Ruhig sitzt Alma Dreher auf dem schicken Sofa im Pflegeheim Sonnengarten und blättert in der Zeitung. Besuch ist in Zeiten der Pandemie aufgrund der Kontaktbeschränkungen selten. Besonders an ihrem 103. Geburtstag vermisst sie ihre Familie doch sehr. „Sonst haben wir immer mit 30 Leuten meinen Geburtstag gefeiert, jetzt kann nur einer kommen, das ist Quatsch“, sagt sie und wirkt ein wenig ärgerlich. Gefeiert hat sie deshalb im kleinen Kreis bei ihrer Tochter, die für diesen Tag eine Zuger Torte gebacken hatte – die gehört bei ihrem Festen nämlich unbedingt dazu. Noch vor einem Jahr hat sie diese süße Verführung selbst gemacht und zu Hause mir ihren Lieben gefeiert, erzählt Alma Dreher.

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Inzwischen lebt sie im Pflegeheim. „Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt sie. Mit ihrem Rollator sei sie mobil, für die alltäglichen Dinge brauche sie keine Hilfe, berichtet sie stolz. Wenn es ihr gelingt, eine Lokalzeitung zu bekommen, liest sie gerne darin. Dabei interessiert sie vor allem das Geschehen in Lauchringen, wo sie einen großen Teil ihres Lebens verbrachte. Wichtig sei es, geistig fit zu bleiben. „Die jungen Leute denken immer, wenn man alt ist, kann man nicht mehr denken, dabei ist es nur der Körper, der nicht mehr so gut funktioniert“, erzählt sie mit der Gelassenheit einer Hochbetagten.

„Und ich puzzle gerne“, berichtet sie von einem ihrer Hobbys. Sie bekam eines geschenkt, auf dem ihre Enkelin mit deren Mutter abgebildet ist. Noch ist es nicht fertig, weil die Teile nicht so recht zusammenpassen wollen. „Es ist ziemlich schwer“, meint sie. Ablenkung bietet ihr auch das Fernsehgerät auf ihrem Zimmer, politische Themen interessieren sie allerdings nicht mehr: „Jetzt sollen sich die jungen Leute aufregen und was ändern.“

In Ägypten und Nepal

Fernreisen waren lange Zeit ihre große Leidenschaft, erzählt die fröhliche Seniorin. Sie war von den Pyramiden in Ägypten ebenso beeindruckt, wie von den Sehenswürdigkeiten in Mexiko, Indien oder Nepal. Begeistert erzählt sie von einem Flug über den Mount Everest: „Dafür habe ich sogar eine Urkunde bekommen“, schmunzelt die gut aufgelegte Seniorin.

Heute geht es ruhiger in ihrem Leben zu. Alma Dreher hat im Pflegeheim eine Frau kennengelernt, mit der sie regelmäßig „Mensch ärgere dich nicht“ spielt. Wenn sie nach dem Geheimnis gefragt wird, wie man über 100 Jahr alt wird, bekommt man eine originelle Antwort, die zum Sinn dieses Brettspiels passt: „Nicht gleich aufregen, ab und zu ein Bier und einen Schnaps trinken“, meint Alma Dreher vielsagend lächelnd. Immerhin war sie 25 Jahre ihres langen Lebens Wirtin in verschiedenen Lokalen, da hilft eine gewisse Gelassenheit: Elf Jahre hatte sie mit ihrem Ehemann Karl das Gasthaus „Hirschen“ mit Landwirtschaft in Bechtersbohl gepachtet, ab 1954 war das Paar 14 Jahre Pächter des „Wilder Mann“ im damaligen Obereggingen.

Corona-Impfung

Geselligkeit war ihr also nicht fremd, die ist derzeit im Pflegeheim momentan nicht möglich. „Ich hätte nie gedacht, dass ich sowas wie Corona einmal erleben werde – aber ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass ich über 100 Jahre alt werde und in einem Pflegeheim lebe“, erzählt sie. Für sie war es keine Frage, dass sie sich impfen lässt: „Das sollten alle tun, ich habe von der Spritze gar nichts gespürt und es gab keine Nebenwirkungen.“ Überhaupt gehe es ihr gut: „Ich muss nichts schaffen, das Essen ist gut und alle sind nett!“

Arbeitsreiches Leben

Schaffen musste sie in ihrem Leben viel. Schon als Kind half Alma Rudolph auf dem 175 Hektar großen Hof mit, den ihre Eltern mit vielen Angestellten auf der Marienhöhe im Odenwald bewirtschafteten. Mit ihren Eltern kam sie 1932 nach Tiengen auf den Hasenhof, vier Jahre später heiratete sie Karl Dreher. Mit ihm zog sie zwei Töchter und einen Sohn groß. 1965 kam das Paar nach Lauchringen, wenig später verunglückte Karl Dreher mit dem Motorrad tödlich. Sie arbeitete danach zunächst in Lauchringen, später bis zur ihrem 70. Lebensjahr im Kaufhaus May in Waldshut. „Eine schöne Zeit, zu meiner damaligen Chefin habe ich noch heute Kontakt!“ Öfter saß auf der Fahrt von Oberlauchringen in die Kreisstadt ihr Sohn Dieter am Steuer des Linienbusses. „Es hat schon angerufen und mir gratuliert“, sagt Alma Dreher nachdenklich. Sie hätte doch so gern mit ihrer ganzen Familie gefeiert.

Konzil singt für 100-Jährige

Es gibt viele Geschichten, die sie erzählen kann. An zwei aus der jüngsten Vergangenheit erinnert sie sich besonders gerne. Zum 100. Geburtstag bekam sie einen Flug mit dem Zeppelin geschenkt. „Es war nur eine halbe Stunde, aber den Bodensee von oben zu sehen war sehr schön.“ Unvergessen bleibt für sie auch der Auftritt im selben Jahr auf der Bühne im Konstanzer Konzil. Mit Bürgermeister Thomas Schäuble war sie bei der SWR-Fernsehfasnacht und wurde von der närrischen Gesellschaft gesanglich mit „Happy Birthday“ gefeiert.