Die Zahl der Barmherzigen Schwestern im Kloster Hegne geht seit Jahren zurück. Genau gegenläufig ist die Tendenz bei einem noch jungen Zweig des Ordens. Die katholische Gemeinschaft Lebensbaum für Frauen und Männer ist offen für Christen anderer Konfessionen. Sie sei seit ihrer Gründung vor 20 Jahren stetig gewachsen, erklärt Leiterin Schwester Dorothea Maria Oehler.

Aktuell seien es 46 Frauen und drei Männer, die an vier Terminen im Jahr die Möglichkeit nutzen, an der Spiritualität der Schwestern teilzuhaben und gemeinsam ihren Glauben zu leben und zu vertiefen, um dies anschließend in ihrem Alltag weiterzugeben.

Die ersten jungen Frauen seien im Jahr 1995 gekommen, auf der Suche nach einer Anbindung an die Schwestergemeinschaft, ohne sich ganz fürs Klosterleben zu entscheiden, berichtet Dorothea Maria. Und darauf habe das Kloster mit der Gründung dieser Gruppe reagiert, gemäß dem Ordensleitspruch „Was Bedürfnis der Zeit, ist der Wille Gottes“. Dies biete auch Verheirateten die Möglichkeit, ihren Platz in der Kirche zu finden.

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Renate Graf

Renate Graf aus Konstanz war eine der ersten in der zunächst kleinen Gruppe. „Ich wollte einfach mehr Spiritualität“, berichtet sie. Von der Religiosität im Gebet der Schwestern habe sie sich sehr angesprochen gefühlt. „Es hat mir Perspektive gegeben“, erklärt Graf. „Im Lauf der Zeit habe ich gespürt, dass ich eine Kraftquelle finde. Es ist eine spirituelle Heimat für mich geworden.“ Und der Umgang mit den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft habe ihr auch eine andere Perspektive fürs Leben gezeigt. „Es ist eine lebendige Gemeinschaft. Das ist einfach eine ganz besondere Erfahrung.“

Claudia Graff

Claudia Graff aus Radolfzell berichtet, sie sei zum Lebensbaum gekommen, als ihre Kinder aus dem Haus gewesen seien. „Vieles hat sich verändert in meinem Leben.“ Was durch Kinder und Beruf verdeckt gewesen sei, habe neuen Raum bekommen. Und so habe sie nach einer Neuorientierung gesucht, nach etwas, was ihrem Leben Tiefe gebe: „Ich habe gespürt, wie Glaube gelebt wird in der Gemeinschaft.“ Sie habe sehr viel gelernt und Erfahrungen für ihr Leben mitgenommen. Außerdem schätze sie das Verbindliche, dass man für jeweils fünf Jahre ein Versprechen zur Teilnahme am Lebensbaum geben müsse, aber: „Nicht das Kloster steht im Vordergrund“, betont Claudia Graff. „Wir treffen uns hier und nehmen das mit in den Alltag.“

Sie sind Teil der Gemeinschaft Lebensbaum des Klosters Hegne, die seit 20 Jahren besteht und zu der aktuell 49 gläubige Frauen und Männer sowie fünf Schwestern im Leitungsteam gehören (von links): Hannah Koch, Esther Bruder, Schwester Dorothea Maria Oehler, Claudia Graff, Renate Graf und Schwester Thomas Morus. Der schmale Baum hinten, Bildmitte, ist ein Gingko-Lebensbaum, der zur Gründung gepflanzt worden ist.
Sie sind Teil der Gemeinschaft Lebensbaum des Klosters Hegne, die seit 20 Jahren besteht und zu der aktuell 49 gläubige Frauen und Männer sowie fünf Schwestern im Leitungsteam gehören (von links): Hannah Koch, Esther Bruder, Schwester Dorothea Maria Oehler, Claudia Graff, Renate Graf und Schwester Thomas Morus. Der schmale Baum hinten, Bildmitte, ist ein Gingko-Lebensbaum, der zur Gründung gepflanzt worden ist. | Bild: Thomas Zoch

Esther Bruder

Esther Bruder von der Insel Reichenau kam ebenso zum Lebensbaum, als ihre Kinder schon etwas älter waren und sie mehr Freiräume gespürt habe. Auch sie erklärt, dass sie die Teilnahme an der Gemeinschaft als wertvolle Zeit und Kraftquelle empfinde. „Das Miteinander stärkt unheimlich“, so Bruder. Und es werde auch füreinander gebetet. „Es ist schön, wenn eine Schwester sagt, sie betet für mich.“

Hannah Koch

Hannah Koch aus Allensbach ist eine noch junge Mutter und erst kurz in der Hegner Gemeinschaft. Während der Schwangerschaft habe sie gespürt, „dass da noch mehr sein muss“. Sie habe sich für die Gemeinschaft entschieden, um den Glaubensweg zu gehen und zu vertiefen, den Glauben zu leben und weiterzugeben. Sie finde am Lebensbaum gut, dass anders als etwa in einem Seminar das Miteinander fortdauernd sei und man sich regelmäßig treffe. „Wenn man eine Zeit lang hier ist, bekommt man Sehnsucht, wieder zu kommen“, so Koch.

Blick auf das Kloster Hegne in Allensbach.
Blick auf das Kloster Hegne in Allensbach. | Bild: Kultur- und Verkehrsbüro Allensbach

Ausflüge nach Assisi und Pilgerungen

Für die Schwestern sei der Austausch mit den Gläubigen und Suchenden in der Gemeinschaft, die auch ein paar evangelische Mitglieder habe, ebenso eine Bereicherung, erklärt Schwester Dorothea Maria. „Es ist ein Geben und Nehmen.“ Man begegne sich in großer Offenheit. „Das Verbindende ist das gemeinsame Gebet.“ Bei den Treffen im Kloster werde die Eucharistie gemeinsam gefeiert, es gehe um Bibelarbeit und den Austausch über das Evangelium, und jeweils auch darum, was die Mitglieder konkret für ihren Alltag mitnehmen. Man habe auch schon Fahrten nach Assisi gemacht, das Mutterhaus des Ordens in Ingenbohl besucht oder sei Pilgerwege gelaufen.

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Neuen Interessenten biete man ein Vorgespräch und Schnupperwochenende an, so Schwester Dorothea Maria. Dann gebe es zunächst eine dreijährige Orientierungs- und Vertiefungsphase. Einmal im Jahr würden neue Mitglieder in den Lebensbaum aufgenommen.

„Wir sind kein Orden, der ausstirbt“

Durch die stetig steigende Zahl sei das Leitungsteam allerdings mittlerweile etwas überfordert. Daher schaue man nach neuen Formen und eine andere Organisation, denn: „Wir können den Geist nicht aufhalten“, so Dorothea Maria zum anhaltenden Interesse. Und diese Gemeinschaft sei auch ein Hoffnungszeichen für eine lebendige Kirche, dass der Glaube und der Geist der Schwestern weitergetragen werde. Selbst wenn deren Zahl weiter sinken sollte, meint Dorothea Maria daher: „Wir sind kein Orden, der ausstirbt.“