Freitag, kurz vor Mitternacht: Für Severin Graf ist Schluss. Rund viereinhalb Stunden zog sich die Verabschiedung des Bürgermeisters von Aach hin, doch das wirkliche Ereignis kommt dabei nur am Rande zur Sprache. 1993 übernahm er in der Gemeinde das Amt des Kämmerers, bevor er 2001 Bürgermeister der Stadt wurde. Es folgen zwei Amtsperioden und der heute 50-Jährige hätte vermutlich problemlos noch zwei Amtszeiten drangeben können, denn der Festakt vermittelt es eindeutig: Der Mann ist vom Fach, er ist beliebt und die Länge der Verabschiedung zeigt auf symbolische Weise, dass man ihn eigentlich nicht ziehen lassen will.

Volles Haus: Die Gemeinde Aach verabschiedet am Freitagabend nach 16 Amtsjahren ihren Bürgermeister Severin Graf.
Volles Haus: Die Gemeinde Aach verabschiedet am Freitagabend nach 16 Amtsjahren ihren Bürgermeister Severin Graf.

Doch Severin Graf geht – ohne Not, ohne berufliche Verbesserung oder auch nur eine Laufbahn-Alternative. Offensichtlich klebt da zur Abwechslung einer mal nicht an seinem Stuhl, schert sich nicht um die engen Gesetzmäßigkeiten der Arbeitswelt samt all ihrer Klischees. Nur einmal kommt im Laufe des langen Abends diese Besonderheit explizit zur Sprache: Das Soziale Netzwerk von Aach, das seine Entwicklung maßgeblich der Initiative und Unterstützung von Severin Graf zu verdanken hat, modifiziert in einer Adaption der TV-Show "Wer wird Millionär?" die Frage zu einem kurzweiligen Ratestück, was der Mann denn künftig sein wird. Severin Graf wiederholt, was er zuvor bereits im SÜDKURIER-Interview gesagt hatte: Er wird – vorerst jedenfalls – einfach nur Familienvater sein und sich Zeit für eine Neuorientierung nehmen.

Davon träumen viele, auch wenn sie es nicht unbedingt zugeben. In Aach allerdings gibt es eine Blaupause für den freiwilligen Verzicht auf ein ebenso herausforderndes wie alles in allem gut ausgestattetes Amt. Auch Pirmin Späth, der Vorgänger von Severin Graf und zwischenzeitlich für die katholische Kirche tätiger Diakon, verließ im Alter von 53 Jahren das Aacher Rathaus. Wie er in seiner Rede meinte, stellte er sich wie Severin Graf nach drei Amtsperioden die Frage, ob das Leben nicht noch andere Perspektiven als die eines quasi rund um die Uhr beschäftigten Bürgermeisters bereit halte. Inzwischen hat Pirmin Späth viel Zeit, um sich auch mit unzeitgemäßen Passagen aus der Bibel zu befassen, wie sein launig gemeinter Beitrag zur Rolle der Frau an der Seite des Mannes verdeutlichte.

Andere dagegen wählen einen anderen Weg: Artur Ostermaier zum Beispiel. Auch ihm steht im Januar die Verabschiedung bevor, er allerdings bringt es als Bürgermeister von Steißlingen auf 40 Jahre beziehungsweise fünf Amtsperioden. Der Kollege von Severin Graf schilderte in seiner Funktion als Stellvertreter von Landrat Frank Hämmerle sowie des Gemeindetags die Entwicklung der Stadt Aach unter Severin Graf, die ihresgleichen suche. Allein der Erfolg bei der Inanspruchnahme von Geldern aus diversen Ausgleichsstöcken nötigte Artur Ostermaier viel Respekt vor seinem Aacher Bürgermeister ab.

Im Reigen der Grußworte übernahmen Johannes Moser und Alfred Mutter eine ähnliche Rolle wie Artur Ostermaier. Die Bürgermeister von Engen und Volkertshausen gehören ebenfalls zu den tief verankerten Pfeilern der Kommunalpolitik im Landkreis Konstanz und haben im Laufe ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit als Verwaltungschefs möglicherweise ebenfalls Überlegungen zur Neuorientierung ihres Lebens angestellt.

Das alles bedeutet aber nicht, dass es nicht durchaus Gründe für das Bestreben nach dem Amt als Bürgermeister gibt. Beispiel dafür ist der Nachfolger von Severin Graf: Als Endfünfziger möchte Manfred Ossola, wie er bei seiner Bewerbung gern hervorgehob, der Allgemeinheit etwas zurückgeben. Wie der bisherige Kämmerer von Aach sagte, dürfe sich derjenige glücklich schätzen, der begreift, dass es nie zu spät ist für einen Neuanfang. Für Severin Graf ist es der Amtsverzicht, für Manfred Ossola die späte Berufung für just dieses Amt.

 

Viele Grußworte

Bürgermeisterstellvertreterin Simone Hornstein hatte die Organisation der aufwendigen Abschiedsfeier übernommen. Neben den im Text erwähnten Rednern sprach unter anderem die Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger. Für Bühnenbeiträge sorgten Grundschüler und Kinder der Kindertagesstätte, die Stadtmusik sowie der Kirchen- und der MGV-Chor. (tol)