher fanden sie Umrisse von sieben, rund 1000 Jahre alten Hütten, die als Werkstätten dienten. Bild: Thomas Zoch
Eine Fläche von zirka 2500 Quadratmeter untersucht das Grabungsteam nördklich der Hegner Straße (im Hintergrund). Bisher fanden sie Umrisse von sieben, rund 1000 Jahre alten Hütten, die als Werkstätten dienten. | Bild: Thomas Zoch

Jenisch betont, das Grabungsteam arbeite gut und schnell. Im ersten Abschnitt sei die Geländearbeit abgeschlossen, im zweiten nördlich der Hegner Straße, dort wo eine Baustraße ist, brauche das Team zirka eine Woche. Danach schaue man sich zwar noch einen Abschnitt südlich der Hegner Straße an, so Jenisch. Er gehe davon aus, dass der Schwerpunkt dieser Siedlungseinheit nördlich der Hegner Straße gewesen sei aufgrund der Topografie. Vergleichbare Funde gebe es in Radolfzell, im Hegau und in der Region Schaffhausen, so Jenisch und Hald. Die Funde aus Allensbach werden nun gewaschen, inventarisiert und im zentralen Fundmagazin in Rastatt untergebracht. Bei Bedarf könnten Teile davon an Museen wie das in Allensbach ausgeliehen werden.

 

Elf Wohnhäuser

Wieviele Gebäude es insgesamt im Mittelalter gab auf dem Gelände am Mühlbach in Allensbach, wissen die Archäologen noch nicht. Klar ist aber, dass dort bis voraussichtlich Mitte 2020 elf neue Mehrfamilienhäuser und zwei Tiefgaragen entstehen sollen, so der Bauträger BDS-Universal-Bau GmbH Konstanz, acht davon nördlich, drei südlich der Hegner Straße. 65 Wohnungen in unterschiedlichen Größen sind geplant. Der Großteil davon werde als Eigentumswohnungen verkauft, so BDS-Geschäftsführer Felix Deggelmann: "Voraussichtlich zwei bis drei Gebäude werden für Investoren gebaut und vermietet." Den hierfür nötigen Bebauungsplan hat der Gemeinderat kürzlich beschlossen. Deggelmann erklärt, die eigentlichen Bauarbeiten hätten noch nicht begonnen. "Aktuell laufen Vorbereitungsmaßnahmen unter anderem für den Spezialtiefbau." Parallel dazu seien die Arbeiten für die Renaturierung des Mühlbachs im Gange, die in einem gesonderten wasserrechtlichen Verfahren geplant und genehmigt worden seien. Diese sollen Ende April abgeschlossen sein.

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