Die Menschen im Allensbacher Ortsteil Kaltbrunn nennen ihren Hausberg liebevoll Buh, doch offiziell heißt seine dem Dorf zugewandte Südseite Rebbau.

Lange deutete dort außer dem Namen aber nichts auf Wein und Trauben hin. Stattdessen: weidende Schafe, Pferde, Streuobst.

Das Bild hat sich zuletzt jedoch gewandelt. Seit zwei Jahren stehen wieder Reben im Rebbau. Ein schmaler Streifen.

Langsam bereiten sich die Reben auf das Jahr 2019 vor.
Langsam bereiten sich die Reben auf das Jahr 2019 vor. | Bild: Feiertag, Ingo

Gepflanzt haben die 380 Stöcke im Mai 2017 zwei Hobbywinzer aus Leidenschaft: Gerhard Worm und Reinhard Kimmich.

Sie haben damit eine fast vergessene Tradition wiederbelebt

Wein war in Kaltbrunn im vergangenen halben Jahrhundert nur auf dem Dorfwappen zu finden: ein rotes Kreuz auf weißem Grund, in der Mitte ein gelbes Schild und eine Weinrebe mit Trauben und Blättern. Im Ort selbst standen so gut wie keine Weinstöcke mehr.

„Nach Kriegsende hat die Reblaus dem Kaltbrunner Wein den Garaus gemacht“, sagt Kimmich. Und Worm fügt hinzu, wie die beiden zu ihrem neuen Hobby kamen: „Wir sind beide nicht mehr im Arbeitsleben und hatten lange den Wunsch, hier wieder Wein anzubauen.“

Wein war in Kaltbrunn lange nur im Wappen präsent.
Wein war in Kaltbrunn lange nur im Wappen präsent. | Bild: privat

Laut Kimmich ist der Hang noch immer in 20 bis 22 Abschnitte mit jeweils etwa acht Metern Breite aufgeteilt, die den alt eingesessenen Familien im Dorf gehören. „Dort hat früher jeder Bauer seinen Wein angebaut“, sagt der Kaltbrunner. Ihre gemeinsame Parzelle haben er und Gerhard Worm von Helmut Müller gepachtet.

Links oberhalb des Dorfs erkennt man den Hang mit Namen "Rebbau", wo Gerhard Worm und Reinhard Kimmich auf einer Parzelle wieder Wein anbauen.
Links oberhalb des Dorfs erkennt man den Hang mit Namen "Rebbau", wo Gerhard Worm und Reinhard Kimmich auf einer Parzelle wieder Wein anbauen. | Bild: LUBW Kartendienst (Screenshot)

Ganz bewusst entschied sich das Duo für die 1983 gezüchtete und pilzwiderstandsfähige Weißweinsorte Souvignier gris, die mit weniger Pflanzenschutzmitteln behandelt werden muss und nicht so anfällig ist wie die einstigen Kaltbrunner Reben.

Auf der einen Seite ist der Souvignier gris ein besonders gehaltvoller Weißwein, andererseits passt er so auch bestens in ihr Konzept der ökologischen Landwirtschaft.

Natur erleben im Weinberg

„Wir begeistern uns für die Natur allgemein“, sagt der Gartenbautechniker Worm, und der Diplom-Chemiker Kimmich ergänzt: „Wir wollen die Natur erleben, und versuchen, durch die Begrünung eine hohe Biodiversität zu schaffen.“ So gedeiht unter den Reben eine selten gewordene und artenreiche Weinbergsflora mit verschiedenen Pflanzen und Kräutern wie etwa Weinbergtulpen.

In diesen Tagen beginnen die ersten Schneidearbeiten. Im Sommer dann schuften die Kaltbrunner insgesamt drei bis vier Wochen in ihren Reben. „Im letzten Jahr war es besonders trocken, da mussten wir wässern“, sagt Worm.

Trotz der vielen und auch harten Arbeit finden die Hobbywinzer Entspannung und Ruhe in ihrer Oase zwischen den Weinstöcken. „Es hat schon etwas Meditatives, wenn man mit der Hacke unterwegs ist“, sagt Worm. Und auch der Ertrag konnte sich sehen lassen. 60 bis 70 Kilogramm Trauben wurden an ihrem kleinen Weinberg geerntet, was 32 Liter Suser ergab. Der hatte laut Kimmich 100 Oechsle – und wurde direkt nach der Lese am Berg bei einem Fest mit Freunden und Familien verkostet.

Die Ernte des zweiten Jahres.
Die Ernte des zweiten Jahres. | Bild: privat

Ihren eigenen Tropfen dürfen die beiden nicht verkaufen. „Wir müssen alles selber trinken“, sagt Gerhard Worm und lacht. Das trifft sich gut, denn er und Reinhard Kimmich haben nicht nur das Faible für die Natur gemeinsam, sie wissen auch das eine oder andere Viertele zu schätzen.

„Wir haben eine Affinität zum Wein, aber mehr von der Nutzerseite“, erklärt Worm schmunzelnd. Noch haben sie ihren Traubensaft nicht gekeltert, doch der Geschmack des eigenen Weins, so es ihn denn einmal geben wird, ähnele dem von Grauburgunder.

Der Weinberg im Sommer mit Nebel über Kaltbrunn.
Der Weinberg im Sommer mit Nebel über Kaltbrunn. | Bild: privat

Der schmale Streifen Land genügt Gerhard Worm und Reinhard Kimmich. Ihre Nutzfläche wollen die Hobbywinzer nicht vergrößern. Sie würden sich allerdings freuen, wenn sie in Zukunft nicht alleine wären an dem Berg.

„Die Reben haben eine unheimliche Akzeptanz bei den Alt-Kaltbrunnern“, sagt Worm – und Kimmich fährt fort: „Es kommen immer wieder Leute, die auch interessiert sind und ihre Fühler ausstrecken. Es wäre doch schön, wenn noch andere aus dem Dorf mitmachen. Das gäbe dann irgendwann wieder das alte Bild.“

Mit vielen Reben am Rebbau – und nicht nur auf dem Dorfwappen der Kaltbrunner.