Sie bellen, schnappen und zerren an der Leine – Hunde, die sich nicht benehmen, hat jeder Spaziergänger oder Radfahrer schon erlebt. Verhaltensweisen wie diese können, wenn sie wiederholt auftreten, auf eine ernstzunehmende Verhaltensstörung hinweisen. Schuld daran sind in fast allen Fällen die Besitzer, die nicht wissen, wie sie richtig mit ihrem Tier umgehen. Und das scheint immer häufiger der Fall zu sein.

Helga Fischer und Leonie Moser vom Tierschutzverein Weil am Rhein sind sich einig: „Die Zahl der verhaltensauffälligen Hunde hat in den vergangenen Jahren eindeutig zugenommen.“ Über die Gründe können sie nur spekulieren. Fischer, die neben ihrer Tätigkeit als Schriftführerin des Tierschutzvereins auch als Hundetrainerin arbeitet, hat den Eindruck, dass zunehmend weniger Menschen wüssten, wie man richtig mit Hunden umgeht. „Viele kaufen sich einen Hund, ohne sich richtig über das Tier und seine Bedürfnisse zu informieren.“ Das weiß sie aus eigener Erfahrung: „Als Hundetrainerin lerne ich im Jahr 120 neue Hunde kennen, aber die Vorberatung zum Hundekauf, die ich auch anbiete, wird in dieser Zeit nur zwei Mal wahrgenommen“, erzählt Fischer.

Außerdem würden Hunde oft nach der Optik ausgewählt und nicht nach ihren Eigenschaften. So sei der Rhodesian Ridgeback etwa sehr beliebt, obwohl die aus Südafrika stammende Rasse eigentlich zur Jagd von Löwen eingesetzt wird. „Das ist halt kein Anfängerhund“, so Fischer. Zudem erwarteten viele Hundebesitzer einfach zu viel von ihren Tieren. „Sie sollen mit in die Stadt, ins Restaurant, zur Arbeit und in den Urlaub und dabei aber immer freundlich zu allem und jedem sein“, erklärt Fischer. Aber ein Hund müsse auch mal „Nein sagen“ dürfen, und das täte er eben durch knurren oder anderes, oftmals aggressives Verhalten.

Anzeichen für ein gestörtes Verhalten können laut Leonie Moser, Vorsitzende des Tierschutzvereins, Schnappen und Beißen sein. Oft zerrten die Hunde an der Leine, vertrügen sich nicht mit unbekannten Menschen oder jagten auch mal Radfahrern und Joggern hinterher. „Oft trauen sich die Besitzer dann nicht mehr mit den Hunden raus. Wenn diese aber immer daheim eingesperrt sind, kommt zu der Aggression noch Frustration hinzu. Das ist ein Teufelskreis“, erklärt Moser Andere Besitzer wendeten sich an einen Hundetrainer. Eigentlich eine gute Sache, aber es müsse eben der richtige Trainer gefunden werden, das Verhältnis von Tier und Trainier müsse stimmen, sagt Fischer. „Außerdem sind einige Besitzer viel zu ungeduldig, wenn es nach ein paar Wochen nicht läuft, gehen sie zum nächsten Trainer und so weiter. Wir haben hier Hunde, bei denen von Leckerli geben bis Stromhalsband alles versucht wurde.“ Es erklärt sich von selbst, dass sich das nicht positiv auf das Verhalten der Hunde auswirkt.

„Schließlich, wenn der Leidensdruck einfach zu groß ist, geben die Leute die Hunde bei uns ab“, sagt Fischer. Vielen falle dieser Schritt jedoch sehr schwer, da es in der Gesellschaft regelrecht als Untat gelte, sein Tier ins Tierheim zu geben. „Für die Hunde ist das aber oft gut, denn wir sperren sie nicht einfach weg, sondern integrieren sie und arbeiten mit ihnen.“

Für manche Tiere bedeutet das aber auch, dass sie sich zunächst mit einem Maulkorb zurechtfinden müssen. Es sei immer noch besser, der Hund dürfe frei im Tierheim rumlaufen und mit den Mitarbeitern und anderen Hunden interagieren, als im Zwinger weggesperrt zu sein. Da Sicherheit aber vorgeht, geht das bei manchen zunächst nur mit Maulkorb.

Von den 15 Hunden, die derzeit im Tierheim leben, wiesen rund 80 Prozent gestörtes oder auffälliges Verhalten auf, schätzt Moser. „Unser Ziel ist es, so mit ihnen zu arbeiten, dass sie wieder vermittelbar sind.“ Dass einige der Vierbeiner nie bei einer Familie werden leben können, sei aber auch klar. Sie bräuchten eine Aufgabe und könnten diese etwa in der Objektbewachung finden. Auch wenn sich die meisten Hunde im Tierheim wohlfühlten, sei es wichtig, dass sie wieder vermittelt werden. „Gerade verhaltensgestörte Hunde brauchen viel Zeit“, sagt Fischer. Außerdem sei im Tierheim einfach nicht genügend Platz für mehr Tiere vorhanden, von den finanziellen Mitteln ganz zu schweigen.

Eine Patentlösung für das Problem gibt es nicht. Die beiden Frauen könnten sich eine Art „Hundeführerschein“, wie er kürzlich in der Schweiz getestet wurde, durchaus vorstellen. Dabei würde jeder, der sich einen Hund zulegt, verpflichtet, eine theoretische und praktische Prüfung abzulegen. Ansonsten können Moser und Fischer nur an jeden, der sich einen Hund zulegen möchte, appellieren, sich vorher genauestens zu informieren – über die Hunderasse, deren Eigenschaften, die richtige Haltung und Erziehung und gegebenenfalls auch die Kompatibilität mit kleinen Kindern und dem Familienleben.