Allensbach Wie ein Tablet die Demenz verlangsamen kann

Demenzhaus in Hegne arbeitet mit neuer Technik. Die Erfahrungen in der Testphase eines speziellen Tablets machen zuversichtlich.

Zuerst übt Georgios Pappas mit der Gruppe von Bewohnern im Demenzhaus St. Angelus das Erkennen von Verkehrsschildern. Das ist nicht so einfach. Dann wechselt er zur Bedeutung von Dialektbegriffen. "Wo bekommt man Weckle?", heißt eine der Fragen. Beim Bäcker natürlich, das wissen die meisten der an Demenz Erkrankten am Tisch. Und schließlich lädt Pappas die Gruppe zum Singen ein. "Die Gedanken sind frei", da stimmen fast alle ein, denn die Musik kommt samt Text aus dem kleinen, flachen Bildschirm, mit dem die Präsenzkraft Pappas die Erinnerung aktivieren möchte, die die Menschen um ihn herum zunehmend verlieren.

Der schnelle und einfache Wechsel von einem Thema zum anderen sei einer der Vorteile des neuen Tablets Mediadementia, erklären Pappas und Ina Klietz, die Leiterin des Pflegeheims Maria-Hilf des Klosters Hegne. "Man braucht keinen großen Aufwand zur Vorbereitung", erklärt der Betreuer. Es müssen nicht erst Bücher oder CDs zusammengesucht und herumgetragen werden. Und er könne je nach Bedarf und Zusammensetzung der Gruppe individuell das Programm gestalten. Zwei Wochen lang haben er und die anderen Betreuungskräfte im Demenzhaus das Gerät getestet, und dabei hätten sie sehr gute Erfahrungen gemacht. Es würden zwar keine neuen Themen oder Inhalte angeboten, doch: "Es ist durch dieses Gerät technisch besser aufbereitet", meint Klietz. Und es gebe auch Filme darauf mit Anregungen für Übungen der Betreuer.

Die Heimleiterin erklärt, man werde das Gerät des jungen Unternehmens Media4care weiter nutzen – ein weiteres im Haupthaus, weil es nicht nur für die Arbeit mit Demenzkranken hilfreich sei. Das Tablet ermögliche generell einen niederschwelligen Einstieg in die Kommunikation. Passend für die Schwestern und Pfarrer, die im Heim leben, gebe es auch religiöse Themen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es etwas für uns ist", räumt Klietz ein, die bisher eher technische Hilfsmittel kannte, mit denen man Betreute ruhig stellen könne. Bei diesem Tablet sei es aber eben gerade das Grundprinzip, dass man die Demenzkranken damit nicht allein lasse, sondern sie aktiviere. "Es verlangsamt den Vergessensprozess."

Das kann Pappas nur bestätigen: "Es ist ein gutes Instrument, um Gedächtnistraining zu machen für kleine oder größere Gruppen." Bei Bedarf könne man es auch an einen Fernseher oder Beamer anschließen. "Man merkt, dass die Leute Fortschritte machen", meint Pappas und nennt als Beispiel das angebotene Geräuscheraten. "Am Anfang hatten sie Schwierigkeiten, aber nach der dritten oder vierten Frage war die Konzentration da." Und er habe festgestellt, nachdem er dieses Gehörtraining einige Tage hintereinander gemacht habe, dass die Ergebnisse besser wurden. "Die Leute werden dadurch nicht so schnell zu schweren Pflegefällen", meint Pappas. Und ein weiterer Vorteil sei, dass er beim Hersteller Anregungen für Ergänzungen oder Änderungen machen könne. Als Beispiel nennt er das Musikangebot, da könne man nicht nur Schlager der 1950er-Jahre verwenden, sondern brauche auch etwas neuere Lieder, denn: "Der eine Demenzkranke ist 60, der andere 90 Jahre alt."

Und Pappas meint zudem, dass die Heimbewohner Spaß hätten an dem neuen Gerät, auch wenn viele von ihnen früher wohl kaum mit Computern zu tun hatten. "Wenn sie mich sehen mit dem Tablet, dann wissen sie: Jetzt kommt was."


Auch für Angehörige

Die Leitung des Hegner Pflegeheims wurde, wie auch die anderer Heime in der Region, durch den Konstanzer Altenhilfeverein auf das Tablet Mediadementia aufmerksam. Vorsitzende Luise Mitsch, die von Caritas-Geschäftsführer Andreas Hoffmann auf das Angebot hingewiesen wurde, hatte eine Infoveranstaltung mit dem Hersteller organisiert. Vermutlich werden es auch andere Heime in der Region in der Betreuung von Demenzkranken verwenden.

Das Tablet wird nicht gekauft, der Hersteller stellt es für eine monatliche Lizenzgebühr von 35 Euro zur Verfügung. Wobei Mitsch betont: "Es ist mir ein Anliegen, dass nicht nur Heimbewohner in den Genuss kommen, sondern dass auch Angehörige, die in der eigenen Umgebung einen Demenzkranken betreuen, von den technischen und betreuerischen Möglichkeiten erfahren und dieses Medium kennen lernen." Infos beim Hersteller Media4Care in Berlin unter der kostenlosen Telefonnummer (0800) 575 07 50, E-Mail: info@mediadementia.de, oder beim Altenhilfeverein Konstanz, (0 75 31) 4 46 22, E-Mail: luisemitsch@aol.com. (toz)

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