Technik und Natur – was sich für gewöhnlich diametral gegenübersteht, geht im Allensbacher Arbeitszimmer von Walter Tilgner eine perfekte Symbiose ein. Der Schrank quillt über vor Kassetten und Tonbändern.

„Frühling, Bienen, Hornissen, Heuschrecken“ steht auf Kisten im Regal.

Neben dem PC stapeln sich Festplatten mit Aufnahmen: „Bündlisried, Gnadensee, Amphibien“.

An der Wand hängt ein Geweih, daneben zahlreiche Fotografien aus dem Wald oder vom Bodensee, dessen glatte Oberfläche nur einen Steinwurf entfernt in der Abendsonne glitzert.

Walter Tilgner ist ein Perfektionist. Das gibt der 84-Jährige gerne zu

Mit dem Fotografieren hat alles angefangen. Ein Talent, das ihm die Mutter in die Wiege gelegt hat. Als den „besten Waldfotograf in Mitteleuropa“ bezeichnete ihn einst der österreichische Forstwissenschaftler Hannes Mayer.

Das reicht Walter Tilgner aber nicht. Etwas fehlt. Er will die Natur nicht nur mit den Augen erfassen, sondern mit allen Sinnen. „Wenn ich stundenlang auf dem Hochsitz draußen war“, sagt er, „konnte ich die Schönheit und Bedeutung des Waldes zwar im Bild festhalten, aber nicht im Ton.“

Mit dem Fotografieren hat alles begonnen. Diese Aufnahme einer jungen Haselmaus in einem Haselnuss-Strauch beim Fressen hat Walter Tilgner für die Deutsche Presseagentur aufgenommen.
Mit dem Fotografieren hat alles begonnen. Diese Aufnahme einer jungen Haselmaus in einem Haselnuss-Strauch beim Fressen hat Walter Tilgner für die Deutsche Presseagentur aufgenommen. | Bild: Walter Tilgner

Es ist eine lange Suche. Sie beginnt 1972, als der Biologe sich ein erstes kleines Tonbandgerät kauft. Tilgner bringt eine Platte über Spechte heraus, macht erste Aufnahmen im Innern eines Nistkastens. Die neueste Technik damals sind Richtmikrofone und Parabolspiegel.

„Ich war aber nie richtig zufrieden mit dem Klang. Man konnte die Aufnahmen wissenschaftlich auswerten, doch genießen?“ Walter Tilgner

Zehn lange Jahre experimentiert der Autodidakt mit verschiedenen Methoden, doch der Perfektionist in Walter Tilgner will einfach keine Ruhe geben. Erst mit der Einführung der digitalen Aufzeichnungstechnik zu Beginn der 80er-Jahre geht sein Traum in Erfüllung.

„Wie ich die ersten Aufnahmen gemacht hatte, ging es mir hundsmiserabel. Denn ich wusste: Alles, was ich bisher gemacht hatte, konnte ich vergessen." Walter Tilgner

Auf dem Balkon knabbern Vögel an ihren Futterstangen, auf dem Sofa liegt die Zeitschrift „Geschnatter“. In puncto Qualität sei eingetreten, „wovon ich schon immer geträumt hatte“. Selbst die Töne, die zuvor im Bandrauschen untergegangen waren, sind jetzt kristallklar zu hören.

Ein künstlicher Kopf hilft beim Belauschen der Natur

Der Jäger Walter Tilgner zieht lange vor Sonnenaufgang los. In die Wälder und auf die Wiesen, an die Seen und Flüsse, in die Berge oder ans Meer.

Seine Beute sind Geräusche.

Wenn der Tag anbricht und es zirpt, brummt, zwitschert, plätschert, rauscht oder knistert, ist er nie alleine. Immer sitzt dem Mann mit dem weißen Rauschebart und dem Lodenmantel eine schwarze Gestalt auf einem Stativ gegenüber: das sogenannte Kunstkopfmikrofon. Mit dessen Hilfe kann Walter Tilgner die Geräusche seiner Umgebung so natürlich einfangen, als säße der Zuhörer mittendrin.

Walter Tilgner und sein Kunstkopfmikrofon am Ufer des Gnadensees.
Walter Tilgner und sein Kunstkopfmikrofon am Ufer des Gnadensees. | Bild: Hanser, Oliver

In Fachkreisen wird das auch „Kopfhörer-Stereofonie“ oder binaurale Tonaufnahme genannt. Der augenlose Kunstkopf auf einem Stativ ist eine Kopfnachbildung, in der an Stelle der Ohren ein hochwertiges Mikrofon am Eingang der Gehörgänge mit der Nachbildung der Ohrmuscheln angebracht ist. So können Aufnahmen gemacht werden, die bei der Wiedergabe über Kopfhörer sehr natürliche Geräusche erzeugen.

Je nach Wetter, nach Jahreszeit, ja, sogar je nach Art der Bäume, entstehen ganz unterschiedliche Klänge. „Ton ist etwas, das man nicht greifen kann, man muss ihn sichtbar machen“, erklärt Tilgner. „Die Aufnahme soll so naturgetreu sein, dass man beim Anhören glaubt, wieder an die Stelle des Aufnahmemikrofons versetzt zu sein.“ Er hat das mit Bravour geschafft.

Seine CD "Waldkonzert" revolutionierte die Welt der Naturklang-Freunde

Liebhaber genießen Vogelstimmen oder Froschquaken wie andere einen guten Wein. „Waldkonzert war ein Bombenerfolg und ist zigtausend Mal verkauft worden“, sagt Tilgner, der selbst immer wieder mithilfe seiner Tonträger Ausflüge in die unsterbliche Natur der Vergangenheit unternimmt.

„Da kommen alle Erinnerungen hoch. Wie ich gefroren habe, oder die Freude, die ich beim Aufnehmen empfunden habe und wieder erleben kann. Das ist etwas Wunderbares.“ Walter Tilgner

Viele Menschen können dieses Glück der Hörbilder mitempfinden. Sie nennen sich "Soundscaper" und erfreuen sich an individuellen Klanglandschaften von Biotopen oder Städten.

Im vergangenen Jahr wurde der Rentner vom Bodensee im Rahmen des 25. Jubiläums der Gründung des World Forum for Acoustic Ecology (WFAE), der Gemeinschaft der Soundscaper, von Präsident Eric Leonardson zum Ehrenmitglied ernannt. „Der Hauptgrund für diese Ehrung ist, dass ich reine Naturaufnahmen mache“, sagt Walter Tilgner. „Ich war weltweit der Erste, der Naturaufnahmen auf CD gebrannt hat.“

Im Ruhestand will Walter Tilgner anderen helfen

Jetzt, wo der frühere Mitarbeiter des Bodensee-Naturmuseums im beruflichen Ruhestand ist, hat er es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, zu helfen. Er weist auf das Waldsterben hin und den dramatischen Rückgang an Singvögeln in unseren Breiten.

Und: „Viele meiner CDs und Hörbücher werden in der Altenpflege eingesetzt“, sagt der Perfektionist Walter Tilgner, dessen Mission es ist, mithilfe der Technik ein Gefühl für den Wald herzustellen und das Wissen darüber zu vermitteln.

„Wir müssen versuchen, die Natur zu hören, dann verstehen wir sie auch.“ Walter Tilgner

Auf Walter Tilgners Internetseite gibt es eine Liste aller bisher produzierten Aufnahmen, mit Links zur Bestellung als CD oder als digitaler Download: http://natur-tilgner.de/tontraeger.html