Der Spielplatz auf der Lände ist bei Allensbacher Kindern beliebt. Unter anderem kommt der Kindergarten regelmäßig hinab zum Gnadensee. Auch Familie Schwiderski aus Hamburg, die regelmäßig zu Besuch in der Gemeinde ist, kennt und schätzt den Spielplatz.

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Sandkasten, Rutsche, Schaukel: Alles, was das Kinderherz begehrt, ist vorhanden. Vor allem von der blauen Kletterpyramide sind mutige Mädchen und Jungen wie Mika Schwiderski angetan. An dicken Tauen können sie sich auf drei bis vier Meter Höhe emporhangeln. Wer sich gewundert hat, warum die Kies-Schicht darunter seit einiger Zeit deutlich dicker ist: Das hat direkt mit Mika zu tun haben.

Inzwischen ist zu erkennen, dass am Untergrund unter dem Spielgerät nachgebessert worden ist. Laut der Gemeinde Allensbach soll der Kletterturm damit künftig sicherer werden.
Inzwischen ist zu erkennen, dass am Untergrund unter dem Spielgerät nachgebessert worden ist. Laut der Gemeinde Allensbach soll der Kletterturm damit künftig sicherer werden. | Bild: Oliver Hanser

„Mikas Arm sah aus wie ein Z“

Am 10. September hat der Vierjährige, dessen Tante in Allensbach lebt, seinen Mut teuer bezahlt. „Sein Arm sah aus wie ein Z“, sagt sein Vater Robin Schwiderski. Der Grund: Mika sei aus ungefähr zwei Metern Höhe von diesem Klettergerüst auf den Boden gefallen. Die Folge: Ein komplizierter Bruch von Elle, Speiche und Ellenbogen.

Nach Mika Schwiderskis Sturz vom Klettergerüst in Allensbach sind die Folgen der Operation seines mehrfach gebrochenen Arms auch heute noch zu sehen.
Nach Mika Schwiderskis Sturz vom Klettergerüst in Allensbach sind die Folgen der Operation seines mehrfach gebrochenen Arms auch heute noch zu sehen. | Bild: Robin Schwiderski

„Das Ellbogengelenk befand sich an der Stelle des Trizeps“, sagt Mikas Vater. Es sei einem Ersthelfer und einem umsichtig reagierenden Notarzt zu verdanken, dass Mikas Unfall nicht noch schlimmer ausging.

Vater ist sicher: Der Sturz hätte weniger schlimm enden müssen

Kies ist neben Rindenmulch oder Holzschnitzel ein unbedenklicher Untergrund für Spielgeräte – sofern er korrekt eingesetzt wird.

Nun kann es im Übermut passieren, dass Kinder von einem Klettergerüst stürzen – das ficht auch Robin Schwiderski nicht an. Mikas Sturz, so schätzt sein Vater, wäre aber weniger folgenreich gewesen, wenn sich die Gemeinde schon im September an europaweit geltende Empfehlungen für den Fallschutz auf Spielplätzen gehalten hätte.

Die Kletterpyramide auf dem Spielplatz an der Lände in Allensbach. Von ihr ist Mitte September ein kleiner Junge gestürzt und hat sich einen komplizierten mehrfachen Armbruch. Sein Vater kritisiert die Gemeinde wegen einer unzureichenden Absicherung.
Die Kletterpyramide auf dem Spielplatz an der Lände in Allensbach. Von ihr ist Mitte September ein kleiner Junge gestürzt und hat sich einen komplizierten mehrfachen Armbruch. Sein Vater kritisiert die Gemeinde wegen einer unzureichenden Absicherung. | Bild: Oliver Hanser

Kritik: Die Kies-Schicht unter dem Klettergerüst war nicht dick genug

Im normenverliebten Deutschland wurde diese Empfehlung in eine entsprechende DIN gegossen. Bei Kies als Untergrund sollte die Schicht bei einer Fallhöhe von zwei Metern mindestens 20 Zentimeter, bei einer Fallhöhe von drei Metern mindestens 30 Zentimeter dick sein.

Die Schwiderskis haben nach dem Unfall nachgemessen. „Mehr als zwei bis drei Zentimeter waren das nicht, danach kam ein extrem harter, grauer Unterboden“, sagt der Hamburger am Telefon. Entsprechende Bilddokumente, die diesen Eindruck zu belegen scheinen, liegen der Redaktion vor. Seit den Nachbesserungen nach dem Unfall von Mika ist die Schicht deutlich dicker.

Die Kies-Schicht unter dem Klettergerüst an der Lände in Allensbach heute: Beim Sturz von Mika Schwiderski im September 2019 soll diese nicht 13 Zentimeter dick gewesen sein – sondern nur zwei bis drei.
Die Kies-Schicht unter dem Klettergerüst an der Lände in Allensbach heute: Beim Sturz von Mika Schwiderski im September 2019 soll diese nicht 13 Zentimeter dick gewesen sein – sondern nur zwei bis drei. | Bild: Oliver Hanser

Bürgermeister Stefan Friedrich: Spielgerüst wurde im Mai 2019 geprüft

Mit den Vorwürfen konfrontiert antwortet Bürgermeister Stefan Friedrich: „Das Spielgerüst wurde im Mai 2019 durch einen externen Gutachter der Dekra geprüft und ordnungsgemäß abgenommen.“ Es sei nicht auszuschließen, dass die Situation zum Zeitpunkt von Mikas Unfall vier Monate darauf eine andere gewesen sei.

Robin Schwiderski.
Robin Schwiderski. | Bild: privat

Für den Vierjährigen hatte der Sturz eine komplizierte Notoperation zur Folge, mögliche Spätschäden könnten laut Robin Schwiderski nicht ausgeschlossen werden. Wegen eines möglichen Regresses habe er daher einen Rechtsanwalt eingeschaltet. „Wir wollen aber vor allem verhindern, dass anderen Kindern etwas Ähnliches passiert“, sagt Schwiderski, „zumal der Aufprall auch zu einem tragischen Ausgang hätte führen können.“

Mika Schwiderskis Allensbacher Tante wandte sich ans Rathaus – vergeblich

Nachdem er sich mit entsprechenden Normen befasst habe, hält Schwiderski auch die Überarbeitung nach dem Unfall nicht für ausreichend, weil diese nicht großflächig unter dem Gerüst erfolgt sei. Von der Gemeinde hätte er sich – nachdem er sie anschrieb – wenn schon keine Entschuldigung oder andere Antwort, so zumindest eine Eingangsbestätigung gewünscht.

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Auch Wochen nach dem Unfall sei hiervon nichts geschehen. Robin Schwiderski: „Wir sind besonders enttäuscht, dass weder Bürgermeister Friedrich noch Hauptamtsleiter Stefan Weiss anscheinend an dem Unfallhergang interessiert sind.“ Seine in Allensbach lebende Schwägerin wollte zuletzt „im persönlichen Gespräch den Unfallhergang schildern“, so Schwiderski. Da sie selbst einen sechsjährigen Sohn hat, sei es der Allensbacherin auch um eine Absicherung des Spielgeräts gegangen. Sie sei jedoch beim Besuch am Rathaus abgewiesen worden.

Was sagt der Bürgermeister dazu?

Allensbachs Bürgermeister führt das Einschalten der Anwälte als Grund seines Schweigens an. „Da wir vor jeglichem persönlichen Kontakt einen Brief vom Anwalt erhielten, müssen unsere Juristen jetzt prüfen, ob tatsächlich ein Versäumnis vorliegt“, sagt Stefan Friedrich. Eine Reaktion seitens der Gemeinde könnte juristisch als Schuldeingeständnis missverstanden werden, erklärt er.

Dass Mikas Tante zu ihm wollte, bestätigt der Bürgermeister und erklärt die Abweisung mit einem vollen Terminkalender: „Wir hätten gerne einen Termin für ein Gespräch vereinbaren können, dann hätte ich mich auch vorab über das Thema informieren können.“

Bürgermeister Friedrich: „Nachbesserungen sind keine Vertuschung“

Dass am Untergrund des Gerüsts kurz nach Mikas Unfall nachgebessert wurde, „ist definitiv keine Vertuschung. Aber natürlich haben wir uns sofort Gedanken über die Sicherheit an dem Spielgerät gemacht, als wir von dem Unfall hörten, und dann für die Zukunft vorgesorgt“, erklärt Friedrich.

Er bedauere – unabhängig von der juristischen Komponente –, dass Mika sich so schwer verletzt habe. Gerne wolle er mit dem Jungen sprechen oder sich jetzt doch bei seiner Tante im Ort melden, damit sie ihm ein Kärtchen nach Hamburg überbringen könne. „Man kann mir jetzt gerne Langsamkeit in der Sache vorwerfen, aber nicht, dass mir das egal wäre“, so Friedrich. Sein Wunsch zum persönlichen Kontakt habe „nichts damit zu tun, dass sich jetzt der SÜDKURIER meldet, das hatte ich sowieso vor“.