Herr Graf, wie fühlen Sie sich am letzten Arbeitstag als Bürgermeister von Aach?

Es sind gemischte Gefühle. Einerseits bin ich in erwartungsvoller Neugierde auf den neuen Lebensabschnitt, der vor mir liegt. Andererseits spüre ich natürlich auch einen Abschiedsschmerz über das, was ich nun hinter mir lassen werde. Das Abschied nehmen vom Amt und den Menschen und das Loslassen der Aufgaben ist doch recht emotional. Deshalb überwiegt momentan noch die wehmütige Seite.

Wird die Abschiedsfeier am Freitagabend für Sie besonders emotional?

Ja, mit Sicherheit. Ich werde hier letztmals in meiner Funktion als Bürgermeister ganz viele von den Menschen treffen, mit denen ich in den vergangenen 16 Jahren ein Stück Weg gegangen bin und die mir auch ans Herz gewachsen sind. Da kommen sicherlich viele Emotionen hoch. Ich weiß ja noch nicht ganz genau, was alles geplant ist. Ich weiß aber bereits, dass die Vereine das Programm mitgestalten werden. Darauf freue ich mich schon sehr. Wie ich aber vom Vorbereitungsteam erfahren habe, könnte es durchaus noch die eine oder andere Überraschung geben.

Wie stehen Sie gut ein halbes Jahr später zur Entscheidung, dass Sie nach 16-jähriger Tätigkeit als Gemeindechef nicht mehr bei der vergangenen Bürgermeisterwahl antreten wollten?

Es war eine schwierige Entscheidung, denn beide Alternativen – nochmals zu kandidieren oder in der jetzigen Lebensphase einen Aufbruch zu wagen und etwas Neues zu beginnen – fühlten sich gut für mich an. Dass ich mich letztendlich für das Zweite entschieden habe, hat ausschließlich private Gründe. Für meine individuelle Situation ist es die richtige Entscheidung. Das lässt sich aber nicht verallgemeinern.

Können Sie Ihre berufliche Zukunft etwas locker angehen, weil Sie durch Ihre zwei Amtsperioden als Bürgermeister und den vorhergehenden langjährigen Tätigkeiten im öffentlichen Dienst Anspruch auf Teilpension haben?

Meine weitere berufliche Zukunft ist derzeit noch offen. Ich habe mich bis zum letzten Arbeitstag voll und ganz meiner Aufgabe als Bürgermeister gewidmet. Für meine Neuorientierung brauche ich nun erst etwas zeitlichen Abstand. Die Versorgungssituation ermöglicht mir dazu gewisse Freiheiten.

Haben Sie nun mehr Zeit für die Familie?

Ja, sicherlich – und auch Zeit für mich allein. Ich werde jetzt an den Abenden und Wochenenden nicht mehr so viel unterwegs sein wie bisher. Das ist für mich und meine Familie eine schöne Aussicht.

Sie und Ihre Frau Renate haben vor acht Jahren zwei Mädchen aus Äthiopien adoptiert. Wie geht es den Kindern und wo gehen sie zur Schule?

Unsere Töchter Kalkidan (elf Jahre) und Sintayehu (acht Jahre) haben sich prächtig entwickelt und sind beide starke und selbstbewusste Persönlichkeiten. Darüber sind wir sehr froh und dankbar. Kalkidan besucht die sechste Klasse am Immanuel-Kant-Gymnasium Tuttlingen und Sintayehu die dritte Klasse der Grundschule Liptingen. Die Schule macht ihnen viel Freude, auch musikalisch sind beide sehr begabt und engagiert.

Rückblickend: Was war für Sie besonders positiv in Ihrer Tätigkeit und welche besonderen Erfolgserlebnisse gab es?

Ganz besonders positiv an der Aufgabe als Bürgermeister empfinde ich die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten und den persönlichen Einsatz für das Allgemeinwohl und das Miteinander in der Gemeinde. Auch die vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen haben mich immer tief bereichert. Zu den wichtigsten Projekten gehören die Erschließung neuer Baugebiete für Wohnen und Gewerbe, die Umgestaltung des EMA-Areals mit Ansiedlung des Netto-Marktes, die Sicherung des Schulstandortes und der Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowohl im Kindergarten wie auch in der Schule. Dass wir heute in Aach keinen nennenswerten Sanierungsstau haben und unsere Infrastruktur erhalten und ausbauen konnten, war mir besonders wichtig. Ich freue mich auch, dass ich beim Aufbau und bei der Arbeit des Sozialen Netzwerks aktiv mitwirken konnte. Neu auf den Weg gebracht sind nun auch die Neugestaltung der Ortsmitte im Rahmen des Sanierungsgebietes und der Bau des Pflegeheims.

Mussten Sie auch Schattenseiten erleben?

Das bleibt im Amt eines Bürgermeisters natürlich nicht aus. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit war die Geschichte mit der Geruchsbelästigung durch die Biogasanlage eine schwierige und belastende Zeit. Da gab es auch persönliche Anfeindungen. Auch die heftigen Dissonanzen in der Debatte um die Ansiedlung eines Pflegeheims waren unschön. Rückblickend kann ich aber sagen, dass ich gerade an den schwierigen Situationen persönlich gewachsen und gereift bin.

Wie sehr werden Sie das Aacher Rathaus-Team vermissen, nachdem sie auch schon etliche Jahre als Kämmerer der Stadt tätig waren?

Das Mitarbeiterteam des Rathauses werde ich sicherlich sehr vermissen. Ich war ja schließlich 24 Jahre ein Teil davon und habe mich hier immer sehr wohl und beheimatet gefühlt. Ich hatte wunderbare engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auf die ich mich immer verlassen konnte. Darüber konnte ich froh und glücklich sein.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Manfred Ossola, der Sie ja viele Jahre lang als Hauptamtsleiter begleitet hat?

Ich wünsche ihm, dass er ebenso viel Freude und Erfüllung im Amt erlebt, wie ich es durfte und dass er Aach mit einer glücklichen Hand und guten neuen Ideen weiter voranbringt. Auch wünsche ich ihm, dass es ihm gelingt, das neue Amt und sein Privatleben gut miteinander zu vereinbaren.

Wie sehr hat Sie das Bürgermeisteramt auch als Mensch geprägt und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Alle Begegnungen und Erfahrungen – sowohl die positiven, wie auch die schwierigen – haben mich geprägt und gestärkt. Nichts davon möchte ich missen. Ich habe mich als Mensch weiterentwickelt, aber ich bin nach wie vor derselbe Charakter. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich meine Vorstellungen für meine künftigen Betätigungen auch verwirklichen kann, familiäres Wohlergehen und möglichst lange eine stabile Gesundheit.

 

Person und Abschied

Severin Graf begann eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Gemeinde Hilzingen von 1986 bis 1989. Es folgte von 1989 bis 1993 eine Ausbildung zum gehobenen Verwaltungsdienst und Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl, Abschluss Diplom-Verwaltungswirt (FH). Ab Dezember 1993 Kämmerer in Aach, 28. Oktober 2001 Wahl zum Bürgermeister (gegen drei Mitbewerber), 27. September 2009 Wiederwahl (ein Mitbewerber). Grafs Verabschiedung findet am Freitag, 1. Dezember, um 19.30 Uhr in der Schulturnhalle statt.