Angenehm kühl ist es an diesem frühen Morgen auf dem Allensbacher Höhrenberg. Der Boden unter den Weinreben von Pius Wehrle ist noch feucht vom leichten Regen am Vorabend. Dennoch kommt der Hobbywinzer schnell ins Schwitzen. Die Pflanzen müssen entblättert werden, damit die Trauben genug Licht abbekommen.

Während ganz Deutschland unter der großen Hitzewelle leidet und die Allensbacher im viel zu warmen Wasser des Untersees verzweifelt versuchen, eine Abkühlung zu finden, strahlen einige Winzer wie Wehrle mit der Sonne um die Wette. „Zum Arbeiten ist es unangenehm, deshalb gehe ich früh morgens und am Abend raus“, sagt der 69-Jährige, „für den Wein ist es allerdings ein sehr gutes Jahr“. Vor zwölf Monaten sorgten Frost und Hagel für enorme Einbrüche. Nur 350 Liter Müller-Thurgau brachte ihm der Jahrgang 2017, normalerweise sind es dreimal so viele.

In diesem Jahr beginnt die Lese drei Wochen früher als üblich

Für die aktuelle Entwicklung sorgt laut Deutschem Weininstitut der wärmste April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, der zu einer verfrühten Blüte führte. „Der sehr sonnige Sommer hat die weitere Reife zusätzlich beschleunigt, sodass der Entwicklungsstand der Reben rund drei Wochen vor dem langjährigen Mittel liegt“, schreibt das Institut.

Auch Pius Wehrle wird in diesem Jahr Freunde und Familie schon Anfang September zur Lese mit anschließendem Gartenfest bitten, statt wie üblich am Ende des Monats. Zunächst sind die 1200 Quadratmeter Müller-Thurgau an der Reihe, etwa zwei Wochen danach dann die 1000 Qua­dratmeter Spätburgunder.

Am frühen Morgen ist Pius Wehrle bereits in den Reben, im Hintergrund ruht der Gnadensee. Der Hobbywinzer schneidet die Triebe zurecht.
Am frühen Morgen ist Pius Wehrle bereits in den Reben, im Hintergrund ruht der Gnadensee. Der Hobbywinzer schneidet die Triebe zurecht. | Bild: Feiertag, Ingo

Bewässert werden die Reben am Höhrenberg übrigens nicht. „Der Wein kann bis zu zehn Meter tiefe Wurzeln bilden“, erklärt Wehrle, blaues Polohemd, kurze Hose, und zeigt auf das satte Grün seiner Pflanzen, „hier haben wir eine sehr flachgründige Humusschicht und darunter feuchten Lehm“. Der versorgt die sehr gesunden und übervollen Reben.

„Ich musste sie schon runterschneiden, da der Behang zu groß war. Unter zu vielen Trauben hätte die Qualität gelitten“, sagt Winzer Wehrle, der mit Ausnahme der Lese den idyllisch über dem Dorfkern gelegenen Weinberg mit Blick auf den Untersee allein und komplett von Hand bewirtschaftet.

Gute Aussichten für den Allensbacher Jahrgang 2018

Die Aussichten für den Jahrgang 2018 sind also glänzend. „Ein zufriedenstellender Behang sowie ein ausgezeichneter Reife- und Gesundheitszustand der Trauben bieten aktuell sehr gute Ertrags- und Qualitätsvoraussetzungen“, schreibt das Deutsche Weininstitut.

Wie gut der Tropfen tatsächlich wird, kann jedoch noch niemand sagen. „Wichtig wäre, wenn es jetzt regnen würde“, hofft Pius Wehrle. „Wenn die Trauben erst zu spät Wasser bekommen, werden sie dick, quetschen sich gegenseitig ab und platzen. Das lockt Wespen und Fliegen an, und die Trauben faulen.“ Auch schlechtes Wetter könnte plötzlich die Lese im wahrsten Sinne des Wortes verhageln.

Die Reichenauer leiden unter der Trockenheit

Etwas kritischer sieht es auf der anderen Seite des Untersees aus. „Wir leiden unter der Trockenheit“, sagt Max Uricher, Geschäftsführer der Reichenauer Rebenaufbau- und Weinbaugenossenschaft. „Bis vor ein paar Tagen haben wir noch gedacht, dass es ein gutes Jahr würde. Die gute Blüte, der Bestand und die Menge der Trauben ließen auf einen guten Herbst hoffen“, fährt er fort, doch die kiesigen Böden auf der Insel speichern weniger Wasser als der Allensbacher Höhrenberg.

„Wenn es nicht bald regnet, sieht es nicht gut aus“, befürchtet Uricher, der dennoch ergänzt: „Wir sind in der glücklichen Lage, auf der Reichenau an die Wasserversorgung angebunden zu sein. Zum Teil ist die Bewässerung fest installiert, der Rest muss manuell bewässert werden, was mühsam und mit einem Riesenaufwand verbunden ist.“

Abwarten und auf Regen hoffen

So heißt es an beiden Ufern des Gnadensees: abwarten und auf Regen hoffen. Ohnehin ist neben harter Arbeit auch jede Menge Geduld gefragt beim Weinbau, das weiß auch Pius Wehrle. „Über den Geschmack kann man noch nichts sagen. Der ist immer ein bisschen anders. Man hat’s erst, wenn’s im Fass ist“, sagt der 69-Jährige lachend, dessen Wein auf der Reichenau gepresst und abgefüllt wird, ehe er im Allensbacher Verkehrsamt über den Verkaufstresen geht.

Mit dem Bewirtschaften des eigenen Grundstücks, das zuvor eine brach liegende Wiese gewesen war, hatte Wehrles Vater begonnen, der in französischer Kriegsgefangenschaft im Elsass in den Reben eingesetzt wurde. „Als ich aufgewachsen bin, habe ich mitgearbeitet und gelernt, wie es geht“, sagt Pius Wehrle.

Auch der Rentner schuftet hart – freiwillig und für den Genuss, nicht fürs Geld. „Ich trinke gerne meinen eigenen Wein“, sagt er und fährt schmunzelnd fort. „Wenn ich in den Reben gearbeitet habe, darf ich mir abends ein Glas gönnen. Deshalb gehe ich jeden Tag in den Weinberg.“ Und bei der aktuellen Hitze schmeckt der kühle Tropfen zur Belohnung bestimmt noch ein wenig besser.