Erinnert sich noch jemand an die schwere Kindheit des begnadeten Wehrer Geigers Werner Krotzinger? Der 1926 geborene und 2009 verstorbene Musiker hatte sehr früh seinen Vater Ernst Hermann verloren.

Damit Werner an Weihnachten 1931 eine Freude hatte, feierte er das Fest bei seiner Tante Marie Eschbach gemeinsam mit seinem Cousin Fritz und seinem Onkel Rudolf. Marie war, wie seine Mutter Lina, eine geborene Kleissler und wohnte mit ihrer kleinen Familie in der Hauptstraße 36. Das Haus gehörte dem Papierfabrikanten Johann Lenz und wurde zu Beginn der 1950er Jahre im Zuge des damaligen Neubaus der Volksbank abgerissen.

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Im Erdgeschoss betrieb die „Döbele Els“ ihren Tante-Emma-Laden. Ein Stockwerk höher hatte der kinderreiche Schneidermeister Fridolin Kleissler seine Wohnung mit Atelier. Seine Tochter Lina war Ernst Hermann Krotzingers Witwe. Unter dem Dach des Lenz-Hauses, an das nur noch einige historische Fotografien erinnern, lebte Marie Eschbach, geborene Kleissler, mit ihrem Ehemann Rudolf und dem einzigen Kind Fritz, besagtem Cousin Werner Krotzingers.

Ein Foto aus Maries Album bezeugt das Weihnachtsfest 1931. Wie es scheint, hat der kleine Blondschopf Werner den Abend genossen. Ob er auf der Geige seines Onkels, der in jungen Jahren Geigenunterricht hatte, spielen durfte, ist nicht überliefert. Angesichts der späteren Karriere Werner Krotzingers darf das durchaus vermutet werden.

Weihnachten 1931: Der spätere Konzertgeiger Werner Krotzinger (vorne links) feiert in der Hauptstraße 36 bei seiner Tante Marie mit seinem Cousin Fritz und Onkel Rudolf das Weihnachtsfest.
Weihnachten 1931: Der spätere Konzertgeiger Werner Krotzinger (vorne links) feiert in der Hauptstraße 36 bei seiner Tante Marie mit seinem Cousin Fritz und Onkel Rudolf das Weihnachtsfest. | Bild: Archiv Reinhard Valenta

Sehr ausgelassen ging es zwei Jahre später bei einer Silvesterparty im gegenüber gelegenen Schuhhaus Büche (heute Sportgeschäft Sandra Schmidt) in der Hauptstraße 35 zu. Dort wohnten im obersten Stockwerk Anton und Ida Leber, die Eltern des 2015 verstorbenen Gemeinderats Eberhard Leber. Max Marksteiner, der im Krieg gefallene Buchdrucker Fritz Bader, Herausgeber des „Wehratalers“, und Anton Leber waren eng befreundet. Sie begrüßten mit ihren Freundinnen bzw. Frauen in Lebers Dachwohnung gemeinsam das neue Jahr 1934.

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Es sollte für Deutschland nichts Gutes bringen. Marksteiners Sohn Klaus, wie Leber ebenfalls Mitglied des Wehrer Gemeinderats, erinnert sich an den Zugang zur Wohnung: „Dieser führte durch das Tor neben dem Schuhgeschäft hinter das Haus. Dort befanden sich die damals typischen Lauben mit Holztreppen, über die ich in die Wohnung meines Freundes Eberhard gelangte.“

Wie es scheint, gehörte in den 1930ern eine hochprozentige Bowle zur Silvesterfeier. Die stimmungsaufhellende Wirkung des Gebräus wurde mit der Kamera des Fotoamateurs Max Marksteiner im Stil „vorher“ und „nachher“ eindrucksvoll dokumentiert.

Silvesterparty 1933 (von links): Maria und Fritz Bader, Max Marksteiner und Anton Leber vor dem Genuss der Bowle…
Silvesterparty 1933 (von links): Maria und Fritz Bader, Max Marksteiner und Anton Leber vor dem Genuss der Bowle… | Bild: Archiv Reinhard Valenta
...und die Wirkung des Gebräus danach. Das Foto zeigt, dass die gute Laune im heimischen Wohnzimmer angekommen ist.
...und die Wirkung des Gebräus danach. Das Foto zeigt, dass die gute Laune im heimischen Wohnzimmer angekommen ist. | Bild: Archiv Reinhard Valenta

Auch in Öflingen gab es versierte Fotografen. Tiefe Einblicke in die Weihnachtsträume 1953 vermittelt uns Albert Hildenbrand. Der Gabentisch seiner Kinder Robert, Angela und Gisela war nach überwundener Nachkriegsnot gut gedeckt.

Weihnachtsbescherung in der Familie Hildenbrand 1953: Robert, Angela und Gisela werden von ihrem leidenschaftlich gern fotografierenden Papa Albert auf Zelluloid gebannt.
Weihnachtsbescherung in der Familie Hildenbrand 1953: Robert, Angela und Gisela werden von ihrem leidenschaftlich gern fotografierenden Papa Albert auf Zelluloid gebannt. | Bild: Archiv Reinhard Valenta

Vater Albert besserte die Familienkasse für solche Extras auch mit dem Verkauf seiner Fotos auf. Das kleine Dampfsägewerk wird ihn vermutlich mehr begeistert haben als sein trompetendes Söhnchen Robert, der es wohl erst ein paar Jahre später laufen ließ. Die voll ausgestattete Puppenstube hingegen wird von der brav in Positur stehenden Gisela gewiss schon am Weihnachtsabend in Betrieb genommen worden sein.

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Dass die Weihnachtsgaben auch anderswo liebevoll dargeboten wurden, erfuhr ein Jahr später Hans Loritz. 1944 in Brennet zur Welt gekommen, wurde er, wie viele andere Kinder, in der kalorien- und fettarmen Nachkriegszeit lungenkrank. So kam es, dass er 1954 im Kindersanatorium Friedenweiler das Weihnachtsfest feierte.

Später schrieb er über dieses Erlebnis: „De Herr Pfarrer hät uns erklärt, wie (…) ärmlich es in dem Stall vo Bethlehem gsi isch. Noch de Chille hät‘s in jedere Gruppe s‘Heilig-Obend-Esse gä. Ich weis nümme, was des war. Aber eis weis ich bis hüt no – s´wichtigste an dem guete Festesse war für uns, dass es chei Lebertran gä hät.“

Heiligabend 1959 in der Hauptstraße: Auch ohne Corona blieben die Menschen daheim und feierten mit ihren Familien.
Heiligabend 1959 in der Hauptstraße: Auch ohne Corona blieben die Menschen daheim und feierten mit ihren Familien. | Bild: Archiv Reinhard Valenta

Lebertran gab es Silvester 1965 bei den italienischen Familien Foresia, Lanza und Vasi gewiss nicht, dafür aber einen reich gedeckten Tisch mit Rotwein, Flaschenbier und leckeren Speisen.

Sie wohnten beim Malermeister Alfons Keser, ebenfalls ein Fotofreund. 1960/61 hatte er ein Nebengebäude seines Hofes ausgebaut, wo „Gastarbeiter“ unter menschenwürdigen Umständen lebten – Familienanschluss inklusive. Sie verdienten in der MBB ihr Geld.

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Ihre Schicksale würden ein Buch füllen. Einige wurden in Deutschland oder der Schweiz heimisch, andere gingen zurück – doch die Freundschaft zu den Kesers, heute Baumgartner, blieb. Ob wir so hoffnungsvoll wie sie in das kommende Jahr 2021 blicken dürfen? Grund hätten wir. Das Licht am Ende des Corona-Tunnels ist endlich in Sicht.