Die erste Lektion in Sachen Heimatkunde erfolgt mit dem Holzhammer. Stolz erzählt das Touristenpaar aus Koblenz vom morgendlichen Besuch auf der Reichenau. „Da wurde uns gesagt, dass das Beste an Allensbach der Blick auf die Insel sei“, sagt der Mann und wird rüde unterbrochen.

„Das will keiner hören!“, stellt Ludwig Egenhofer klar und gibt mit dem Seitenhieb auf den hassgeliebten Nachbarn die rhetorische Richtung vor, die sein zweistündiger Streifzug durch Allensbach mit dem Namen „Von Gnadenglöckchen, Leidenschaften und Rechenspielen“ nehmen wird.

Auf sechs Stationen erfahren dabei sowohl Gäste aus der Fremde als auch einheimische Allensbacher mit jeder Menge Augenzwinkern allerhand Neues über den 7000-Einwohner-Ort am Untersee. Und wenn sich ab und zu sogar ein Reichenauer ans andere Ufer verirrt, wird auch der es nicht bereuen. Denn bei allen Sticheleien verbindet die Insulaner und das Dorf auf dem Festland mehr als beiden in gespielter Rivalität oft lieb ist. Nicht zuletzt die Lage „an der schönsten Ecke des Bodensees“, wie Egenhofer zur Begrüßung im Kultur- und Verkehrsbüro schwärmt.

Station 1: Der Bahnhof

Die Tourist Information ist seit 1990 im ehemaligen Bahnhof zuhause, der viel mit dem Aufschwung Allensbachs zu tun hat. „Der Bau der Eisenbahn vor 150 Jahren hat den Ort groß gemacht. Davor war es ein armes Fischer-, Wein- und Bauerndorf, das nur mit dem Pferd oder mit Ochsenkarren erreichbar war. Damals wurden die Gleise in 25 Jahren gebaut, heute dauert bei der B33 alleine die Planung 30 Jahre“, erklärt Egenhofer bei Allensbacher Wein und Bionade der Gruppe mit 19 Erwachsenen und vier Kindern, ehe der 64-Jährige die vier Ortsteile vorstellt.

„Wir fangen bewusst mit dem Wein an. Spätestens, wenn wir an die frische Luft kommen, stellt mir keiner mehr Fragen“, ergänzt das Allensbacher Urgestein, der eine humorvolle Tour verspricht und das auch hält. „Ich bin ein Ur-Allensbacher. Nicht, weil ich so ur-alt aussehe, sondern weil mein Stammbaum bis 1600 zurückgeht“, sagt er – und verschweigt dabei (vorerst noch) das dunkle Reichenauer Kapitel in der Geschichte seiner Familie.

Station 2: Die Schiffslände

Der kühle Wind tut gut nach den schweißtreibenden Augusttagen, die am Untersee ihre Spuren hinterlassen haben. „So einen niedrigen Wasserstand habe ich zu dieser Jahreszeit noch nie erlebt“, sagt Ludwig Egenhofer, der sein ganzes Leben hier verbracht hat und bei einem Blick gen Süden zugibt, dass die Allensbacher einst Leibeigene des Reichenauer Klosters gewesen waren.

„Auch zur Blütezeit der Reichenau gab es dort schon Halunken“, sagt Egenhofer und erklärt, wie der Gnadensee zu seinem Namen kam. „Verbrecher durften damals nicht auf Heiligem Land hingerichtet werden, deswegen wurden sie mit verbundenen Augen im Boot nach Allensbach zum Galgenacker gebracht“, erfährt die Gruppe bei der Führung. Wenn während der Überfahrt auf der Insel das Glöckchen geläutet hat, wurden die Verurteilten begnadigt.

Laut einer Version sei es der Wind gewesen, der die Glocke zum Läuten brachte. „Wahrscheinlicher ist aber, dass sie oft begnadigt wurden, damit die Reichenauer nicht für die Familie der Verurteilten aufkommen mussten“, sagt Egenhofer, der sich offenbart. „Ein Nachfahre der Verbrecher steht heute hier vor euch“, sagt er und grinst. „Aber lieber heute Allensbacher, statt immer noch Reichenauer.“

An der Schiffslände erzählt Ludwig Egenhofer, das Allensbacher Wappen in der Hand, was es mit dem Gnadenglöckchen auf sich hat.
An der Schiffslände erzählt Ludwig Egenhofer, das Allensbacher Wappen in der Hand, was es mit dem Gnadenglöckchen auf sich hat. | Bild: Feiertag, Ingo

Ein ungeliebter Nachbar eint selbst diese beiden Rivalen. „Am 9. August 1633 wurde Allensbach an zwölf Stellen von württembergischen Reitern angezündet und niedergebrannt“, sagt Egenhofer, „deswegen frotzeln wir auch heute noch gerne gegen die Württemberger. Es hat sich aber schon gebessert. Immerhin haben wir jetzt schon den zweiten Württemberger als Bürgermeister.“

Die einen Allensbacher fanden Asyl auf der Reichenau, die anderen in den Wäldern. „Nach ein bis zwei Jahren kamen die ersten sechs Einwohner zurück, die die Stadt wieder aufgebaut haben“, sagt der Hobby-Ortsführer: „Darunter war ein Mahlbacher, ein Weltin – und ein Egenhofer.“

Allensbach mit Doppel-L: weltweit einzigartig

Mehr als 300 Jahren später erlebten deren Nachfahren in den Sechzigerjahren den nächsten Aufschwung nach dem Bau der Eisenbahn, der noch verstärkt wurde, als die Kliniken Schmieder nach Allensbach kamen und hundert Arbeitsplätze schufen.

Entgegen aller Legenden war es übrigens weder ein Reichenauer noch ein Württemberger, der für den Ortsnamen verantwortlich ist. In den ersten Tagen des Dorfes lebte der alemannische Stammesführer Alahol mit seiner Sippe am Bach, vermutlich am heutigen Mühlbach. Aus Alaholfesbach wurde Alespach, Alenspach und schließlich das einzigartige Allensbach. „Mit Doppel-L gibt es das weltweit nur ein einziges Mal“, weiß Ludwig Egenhofer.

Station 3: Der Rathausplatz

Zwischen der katholischen Kirche St. Nikolaus und dem Rathaus von 1751 hat man einen guten Blick auf das älteste Gebäude des Ortes, das Haus Federlinsturm, in dem der Gemeindeammann gelebt hat, und das neben dem zweitältesten steht, dem Pfarrhaus. Wenn nicht gerade Hochwasser ist, ist der See ein ganzes Stück entfernt, doch hier war vor mehr als 150 Jahren tatsächlich das Ufer.

„Beim Bau der Eisenbahn waren die Landwirte nicht bereit, ihre Äcker im Hinterland herzugeben, deshalb musste für die Gleise auf Sumpfgebiet ausgewichen werden“, erklärt Ludwig Egenhofer. Deshalb sei durch Sprengungen bei Schaffhausen der Rhein vergrößert worden. „Der Wasserspiegel des Sees ist um einen Meter gesunken und die Bahn konnte gebaut werden“, sagt der 64-Jährige, der Hut, kurze Hose und ein schwarzes Allensbach-Polohemd trägt, über diese Form der „modernen Landgewinnung“.

Station 4: Die Kirche

Ludwig Egenhofer nimmt den Hut ab und erzählt von der Geschichte der gläubigen Allensbacher. „Die Leute waren einst verpflichtet, an Sonn- und Feiertagen zum Gottesdienst auf die Reichenau zu rudern“, sagt er. Erst vor über 500 Jahren sei es ihnen erlaubt gewesen, eine eigene Kirche zu bauen. Die aktuelle ist das dritte Gotteshaus an diesem Ort im Zentrum des Dorfes, alle drei wurden dem Heiligen Nikolaus gewidmet. Die Allensbacher sind stolz auf ihre von den Einwohnern selbst gebaute Kirche, in der viele Ornamente und Kanzeln aus Geldmangel sehr einfach aus normalem Holz hergestellt und wie Stein bemalt wurden.

Auf die katholische Kirche St. Nikolaus sind die Allensbacher stolz, erklärt Ludwig Egenhofer.
Auf die katholische Kirche St. Nikolaus sind die Allensbacher stolz, erklärt Ludwig Egenhofer. | Bild: Feiertag, Ingo

Station 5: Die Demoskopie

„Wegen des Instituts für Demoskopie sind wir weltberühmt“, sagt das Allensbacher Urgestein, der mehr als acht Jahre nach ihrem Tod noch von Elisabeth Noelle-Neumann schwärmt. „Sie war eine großartige Frau, bis zum Schluss Berlinerin und Allensbacherin“, erklärt Egenhofer im Hof des Instituts, wo schon etliche Bundeskanzler zu Gast waren.

Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die heutige Ehrenbürgerin des Ortes in einer Garage am See mit der Meinungsforschung. „Die Allensbacher haben gefragt: Was will die Alte?“, sagt Egenhofer, „sie ist bis zuletzt hier die Alte geblieben und wusste das auch.“

Dank der Demoskopin blieb Allensbach eigenständig

Nach elf Jahren zog Noelle-Neumann 1958 aus der Garage um in das heutige Gebäude, das mehrfach erweitert wurde. „Nach der Wiedervereinigung hatten die Allensbacher Angst, dass das Institut nach Berlin umzieht. Sie wollte aber trotz des Standortnachteils bleiben“, erklärt Egenhofer. Später habe Noelle-Neumann ihre guten Kontakte in die Politik genutzt, sodass Allensbach eigenständig bleiben konnte und nicht von Konstanz eingemeindet wurde.

Station 5: Der Höhrenberg

Mit einer wunderbaren Aussicht auf den Ort und den Gnadensee endet der kurzweilige Streifzug mit einem Hauch von Sonnenuntergang über dem Hegau. „Dort hinten in der Schweiz hat Napoleon gelebt, der auf dem Bodanrück nicht nur in den Wäldern gewildert hat“, sagt Egenhofer. Der französische Kaiser habe auch Jungfrauen nachgestellt. „Einer seiner Nachfahren lebt noch in Allensbach, will aber nicht, dass es bekannt wird“, sagt Egenhofer und schüttelt den Kopf. „Das würde mich nicht stören. Lieber Napoleon als Reichenauer.“

Dann schließt Ludwig Egenhofer mit den Worten: „Ich hoffe, Sie haben gespürt, dass ich meine Heimat liebe und dass ich das rüberbringen konnte.“ Dem widerspricht niemand, alle sind begeistert. Und auch wenn es der Allensbacher nicht gerne hört: Von hier oben ist der Blick auf die Reichenau tatsächlich grandios.