Das Altes Schloss und das Rathaus in Wehr leuchten seit Mittwoch Abend in Orange. Damit will die Stadt zusammen mit dem Zonta Club Südschwarzwald auf die Gewalt an Frauen und Mädchen aufmerksam machen. „Es macht mich fassungslos, dass selbst heute junge, moderne Frauen betroffen sind. Es ist wichtig zu helfen und diese Tabuthema anzusprechen“, so Bürgermeister Michael Thater. „Je mehr man darüber spricht, desto eher erreicht man auch die betroffenen Frauen und kann Hilfe bieten“, ergänzt Corinna Zimmermann, Präsidentin des Zonta Club Südschwarzwald.

Das häusliche Gewalt nicht irgendwo, sondern direkt nebenan geschieht, wissen Ordnungsamtsleiter Stefan Schmitz und Marlies Sonntag, Leiterin des Frauenhauses Waldshut, leider nur zu genau. Im vergangenen Jahr wurden 97 Fälle von häuslicher Gewalt im Landkreis erfasst, so Polizeisprecher Mathias Albicker. Die Dunkelziffer ist deutlich höher: „Studien belegen, dass jede dritte Frau betroffen ist“, erklärt Sonntag. „Selbst in Wehr gibt es Fälle, die man sich kaum vorstellen kann“, so Schmitz. Rufen Opfer oder Nachbarn die Polizei, leisten Stefan Schmitz und seine Kollegen oftmals Amtshilfe, um die Täter für vier Tage der Wohnung zu verweisen. Als Leiter des Ordnungsamtes ist Schmitz auch für das Aussprechen von einem Annäherungs- und Kontaktverbot zuständig. Immer wieder geschehe es aber, dass sich die Frauen noch während des Einsatzes auf die Seite des Täters stellen oder diesen schon vorzeitig zurück in die Wohnung lassen, so Schmitz. „Die Frauen haben panische Angst“, erklärt Sonntag.

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Für die Kränkung durch den Polizeieinsatz und den Wohnungsverweis müsse das Opfer mit weiteren Misshandlungen rechnen. Trotzdem sei in einer Notsituation der Polizeieinsatz lebenswichtig, so Sonntag. Langfristig müsse die Frau aber von sich aus bereit sein, die Beziehung zu beenden. Druck und Vorwürfe würden da nicht helfen. Besser sei es, Möglichkeiten aufzeigen und den Kontakt zu halten, so die Empfehlung von Sonntag.

Auch das Alte Schloss leuchtet für 16 Tage orange – gemeinsam machen Zonta Südschwarzwald und die Stadt Wehr, hier vertreten durch Corinna Zimmermann und Michael Thater, auf Gewalt an Frauen und Mädchen aufmerksam.
Auch das Alte Schloss leuchtet für 16 Tage orange – gemeinsam machen Zonta Südschwarzwald und die Stadt Wehr, hier vertreten durch Corinna Zimmermann und Michael Thater, auf Gewalt an Frauen und Mädchen aufmerksam. | Bild: Julia Becker

Durch den Lockdown im Frühjahr habe man deutlich mehr Fälle erwartet: „Wir waren gut vorbereitet, mit Ausweichquartieren und Helfern“, so Sonntag. Doch erst danach stiegen die Fälle – denn dann war der Täter wieder aus dem Haus und die Frauen nicht mehr unter konstanter Beobachtung. Kontrolle durch den Täter ist ein Schlüsselfaktor bei häuslicher Gewalt, erklärt Sonntag: „Am Anfang ist die Liebe fast euphorisch, aber auch besitzergreifend.“

Die Frau werde immer mehr isoliert. Freunde und Familie ausgeschlossen. Der Partner übernimmt immer mehr die Kontrolle über das Leben der Frau. Beschimpfungen, Demütigungen und schließlich das erste Mal Zuschlagen: „Wenn der Täter keine Verantwortung übernimmt, keine Therapie macht, passiert es wieder,“ so Sonntag. Am Anfang gebe es noch Blumen und Entschuldigungen, aber das höre bald auf. Treffen könne es jede Frau, egal welchen Alters, welchen Bildungsstands oder welcher Herkunft – das bestätigen sowohl Schmitz als auch Sonntag, und: „Es liegt immer am Täter, nie am Opfer!“ Und auch wenn die Frau den prügelnden Mann zurücknehme: Kommt der Notruf, fahre man immer wieder los, so Schmitz.