Ein halbes Jahrhundert ist es nun schon her, dass das Dörfchen Allensbach einen großen Namen hatte in der Musikszene der Region. In den 60-er Jahren zieht das Tanzlokal Löwen die jungen Leute an wie ein Magnet. Von Konstanz, von der Höri, aus dem Hegau – von überall kommen sie, um in dem Saal gegenüber dem Rathaus zu angesagten Hits übers Parkett zu fegen.

„An den Wochenenden, aber auch sehr oft unter der Woche kamen 200, 300 Leute. Es war so voll, dass es an keinem Abend mehr Platz gab. Die Szene war schon toll damals“, schwelgt Karl-Heinz Waidele in Erinnerungen. Was die wenigsten wissen: Er und sein Bruder Jürgen, die längst von der Musik leben und bekannte Künstler sind, stehen an diesem Ort zum ersten Mal auf einer großen Bühne.

Karl-Heinz Waidele (links) und Jürgen Waidele.
Karl-Heinz Waidele (links) und Jürgen Waidele. | Bild: privat

Wenn sie nicht gerade mit zwei Gitarren von Kneipe zu Kneipe ziehen, ist das Gasthaus zum Löwen das heimliche Zuhause für die Waideles und ihre Allensbacher Musikerfreunde. Anfangs nennen sie sich die Four W’s. „Wir waren eine reine Beatband und haben aktuelle Lieder aus England und ein bisschen was Härteres aus Deutschland gespielt, wie Drafi Deutscher“, sagt Jürgen Waidele.

Neben ihm und Karl-Heinz gehören noch Volker Weltin und der über mehrere Ecken mit den Brüdern verwandte Hubert Waidele zur Kombo. „Am Anfang haben wir bei ihm im Schweinestall geübt, das ging aber nicht lange gut, weil die Instrumente immer ein bisschen gerochen haben“, erinnert sich Jürgen Waidele.

Jürgen Waidele musste sich vor der Polizei verstecken

Doch hier hilft der Löwenwirt Bruno Duffner. „Er war einer unserer ersten Förderer“, sagt Jürgen Waidele. „Bruno hat uns sämtliche Freiheiten gelassen.“ In einer Zeit vor Youtube und MTV, als noch lange nicht jeder die neuesten Hits zuhause in den CD-Spieler legen kann, hören die Autodidakten im Löwen die aktuellen Singles immer und immer wieder in der Musikbox. „Danach konnten wir es“, sagt Jürgen Waidele und lacht.

Zu den Four W’s kommt Saxofonist Karl Blum, der vor wenigen Wochen gestorben ist. „Er hat uns in die amerikanische Tanzmusik eingeführt. Wir lernten Lieder wie Strangers in the night oder Blueberry Hill, die ganz andere Harmonien hatten“, erzählt Karl-Heinz Waidele. Nun nennen sich die jungen Männer Bongo Boys.

Die Allensbacher Bongo Boys im Jahr 1969 mit (von links) Jürgen Waidele, Berndt Maurer, Fridolin Albiez, Hubert Waidele und Karl-Heinz Waidele.
Die Allensbacher Bongo Boys im Jahr 1969 mit (von links) Jürgen Waidele, Berndt Maurer, Fridolin Albiez, Hubert Waidele und Karl-Heinz Waidele. | Bild: privat

Die Songs werden weicher. Sie spielen Lieder von Frank Sinatra, tragen blaue Glitzerjacken und schwarze Hosen. Jürgen Waidele muss anfangs immer mal wieder von der Bühne verschwinden. „Wir mussten ihn verstecken, wenn die Polizei kam, weil er am Anfang erst 15 war“, sagt sein älterer Bruder Karl-Heinz lachend.

Die beiden sind inzwischen über 60, doch noch immer erinnern sie sich an die gute alte Zeit, als wäre es erst gestern gewesen. An „die Riesenbühne, den Tanzsaal, die Bar. Das war schon toll gemacht“, sagt Karl-Heinz Waidele mit leuchtenden Augen. Zunächst finanzieren die Jungs sich die Instrumente mit ihren Auftritten, später setzen Jürgen und Karl-Heinz ganz auf die Karte Musik.

Die Bongo Boys auf der Bühne im Allensbacher Löwen mit (von links) Jürgen Waidele, Hubert Waidele, Fridolin Albiez, Karl Blum und Karl-Heinz Waidele.
Die Bongo Boys auf der Bühne im Allensbacher Löwen mit (von links) Jürgen Waidele, Hubert Waidele, Fridolin Albiez, Karl Blum und Karl-Heinz Waidele. | Bild: privat

„Wir haben das in den Genen“, sagt Karl-Heinz Waidele und meint Mutter Wilma, die als Opernsängerin in Frankfurt auftritt, ehe es sie an den Bodensee zieht und von der die Brüder ihre ersten Gitarren bekommen. Karl-Heinz macht zunächst eine Lehre als Automechaniker und geht dann zur Bundeswehr nach Nagold, wo die Bongo Boys auch gern gesehene Gäste sind. „Wir mussten ihn für unsere Auftritte aus der Kaserne auslösen“, erinnert sich Jürgen Waidele. „Also haben wir bei den Offiziersbällen gespielt, und er hat dafür frei bekommen.“

Karl-Heinz Waidele wechselte vom Schlager zur Oper

In den 70-er Jahren geht Karl-Heinz nach Berlin, singt im Theater des Westens im Chor und hört zum ersten Mal Luciano Pavarotti. „Das war 1973. Rigoletto. Da wusste ich: So will ich das auch können“, erinnert sich der Allensbacher, der fortan Gesangsunterricht nimmt.

Zuerst versucht er sich mit mäßigem Erfolg als Schlagersänger, dann findet er auf den Spuren von Mutter Wilma sein Glück als professioneller Chorsänger an der Oper. Elf Jahre lang singt er in Berlin, dann von 1990 bis 2000 am Theater in Basel und später an der Oper in Zürich.

Bei Besuchen in der Heimat wird natürlich musiziert. Die Band spielt nun in wechselnder Besetzung unter dem Namen Fyling Sound. Sie stehen an den unterschiedlichsten Plätzen auf der Bühne und kommen mit den verschiedensten Musikstilen in Kontakt: In der „Bunten Kuh“ in Kaltbrunn lernen sie die Faszination des Jazz kennen, im Nachtclub „La Femme“ in Petershausen finden sie zum Soul.

Die Band Flying Sound mit (von links) Arthur Schaupp, Jürgen Waidele, Peter Keller, Berndt Hermann und Karl-Heinz Waidele.
Die Band Flying Sound mit (von links) Arthur Schaupp, Jürgen Waidele, Peter Keller, Berndt Hermann und Karl-Heinz Waidele. | Bild: privat

„Es gab auch eine Zeit, in der wir an ziemlich guten Orten aufgetreten sind: im Hörihotel oder dem Strandhotel Meersburg“, sagt Karl-Heinz Waidele, ehe sein Bruder Jürgen lachend ergänzt, dass „wir manchmal sogar noch auf der Heimfahrt auf der Fähre leicht angetrunken Musik gemacht haben“. Bühnen gibt es viele, ein Anlaufpunkt ist und bleibt aber: der Löwen.

"Das erste Lied war der Schneewalzer"

Jürgen, der jüngere Waidele, arbeitet nach der Lehre zum Speditionskaufmann in den Rieter-Werken und spielt nebenbei kurzzeitig in einer Profiband in der Schweiz. Später wird er in der Gems in Singen gefördert und lernt dort Musiker kennen, die wie er improvisieren.

„Als Kind hat mir jemand ein Akkordeon in die Hand gedrückt. Ich bin dann ein paar Tage durch die Wälder gelaufen und habe es mir selber beigebracht. Das erste Lied war der Schneewalzer“, erzählt Waidele. Er schmeißt den Job der Musik wegen und ist seit 1984 mit seiner Conversation nicht mehr aus der Szene am Bodensee wegzudenken. Seit Kurzem stehen die Waideles nach einer 33-jährigen Pause auch wieder gemeinsam auf der Bühne.

Bald treten die Brüder wieder gemeinsam auf

Verantwortlich dafür ist ihr gemeinsamer Freund Arthur Schaupp, mit dem sie schon lange die Musik verbindet. Der Allensbacher arbeitet als Koch auf einem Kreuzfahrtschiff der Amerika-Holland-Line und ist auf Heimatbesuch, als sein Vater stirbt.

„Da musste in zuhause bleiben und das Lokal meiner Eltern übernehmen“, sagt Schaupp. Zwischen 1971 und 1976 spielt er mit Karl-Heinz und Jürgen Waidele in Bands. Sie werden enge Freunde, ehe es Schaupp wieder auf die hohe See zieht, auf ein Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer.

Probenraum Wohnzimmer: Bei Arthur Schaupp (Mitte) üben Jürgen (links) und Karl-Heinz Waidele im Sommer 2018 für einen Auftritt.
Probenraum Wohnzimmer: Bei Arthur Schaupp (Mitte) üben Jürgen (links) und Karl-Heinz Waidele im Sommer 2018 für einen Auftritt. | Bild: Feiertag, Ingo

„Arthur hat uns in letzter Zeit immer genervt: Macht doch mal was gemeinsam“, sagt Jürgen Waidele. Er und sein Bruder sagen irgendwann ja, und seitdem proben sie in unregelmäßigen Abständen im Wohnzimmer der Schaupps für ihre Auftritte.

Zum Waidele-Duo gehört in jüngster Zeit auch immer der Saxofonist Arno Haas, manchmal Bassist German Klaiber oder die Percussionistin Christine Forster aus der Schweiz. Das nächste große Konzert in der Heimat haben sie am 8. November im Il Boccone in Konstanz.

"Das war einfach der Wahnsinn"

Zu gerne würden sie wieder einmal an der alten Wirkungsstätte auftreten, doch den Löwen gibt es längst nicht mehr. An seiner Stelle steht in Allensbach seit 1997 die Gemeindeverwaltung sowie eine Wohnanlage für Senioren, von denen sich bestimmt der eine oder andere an die stürmischen Tage in den 60-er und 70-er Jahren erinnert.

Die Waideles jedenfalls denken immer wieder gerne zurück an die großen Auftritte in ihrem kleinen Heimatdorf. „Der Löwen war ein Schlüsselerlebnis“, sagt Jürgen, „das war einfach eine klasse Zeit. Jeder hatte Geld für Feten, und was da an guter, neuer Musik kam, das war einfach der Wahnsinn.“

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