Aus der Erinnerung entstandenen Bildwerke aus der Sicht des damals vierjährigen Jürgen Giersch zeigen derzeit das „Leben nach 1945“ in einer spannenden Ausstellung mit eindrücklicher Malerei in der Galerie im Alten Schloss in Wehr.

Da sieht man Menschen auf der Flucht, viel Zerstörung, zerstörte Bahnhöfe und Brücken, die Invasion in der Normandie, das elsässische Konzentrationslager Struthof, Kampfflugzeuge und das Licht das Flakscheinwerfer.

Jürgen Giersch: „KZ Struthof, Elsass“, 2019.
Jürgen Giersch: „KZ Struthof, Elsass“, 2019. | Bild: Jürgen Scharf

Auf vielen Bildern sind Soldaten, Frauen und Kinder zusehen, Soldaten auf Heimaturlaub, in Uniform, das Gewehr dabei. Es sind erinnerte Bilder von Abschied und Rückkehr wie Abschiedsszenen am Bahnhof, Winken am Waggonfenster: Bedrückende Szenen, bedrohliche, fallende Perspektiven, düstere Farben.

Der Zyklus mit Motiven aus der Nachkriegszeit, eine Mischung von Gesehenem, Erlebtem und Erfundenem, lässt sicher niemanden kalt.

Bilder erzählen Geschichten: „Mädchen mit Fleischwolf“, aus der Ausstellung von Jürgen Giersch in Wehr.
Bilder erzählen Geschichten: „Mädchen mit Fleischwolf“, aus der Ausstellung von Jürgen Giersch in Wehr. | Bild: Jürgen Scharf

Gierschs gemalte Erinnerungen sind eindrückliche Zeitdokumente, aber durch die malerischen Freiheiten doch sehr unterschiedlich zu einer Fotodokumentation. Diese existenziellen malerischen Arbeiten halten durchaus das Elend fest, sind aber nicht als Dokumentation gemeint.

Die Welt war aus den Fugen, aber nicht total, in Gierschs Malerei wird sie durch die Form geordnet. Man muss nur einmal die Geometrie in diesen Bildern beachten, die stürzenden Perspektiven aus der Erinnerung, wie der Maler sie hat.

Die Gestalten dunkel und melancholisch verschattet, aber wenn man dann die tapferen Kinder sieht, wie sie die Gleise des verlassenen Bahnhofs überspringen, ist das hoffnungsvoll. Auch die Frau mit dem Kind an der U-Bahn-Treppe behält ihre Würde.

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Immer wieder ein markantes Thema ist die Rückkehr des Soldaten, gesehen aus dem Blickwinkel des Kindes: Der Vater kommt von der Front zurück, umarmt die Mutter. Auf die Kinder wirkt der Mann in Uniform wie ein Fremder.

Der Maler Jürgen Giersch vor dem repräsentativen Gemälde „Rückkehr des Soldaten“ in seiner Ausstellung im Alten Schloss.
Der Maler Jürgen Giersch vor dem repräsentativen Gemälde „Rückkehr des Soldaten“ in seiner Ausstellung im Alten Schloss. | Bild: Jürgen Scharf

Die Atmosphäre in Gierschs Bildern ist bedrückend, aber noch menschlich; sie führen das Elend vor, sind aber nicht als Dokumentation gemeint. Schon lange beschäftigt sich Jürgen Giersch mit diesem existenziellen Thema in der Art künstlerischer Vergangenheitsbewältigung.

Einige der gezeigten Werkbeispiele sind bereits 40 Jahre alt, neue Arbeiten sind im Lauf der Jahre dazugekommen. Hier schließen sich vier Jahrzehnte zu einer thematischen Reihe zusammen.

Gut war, dass es bei dieser Werkschau vom Verein Kunst und Diakonie Wehr-Öflingen in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Wehr eine etwas andere Eröffnung gab als sonst, nämlich draußen im Freien. Vor dem Brunnen hatte der Künstler Gelegenheit, seine Erinnerungen zu den Bildinhalten zu erläutern.

Gerade seine Worte zu den Bahnsteig-Situationen, zum Treck nach Westen, zu dem Warten auf Züge und den vollen Wartesälen, zu den Soldatenbildern und zu seiner Schulzeit in einem kleinen Dorf in Schlesien, 150 Kilometer von Berlin entfernt, waren hilfreich zum Verständnis der Werke, die doch auch eine Herausforderung für den Betrachter darstellen.

Vorsitzender Erich Hipp vom Diakonieverein war denn auch sehr glücklich über diese Erläuterungen und auch darüber, die erste Ausstellung nach dem Lockdown durchführen zu können, um zu zeigen, dass es weitergeht „trotz Corona„. Auch Kulturamtsleiter Frank Johannes Wölfl sprach mit Recht von „eindrücklichen Bildern“ und ältere Besucher hörte man während des Rundgangs sagen: „Das habe ich noch erlebt.“

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