Kabarett ist bekanntlich eine Form der Kleinkunst. Was Rene Sydow auf der Bühne der Ofteringer Klosterschüer präsentierte, kann man allerdings nicht mit dem Wort „klein“ beschreiben. Was die rund 100 Zuschauer erlebten, war wirklich ganz großes Kabarett.

Mit Herz und Verstand

Mit seinem Programm „ Die Bürde des weißen Mannes“, bot der am Bodensee geborene und heute im Ruhrgebiet beheimatete Rene Sydow wahrhaft brillantes Kabarett. Frech, treffend, und schonungslos, aber mit Herz, Leidenschaft und Verstand.

Keine seichte Unterhaltung

„Wer Unterhaltungskomik erwartet hat, für den werden es zwei harte Stunden“ versprach Sydow zu Beginn des Abends und er hielt Wort: Der kluge Kopf und rasante Redner bot keine seichtes Unterhaltung, sondern forderte sein Publikum mit hochintelligentem Kabarett. Seine Themenpallette schien unerschöpflich: Politik, Bildung, Wirtschaft, Religion – alles nimmt Sydow mit scharfer Beobachtungsgabe, messerscharfem Verstand aufs Korn und bringt die Dinge aus seiner ganz eigenen Sicht auf den Punkt.

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Sydow strapaziert die Lachmuskeln und geht gleichzeitig unter die Haut, macht betroffen und regt zum Nachdenken an. Flachwitze sind bei ihm Fehlanzeige, Sydow will nicht nur unterhalten, er will auch aufrütteln – und das versteht er wahrhaft fulminant. Schonungslos rechnet er ab mit einer Welt, in der nicht mehr Menschlichkeit und Bildung zählten, sondern Wirtschaftssysteme und Profit. „Warum wird die Welt nicht klüger, wo doch der Zugang zu Wissen noch nie so leicht war?

Handy, aber keine Toilette

Sechs Milliarden Menschen haben Zugang zu einem internetfähigen Handy, nur 4,5 Milliarden zu einer Toilette. Man muss halt Prioritäten setzen.“ Am Ende des Abends war dann auch klar, was die Bürde des weisen Mannes ist: Sydow zeigte auf, wer die Verantwortung trägt. Nicht der Staat, die Kirche oder die Wirtschaft, sondern wir Menschen, Bürger, Konsumenten.

„Wir sind es, die aus der Welt ein Paradies oder eine Hölle machen. Niemand zwingt uns dazu, Kleider für drei Euro zu kaufen. Wenn wir es aber tun, dann hat das Folgen.“ Und er stellte klar: „Eine bessere Welt ist möglich, wenn es uns gelingt unser Denken zu verändern.“

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Sydow brillierte nicht nur mit Wissen und Wortwitz, sondern auch mit einer ungeheuren Wandlungsfähigkeit. Begrüßte er das Publikum als unscheinbarer, altkluger und verkniffen wirkender Anzugträger, so schlüpfte er im Laufe des Abends immer wieder in andere Rollen.

Den durch und durch optimierten Verkäufer von Gesundheits-Armbändern mimte er ebenso überzeugend, wie den Teufel persönlich. Das Gesamtkunstwerk Sydow überzeugte vollends.

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Der Kulturring Wutöschingen hat mit Rene Sydow ein Juwel des hochkarätigen Kabaretts in die Region gebracht. Es ist bedauerlich, dass etliche Plätze in der Klosterschüer leer geblieben sind. Zwei Stunden Kabarett, dann ist es auch wirklich vorbei – ohne Zugabe, versprach Sydow zu Beginn. Und er hielt Wort: Schade eigentlich – dem brillanten Kabarettisten hätte man gerne noch stundenlang zuhören wollen.