Es ist ein beispielloser Fall von Intransparenz über eine kommunalpolitische Entscheidung: Bis heute gibt Wehrs Bürgermeister Michael Thater keine öffentlichen Informationen zur Frage, wie die Zukunft des früheren Wehrer Krankenhausgebäudes aussehen soll. Das Vergabeverfahren für die Immobilie – und damit auch die Entscheidung über Abriss und Erhalt des Gebäudes – fand ausschließlich hinter verschlossenen Türen.

Auf mehrere Nachfragen, wie viele Angebote von Investoren auf die Ausschreibung eingegangen sind, und ob diese einen Abriss der Erhalt des historischen Gebäudes vorsehen, bekam unsere Zeitung nicht einmal eine Antwort. Der oft und gern zitierte Anspruch, „den Bürger bei kommunalpolitischen Entscheidungen mitzunehmen“ – in diesem Fall wurde er missachtet. Eine Information der Bürgerschaft oder eine öffentliche Diskussion über die Nutzung des Gebäudes und des 2350 Quadratmeter großen Grundstücks, das als Filetstück in Innenstadtnähe gilt, fand nicht statt. Eine zeitgemäße und bürgernahe Politik sieht sicher anders aus.

Politische Willensbildung der Bürger? Fehlanzeige!

In der Gemeinderatssitzung am kommenden Dienstag soll nun die finale Entscheidung fallen – nach einer nichtöffentlichen Diskussion am 17. November. Aber auch im Vorfeld zur Sitzung am Dienstag gibt es aus dem Rathaus keinerlei Informationen für die Bürgerinnen und Bürger: Auf der städtischen Homepage sind ohne Angaben von Gründen weder ein Beschlussvorschlag noch die Beratungsunterlagen zum Thema veröffentlicht. Auch dies ist ein einmaliger Fall. Während bei allen anderen Tagesordnungspunkten die Vorlagen einsehbar sind, fehlen sie beim Punkt „Vergabe und Beschluss im Konzeptverfahren Neues Wohnen in der Georg-Kerner-Straße 20“ – dies ist der etwas verklausulierte Titel des Tagesordnungspunkts. Vermutlich wissen nur kommunalpolitisch Interessierte welches Gebäude sich hinter der Adresse verbirgt. Bürgermeister Thater schließt somit die Bürgerinnen und Bürger der Stadt von der politischen Willensbildung aus, denn sie bekommen keine Chance, sich vorab eine Meinung zu bilden.

Auf Anfragen gab es nicht einmal eine Antwort

Schon seit Jahren gibt es Diskussionen über die künftige Nutzung des für viele Wehrer Bürger bedeutsamen Gebäudes. In den vergangenen Monaten war das Verfahren aber alles andere als transparent. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte der Gemeinderat schon im April ein „Konzeptverfahren“ beschlossen und die Immobilie für mögliche Investoren ausgeschrieben. Nach Informationen unserer Zeitung wurde das Thema seitdem bereits mehrfach nicht-öffentlich vom Gemeinderat diskutiert. Mit welchen Ergebnissen? Mit welchen finanziellen Erlösen kann die Stadt rechnen? Das wollte Bürgermeister Michael Thater gegenüber der Öffentlichkeit bislang nicht preisgeben.

Einen Hinweis, welche finanziellen Folgen das Immobilienprojekt für die Stadt haben könnte, ergab sich bei den jüngsten Haushaltsberatungen am Montag: Hier wurde die geplanten Einnahmen für Grundstücksverkäufe kurzfristig um 700.000 Euro auf 1,2 Millionen Euro erhöht. Ob diese Erhöhung im Zusammenhang mit dem alten Krankenhaus steht, ist aber unklar.

Die triste Betonfassade an der Rückseite des maroden Anbaus.
Die triste Betonfassade an der Rückseite des maroden Anbaus. | Bild: unbekannt

Beginn der Sitzung ist am kommenden Dienstag, 29. November, um 19 Uhr in der Wehrer Stadthalle. Auf der Tagesordnung steht außerdem eine Darlehensaufnahme in Höhe von zwei Millionen Euro, der Bebauungsplan für das Neubaugebiet „Hölzle-Hungerrain“, der Forstbetriebsplan 2023, die Einrichtung eines Bestattungswalds in der Stadt Wehr, Auftragsvergaben für das neue Ärztehaus, sowie die Gebührenerhöhungen für Wasser und Abwasser.

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Ein Gebäude mit Geschichte

Die Ursprünge: Das in den Jahren 1831 bis 1834 erbaute Gebäude in der Georg-Kerner-Straße 20 ist das Gründungshaus der Bürgerstiftung Wehr. Für den Bau dieses Hauses hatte der Basler Fabrikant Philipp Merian 10.000 Gulden gestiftet und damit den Armenhausfonds gegründet. Das Gebäude konnte im Jahr 1834 seinen Betrieb als Armenhaus aufnehmen. Durch die Anstellung von bis zu vier Ordensschwestern hat sich ab 1881 das Armenhaus allmählich in ein Krankenhaus gewandelt. Bereits um 1900 wurden Patienten aus Wehr und den umliegenden Ortschaften versorgt.

Das Krankenhaus im Jahr 1889.
Das Krankenhaus im Jahr 1889. | Bild: Archiv Reinhard Valenta

Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg: 1932/1933 erfolgte die Erweiterung des Gebäudes (Einrichtung von Bädern und Toiletten in einem Anbau, Einbau einer Zentralheizung sowie Errichtung des Eingangsportals mit Terrasse). Während des Ersten Weltkriegs wurden immer wieder Soldaten und Kriegsgefangene im Krankenhaus behandelt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude zeitweise als Lazarett genutzt.

Die Zeit nach 1945: Nach 1951 wurde das Krankenhaus in die „Villa Rupp“ verlegt, im Gebäude Georg-Kerner-Straße wurden Altenheimplätze und eine Entbindungsstation mit elf Betten eingerichtet. 1966 zog das ­Krankenhaus zurück in die Georg-Kerner-Straße einen Anbau an das Gebäude in der Georg-Kerner-Straße und erhielt dort einen Erweiterungsbau. Im Jahr 1985 wurde der Krankenhausbetrieb in Wehr eingestellt. In den Folgejahren wurden die beiden Gebäude als Wohnheim für Hilfsbedürftige verwendet (Obdachlose und Asylbewerber). Zeitweise waren es über 130 Personen, die im Neu-und Altbau untergebracht waren. Im Erdgeschoss des Altbaus standen bis 2014 der Jugendmusikschule zwei Räume zur Verfügung.

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