Es gibt nur noch wenige Menschen im Wehratal, die sich an die goldene Zeit des Damen-Feldhandballs erinnern. Einer von ihnen ist der 1927 in Brennet geborene Gerold Rotzler. Mit 18 Jahren wurde er im März 1945 in den Kampf gegen die Rote Armee an die Oder geschickt. Rotzler hatte Glück und überlebte. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft und war Weihnachten 1945 wieder in der Heimat. 1947 zog Rotzler das große Los. Bei einer Oster-Veranstaltung der im Jahr zuvor neu gegründeten Spielvereinigung Brennet im Gasthaus „Zum Wehratal“ lernte der junge Fußballer die Handballspielerin Uschi Schröder kennen. Sie war ihm wegen ihrer frechen Zöpfe sofort aufgefallen. Die Sympathie war gegenseitig. Nach seinem Studium als Bauingenieur heiratete er Uschi im Jahr 1953.

Hochzeit von Gerold Rotzler und Uschi Schröder: Die kirchliche Trauung fand am 31. Juli 1953 in Todtmoos statt. Rechts Fridolin und ...
Hochzeit von Gerold Rotzler und Uschi Schröder: Die kirchliche Trauung fand am 31. Juli 1953 in Todtmoos statt. Rechts Fridolin und Sophie Rotzler, links die Witwe Helene Schröder. | Bild: Gerold Rotzler/Repro: Reinhard Valenta

Uschi war nach dem Krieg als Heimatvertriebene in Öflingen gestrandet und spielte sich rasch nicht nur in Gerold Rotzlers Herz, sondern auch in die Herzen des sportbegeisterten Publikums. Die kleine, aber flinke und außergewöhnlich wurfstarke Mittelstürmerin war der Star der Brenneter Damenmannschaft. Mit ihr standen unter anderem Gisela Baumgartner, Gertrud Gallmann, Rösle Griener, Brunhilde Maier, Lydia Meier, Hildegard Obrist, Gisela Siegrist, Else Strittmatter, Amalie Thomann, Toni Widenhorn und Liesbeth Ziegler auf dem Spielfeld. Dieses lag hinter der Schreinerei Kaiser in Richtung Wallbach und hatte die Größe eines normalen Fußballfelds. Von den genannten Spielerinnen lebt wohl keine mehr, aber vergessen sind sie noch lange nicht. Das haben wir Gerold Rotzler zu verdanken.

Ausflug der Spielvereinigung Brennet 1949 nach Wettelbrunn in die „Winzerstube“: Fridolin Rotzler (sitzend, vorn, rechts) ...
Ausflug der Spielvereinigung Brennet 1949 nach Wettelbrunn in die „Winzerstube“: Fridolin Rotzler (sitzend, vorn, rechts) hatte im Krieg den Gastwirt Gottfried Willi kennengelernt. Das Mädchen mit den Zöpfen am Treppengeländer ist Uschi Schröder. | Bild: Gerold Rotzler/Repro: Reinhard Valenta

Der rüstige Brenneter, dessen Ehefrau Uschi 2011 für immer von ihm gegangen ist, besitzt eine echte Rarität aus der sportbegeisterten Nachkriegszeit. Es handelt sich um eine handgefertigte Sportzeitung vom September 1947. Die Titelseite wurde mit Buntstift gezeichnet und zeigt zwei Handballerinnen der Spielvereinigung Brennet. Der Inhalt ist humoristisch im Stil einer Schnitzelbank gehalten. Nicht nur Trainer Hofmann, sondern alle jungen Frauen der Mannschaft bekamen ihr „Fett“ weg – das in den damaligen Hungerzeiten allerdings heiß begehrt war.

Die Titelseite der Zeitung des Damen-Handballclubs: Sie erschien im Verlag Klöngel & Co. und lud zu einer ...
Die Titelseite der Zeitung des Damen-Handballclubs: Sie erschien im Verlag Klöngel & Co. und lud zu einer „Großveranstaltung“ am 12. September 1947 im Gasthaus „Zum Wehratal“ ein. | Bild: Gerold Rotzler/Repro: Reinhard Valenta

Auch für Uschi Schröder fand die lustige Sportzeitung einige Verse: „Und als die Uschi in Öflingen wurde bekannt/da dachten die Leute bestimmt, das ist die Unschuld vom Land/doch als sie taucht‘ im Damenhandball auf/da gingen den Leuten die Augen auf/denn so ‚ne Mittelstürmerin, wie sie sich zeigt/findet man nit grad weit und breit.“

Uschi Schröder und ihre Kameradinnen trumpften im Bezirk Oberrhein mächtig auf und heimsten manchen Titel ein. Ihre Gegnerinnen kamen etwa aus Brombach, Rheinfelden, Säckingen und Wehr. Höhepunkt der kurzen Damenhandball-Nachkriegsgeschichte war das südbadische Pokalfinale am Sonntag, 12. Juni 1949. Es fand im Mösle-Stadion in Freiburg gegen die Mannschaft aus Meersburg statt.

„Zunächst hatte man den Eindruck, dass die Meersburgerinnen ihre Kontrahenten in Grund und Boden spielen würden“, hieß es im Pressebericht. Zur Pause lagen die Damen der Spielvereinigung nämlich mit 0:3 zurück. Doch nach der Pause zog „die Mannschaft von Brennet entgegen den Erwartungen gleich“. Das war „fast ein alleiniges Verdienst des kleinen Fräuleins Uschi Schröder, das urwüchsig und mit spielerischem Naturtalent, mit wehenden Zöpfen, barfuß, meist durch Strafwürfe, Tore erzielen konnte. Diese Taten und ihr Aussehen stempelten sie zum Liebling des Volkes.“

Zwar entschieden die „Maidle“ vom Bodensee das Finale kurz vor Abpfiff für sich. Aber der Publikumsliebling Uschi Schröder erhielt auf Geheiß des Ehrengastes Joachim Egon Fürst zu Fürstenberg unter dem Jubel der Zuschauer einen riesigen Blumenstrauß überreicht. So kam es, dass die Handballdamen der Sportvereinigung Brennet erhobenen Hauptes zurück ins Wehratal fuhren.

Die Begeisterung für den seit den 1920er Jahren gespielten Feldhandball kühlte sich allerdings bald ab. An seine Stelle trat im Laufe der Zeit der attraktivere Hallenhandball. Das war aber nicht der eigentliche Grund, wieso die Damen der Spielvereinigung Brennet nicht mehr dem Ball nachjagten. Ihre Sportschuhe hängten sie jedenfalls nicht an den Nagel. Sie spielten schließlich, wie oben berichtet, barfuß. Den meisten jungen Frauen der Mannschaft erging es jedoch wie ihrer Spielführerin Uschi Schröder. Sie heirateten, bekamen Kinder und spielten fortan ihre vom damaligen Zeitgeist bestimmte Rolle im Team „Familie“.