Frau Schürnbrand, die wärmsten Tage des Jahres sind vorbei. Zeit für eine kurze Allensbacher Sommerbilanz, finden Sie nicht?

Bilanz ziehen wir zwar erst Ende des Jahres, aber bis Ende Juli sind die Zahlen unglaublich. Der beständige Sommer 2018 hat uns viele Gäste beschert. Nachdem es an Ostern noch ein bisschen verhalten angefangen hatte, sind wir im Moment sehr zufrieden. Eine Einschränkung gibt es: Die Gäste müssen beim Baden so weit wie selten ins Wasser gehen (lacht). Jetzt kommt jedoch die Zeit, die die Gesamtbilanz ausmacht, mein Bauchgefühl sagt aber, dass es, was die Übernachtungszahlen anbelangt, ein gutes Jahr werden wird.

So viel zum Tourismus. Wie lief die Allensbacher Kultursaison bis jetzt?

Wir sind immer gut gebucht, etliche Veranstaltungen waren schon zu Jahresbeginn ausverkauft. Da der Kartenverkauf ausschließlich bei uns liegt, können wir einen besonderen Service anbieten: eine Warteliste. Meist kommen vereinzelt Karten zurück.

Eine Besonderheit ist in diesem Jahr „20 Jahre Jazz am See“. Wie wurde und wird das Jubiläumsprogramm angenommen?

Die Nachfrage und auch die Resonanz auf die bereits stattgefundenen Konzerte ist überwältigend, aber nicht nur bei „Jazz am See“, auch bei der Reihe „umsonst und draußen“. Die ersten Male haben wir wegen des unsicheren Wetters open air und „umsonst & drinnen“ geplant, was höchst aufwendig ist. Ein Konzert musste vor dem Ende abgebrochen werden. Die Musiker haben unplugged im Restaurant weitergespielt. Ein Fokus liegt 2018 zwar auf „Jazz am See“, aber generell haben wir ein breit gefächertes, qualitätsvolles Programm, da ist für jeden was dabei.

Was waren die Highlights bislang?

Für die Zuschauer ist Be Ignacio natürlich immer wieder ein großer Höhepunkt. Dieses Jahr hat sie in einer grandiosen tropischen Nacht gespielt, das war Atmosphäre pur, eine ausgelassene, fröhliche und entspannte Stimmung.

Und was hat Ihnen persönlich am besten gefallen?

Ich hatte noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Das Programm ist so vielseitig. Es gibt viele nachhaltige, in unterschiedlicher Weise berührende Momente, aber ich kann nicht sagen: Die eine oder andere Veranstaltung ist der Höhepunkt. Ich freue mich, wenn der Musikverein mit seinem Nachwuchs spielt, oder wenn ein prominenter Musiker kommt.

Tolle Momente, wie zum Beispiel…

Die irische Band Goits hatte einen wirklich erfrischenden Auftritt. Beyond Headlines gaben als Schüler beim SÜDKURIER-Klasse-Projekt ihren ersten Auftritt auf der Seegartenbühne. Als sie jetzt wieder hier gespielt haben, hat mich das gepackt. „Das Lumpenpack“ hat wunderbar improvisiert. Die Gaptones mussten eine Viertelstunde vor dem Auftritt nach innen ausweichen. Sie haben ab- und wieder aufgebaut und ohne Soundcheck gespielt. Davor ziehe ich den Hut. Das ist jetzt aber eine ungerechte Aufzählung, weil es viele eindrückliche Erlebnisse gab.

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Wie schaffen Sie es, Jahr für Jahr weltbekannte Künstler nach Allensbach zu holen?

Das hat sich über die Jahre stetig entwickelt. Das Programm ist gewachsen, das Publikum ebenso und hält die Treue. Als ich vor 30 Jahren nach Allensbach kam, gab bereits Promenadenkonzerte und anderes, dennoch wollte und konnte ich gleich im ersten Jahr vieles ausprobieren. Ob für Kinder, Weltmusik, Jazz – wir hatten auf Anhieb großen Zuspruch. Natürlich haben wir ein bestimmtes Budget, das wir nicht überschreiten dürfen, aber innerhalb dessen sind wir eigenständig, können ausprobieren und kreativ sein. Wie erwähnt, das Publikum ist, wie uns auch die Künstler bestätigen, sehr offen, aufmerksam und auch kritisch. Ich mache das aber nicht alleine. Wir alle, meine Kolleginnen und ich, haben viel Herzblut, sonst ginge das nicht, auch nicht ohne die freiwilligen Helfer im Hintergrund.

Inzwischen hat bestimmt auch Allensbach einen anderen Stellenwert in der Künstlerszene.

Am Anfang mussten wir sehr viel Klinken putzen. Unser Argument war: Wir sind ein toller Ort, aber können nicht viel bezahlen. Jetzt haben wir das Kulturprogramm einer größeren Stadt und neben „Jazz am See“ und „umsonst & draußen“, Kleinkunst, „Blind Dates“, „wine and…“, immer mal wieder Ausstellungen, das Kinder-Ferienprogramm. Da kommt schon einiges zusammen, an die 50, 60 Veranstaltungen im Jahr. Darunter sind auch echte Weltstars. Nur ein Beispiel und Vorgeschmack auf 2019: Nächstes Jahr spielt die Südkoreanerin Youn Sun Nah, die schon etliche Preise gewonnen und bei der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele 2014 gesungen hat, hier in der Gnadenkirche.

Sie sprachen bereits das Publikum an. Woher kommen die Besucher des Allensbacher Kulturprogramms?

Ein sehr großer Teil sind Allensbacher. Viele kommen aus Konstanz und der weiteren Region, dem Hegau oder von der anderen Seeseite. Vor allem bei „umsonst & draußen“ haben wir viele Feriengäste, die bereits bei der Ankunft nachfragen, was denn während ihres Besuchs geboten ist. Oft kommen auch Gäste von weiter her für ein Konzert und bleiben ein, zwei Tage. Ich weiß von einem Gast, der extra für ein Jazzkonzert aus Polen anreist.

Für eine Bilanz ist es also noch zu früh. Was hat Allensbach denn noch bis zum Jahresende zu bieten?

Am 13. September gibt es eine Lesung von Gaby Hauptmann und Arnold Stadler bei „wine and books“ im Schloss Freudental. Ende September finden die Jubiläumsveranstaltungen zu „20 Jahre Jazz am See“ unter anderem mit Till Brönner statt, begleitend eine Fotoausstellung über die Konzerte der vergangenen 20 Jahre. Am 14. Oktober spielt bei freiem Eintritt Bernd Konrad im Duo mit dem Pianisten Paul Schwarz. Der vielfach ausgezeichnete Saxofonist Konrad war von Anfang an bei „Jazz am See“ dabei. Wir sind erst knapp über der Hälfte des Jahresprogramms. Zum Durchschnaufen ist es noch zu früh.