Gesucht wird ein Mittel gegen Vereinsamung. In Aach forschen die Aktivisten des sozialen Netzwerks nach der passenden Idee, in Singen nennt sich das Projekt "Älter werden im Quartier" und in den Nachbargemeinden Hilzingen, Gottmadingen und Rielasingen-Worblingen stemmen sich Seniorenbeiräte gegen eine Entwicklung, die Menschen mit steigendem Lebensalter in die soziale Isolation treibt und auch Steißlingen setzt auf den Gedanken der Nachbarschaftshilfe. Doch Ehrenamtliche stoßen dabei oft an die Grenzen. "Wenn sich die Betroffenen oder ihre Angehörigen an uns wenden, ist es oft schon zu spät", beobachtet Ingrid Gielen als Einsatzleiterin des Sozialen Netzwerks in Aach. Ihre Erfahrung ist, dass sich viele Senioren zieren, sich ihre Hilflosigkeit einzugestehen und wenn es denn unvermeidlich ist, ist der Schritt in die Betreuungseinrichtung meist nicht mehr zu vermeiden.

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Doch gerade in den Jahren zuvor droht Vereinsamung, wenn das soziale Umfeld wegstirbt. Uwe Rumpp, Senior aus Rielasingen-Worblingen beobachtet, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Wo vor 100 Jahren Mehrgenerationenwohnen in vielen Familien noch normal war, muss man heute Projekte ins Leben rufen, um Alt und Jung zusammenzuführen, da die Individualisierung von Lebensläufen immer häufiger Biografien aus zwischenmenschlichen Bindungen herauslöst – ganz egal ob aufgrund beruflicher Ortswechsel oder gescheiterter Beziehungen. Statistisch sei zu beobachten, dass im Alter immer mehr Menschen auf sich alleine gestellt sind und damit nicht mehr zurechtkommen.

"Es muss uns gelingen, den demographischen Wandel so zu gestalten, dass er für alle zum Gewinn wird."Bärbel Mielich (Grüne), Staatssekretärin aus dem Landessozialministerium
"Es muss uns gelingen, den demographischen Wandel so zu gestalten, dass er für alle zum Gewinn wird."Bärbel Mielich (Grüne), Staatssekretärin aus dem Landessozialministerium | Bild: Biehler, Matthias

"Es muss uns gelingen, den demografischen Wandel so zu gestalten, dass er für alle zum Gewinn wird", betont Bärbel Mielich, Staatssekretärin aus dem Landessozialministerium, bei ihrem Besuch im Hegau. Sie ist nicht zum ersten Mal in Singen und kennt die Ambitionen der Stadt, soziales Leben zu entfachen. Die Beteiligung am Landesprogramm "Älter werden im Quartier" ist da ein wesentlicher Baustein. "Es ist eine gute Zeit, etwas Neues entstehen zu lassen", betont Mielich. Einerseits sei es Ziel der Sozialpolitik, die ambulante Pflege auszubauen und möglichst vielen Menschen den Umzug in die Pflegeeinrichtung zu ersparen, denn dies entlaste auch die Sozialkassen. Anderseits müsse man erkennen, dass der Wunsch zu Hause alt zu werden, auch zur Herausforderung für Angehörige wird. "70 Prozent der zu Pflegenden werden zuhause betreut", sagt Mielich in Bezug auf die Mehrbelastung für pflegende Angehörige. Und Parteikollegin Dorothea Wehinger, Landtagsabgeordnete der Grünen, ergänzt: "Pflegende Angehörige werden in der Debatte oft vergessen."

"Pflegende Angehörige werden in der Debatte oft vergessen."Dorothea Wehinger, Landtagsabgeordnete (Grüne)
"Pflegende Angehörige werden in der Debatte oft vergessen."Dorothea Wehinger, Landtagsabgeordnete (Grüne) | Bild: Biehler, Matthias

Der Ausbau ambulanter Betreuungsangebote hat für beide deshalb Priorität – ganz egal ob es um Tages- oder Nachtpflegestationen geht. "Das sind die Betreuungseinrichtungen für Senioren", sagt Mielich. Und genau davon gebe es zur Entlastung Angehöriger noch viel zu wenige in Baden-Württemberg. Beim Schwerpunkt Quartiersentwicklung sei es wichtig, Betreuungseinrichtungen nicht nur für Bewohner zu konzipieren, sondern für die Nachbarschaft zu öffnen, wie es im Konzept des Servicehaus Sonnenhalde vorgesehen sei. Heimleiterin Heidrun Gonser hat damit gute Erfahrungen gemacht: "Unsere Offenheit wird angenommen", sagt sie.

"Auch Demenz ist ein Faktor sozialer Isolation. Freunde ziehen sich zurück."Maria Elfriede Lenzen, Demenzbeauftragte in Engen
"Auch Demenz ist ein Faktor sozialer Isolation. Freunde ziehen sich zurück."Maria Elfriede Lenzen, Demenzbeauftragte in Engen | Bild: Biehler, Matthias

Projektideen aus der Region

  • Ein Oma-/Opa-Patenprojekt hat der Ortsseniorenrat in Rielasingen-Worblingen vor sechs Jahren gestartet. Dieses erfreue sich großer Beliebtheit, erklärt Projektorganisatorin Ursula Schwarz. Einige Senioren engagieren sich auch als Vorlese-Paten an den Grundschulen und Kindergärten sowie beim Deutschunterricht von Asyl-Kindern. Kontakt für Senioren, die sich engagieren wollen, Ursula Schwarz, Tel. (07731)2 36 54.
  • Nachbarschaftshelfer sollen sich qualifizieren. Die katholischen Landfrauenbewegung der Erzdiözese Freiburg bietet Qualifizierungskurse an. 20 Teilnehmer werden am 9. April ihre Zertifikate in Steißlingen erhalten.
  • Demenz als Faktor sozialer Isolation: "Freunde ziehen sich zurück", erklärt Maria Elfriede Lenzen, die seit 25 Jahren als Demenzbeauftragte in Engen aktiv ist. Viele wüssten nicht, wie sie mit dem sich verändernden Bekannten umgehen sollen. Dabei ist Demenz nicht nur ein Thema für Senioren. "Das betrifft immer häufiger auch junge Menschen", beobachtet de 80-jährige Maria Elfriede Lenzen, die seit 25 Jahren in der Demenzbetreuung tätig ist.
  • Dilemma Projektförderung: Es sei doch besser zu fördern, was vor Ort benötigt wird, statt, was gerade in irgendein Konzept passt, fordert Singens Sozialbürgermeisterin Ute Seifried im Richtung Landesregierung. Aber auch dazu gebe es bereits ein Projekt, so Staatssekretärin Mielich: Gesucht werden acht Modellkommunen, die das Thema Pflegeinfrastruktur budgetiert bewältigen wollen. (bie)