In seinem Haus ist Martin Thaler in diesen Tagen selten anzutreffen. Draußen im Garten mit der kleinen Streuobstwiese gibt es für den Schwaben viel zu schaffen. Das Obst und Gemüse muss geerntet werden und selbst das Holz des Obstbaumes verarbeitet Martin Thaler mit viel künstlerischem Geschick zu Blumenvasen, welche er zusammen mit seiner Frau Sibylle einmal im Jahr auf dem Weihnachtsmarkt in Allensbach verkauft. Der Erlös kommt zu 100 Prozent der Hunza-Hilfe zugute.

Auf Tour mit Bergkameraden lernte er die Hunzukuc kennen

Alles hat damit angefangen, dass Martin Thaler und seine Konstanzer Bergkameraden in den Jahren 2005 und 2007 auf Expeditionen im Karakorum diese weltoffenen, gebildeten und toleranten Menschen des Hunzatals kennen und schätzen lernen.

Die Hunzukuc sind Ismailiten, die einen gemäßigten Islam leben. Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen genießt hier einen hohen Stellenwert. Aus Fremden werden bald Freunde, obwohl die Kommunikation in den Anfängen schwierig ist. „Ohne Telefon und Internet verging ein halbes Jahr, bis auf meinen Brief der Antwortbrief in Allensbach ankam“, schildert Thaler die damalige Situation. Ein Gegenbesuch von Rashid Abdul, dem örtlichen Führer der beiden Expeditionen, festigt diese Freundschaft.

Naturkatastrophe und Terroranschläge bringen Tourismus zum Erliegen

Durch einen verheerenden Bergsturz im Januar 2010 wird das obere Hunzatal vom restlichen Pakistan abgeschnitten und kann anfangs nur per Helikopter erreicht werden. In der Folge bildet sich ein Stausee, der viele Felder und Häuser der angrenzenden Dörfer überflutet.

Der Tourismus, der schon seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 dramatisch zurückgegangen war, kommt nun vollständig zum Erliegen. Da nützt es den Bewohnern nichts, dass ihre grandiose Landschaft, wo die Siebentausender Spalier stehen, weltweit ihresgleichen sucht.

Auch der Warenverkehr ist stark eingeschränkt, auch wenn dieser später auf völlig überladenen Lastkähnen über den Stausee transportiert werden kann. Die Bauern bleiben auf ihren Kartoffeln sitzen, anstatt wie in früheren Zeiten wegen der späteren Ernte hohe Preise im Süden Pakistans erzielen zu können.

Gründung der Hunza-Hilfe mit Freunden

Im Jahr darauf gründen die Thalers zusammen mit Freunden die Hunza-Hilfe. Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung der Frauen. Örtliche Ausbildungskräfte werden unterstützt, damit diese die Frauen in ganz verschiedene Bereiche wie Stickerei, Früchtekonservierung, neuem Saatgut oder moderne Bewässerungstechniken einarbeiten können. Sanddorn und Aprikosen werden seitdem zu Saft und Marmelade verarbeitet.

Oftmals arbeiten die Männer im Süden Pakistans oder in den Golfstaaten, sodass die Frauen allein die Feldarbeit übernehmen müssen. Auch eine Ärztin, welche als einzige medizinische Fachkraft im Hunzatal überwintert, wird in den Anfängen finanziert.

Mittlerweile konzentriert man sich auf die Förderung junger mittelloser Mädchen und Frauen, um diesen bei der Ausbildung in den südlich gelegenen Städten Schulgeld, Kost und Logis zu finanzieren.

Weitermachen, solange es die Gesundheit erlaubt

Mit den Vertrauenspersonen vor Ort besprechen die Thalers regelmäßig den sinnvollen Einsatz der Spenden. Im Abstand von einigen Jahren überzeugt sich das Ehepaar auch vor Ort, ob die gespendeten Gelder sinnvoll verwendet wurden. Sibylle Thaler registriert überrascht die gute pädagogische Arbeit im Hunzatal.

„Schon in der ersten Klasse erlernen die Kinder zwei Fremdsprachen, neben der für sie fremden Landessprache Urdu auch noch Englisch.“ Auch die selbst hergestellten laminierten Unterrichtsmaterialien lassen das Herz der einstigen Sonderschullehrerin höherschlagen. „Wir werden den Verein fortführen, solange wir noch gesundheitlich dazu in der Lage sind“, fügt sie hinzu.

Damit dies noch lange der Fall ist, treten die beiden Unruheständler regelmäßig in die Pedale, schwimmen im seichten Gnadensee, pflegen den Garten mit den vielen Obstbäumen und bespaßen ihre Enkelschar. Zusätzlich kümmert sie sich ehrenamtlich um die Allensbacher Bibliothek und spielt Blockflöte, während er nicht nur grobes Holz zu schnitzen weiß, sondern auch sanft die Saiten seines Cellos streicht.

Weitere Infos gibt es unter: www.hunza-hilfe.de