Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte, die genau vor 35 Jahren eine wichtige Wendung nimmt. Ursula und Franz Fricker sind ein starkes Ehepaar. Mit Anfang 30 entscheiden sie sich für ihr Lebenswerk und machen mit der Bäckerei in der Hauptstraße 33 in Wehr nicht nur viele Menschen satt, sondern auch glücklich.

Mittlerweile sind die beiden 66 und 68 Jahre alt und so beschreibt diese Geschichte auch das wehmütige Ende einer Ära: Am 15. Juni öffnet die Bäckerei Fricker zum letzten Mal so, wie die Wehrer und viele in der Region ihren „Fricker-Beck“ schätzen – und lieben. Ein kleiner Trost bleibt: Die Bäckerei-Kette Heitzmann wird an gleicher Stelle eine Filiale eröffnen. Für das Fricker-Mobil, das die frischen Backwaren in die Wehrer Umgebung liefert, wurde jedoch keine Nachfolge gefunden. Am 28. Mai fährt die letzte Tour.

Suche nach einem Nachfolger

„Unser Ziel war es schon seit längerer Zeit jemanden zu finden, der das in unserem Sinne weiterführt. Aber es ist niemand zu finden“, erzählt Ursula Fricker, als wir sie zum Gespräch zwischen Kaffee-Ecke und Theke treffen. Genau an diesem Ort hat am 7. Mai 1987 alles begonnen.

Für Franz Fricker war die Wiedereröffnung eine Rückkehr in seine Heimatstadt, für Ursula Fricker ein Neubeginn, für die zwei gemeinsamen Kinder – damals vier und knapp zwei Jahre alt – eine Umstellung des Familienalltags. „Den Namen Fricker hat man gekannt, aber mein Mann hat zuvor nicht in Wehr gearbeitet. Und ich war zugezogen, angeheiratet und nicht vom Fach“, erinnert sich die gelernte medizinisch-technische Assistentin.

Heute kann Ursula Fricker über ihre damaligen Unsicherheiten lachen. Sie ist in ihre Rolle hineingewachsen und blickt gerne zurück: „Unsere Kinder sind in dieser Bäckerei aufgewachsen. Es war eine sehr schöne Zeit, natürlich mit Höhen und Tiefen.“ Auch wenn sie „ihren“ Beruf dafür aufgegeben hat, war es für Franz Fricker eine Herzensangelegenheit die Bäckerei weiterzuführen, in der zuvor schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater am Ofen standen.

Erinnerungen bleiben lebendig

In den vergangenen 35 Jahren haben die Frickers eine junge Generation heranwachsen sehen, Bäcker und Fachverkäufer ausgebildet und mit bestem Blick auf die Wehrer Hauptstraße die Stadtentwicklung miterlebt. „Die Verkehrsberuhigung 2000 war eine Bewährungsprobe. Die Hauptstraße war eineinhalb Jahre gesperrt. Und auch die Umstrukturierung der Ciba Ende der 1990er Jahre war ein Einschnitt“, sagt Fricker.

Andererseits zeigt das Frickersche Fotoalbum Erinnerungen an sechsstöckige Torten, ein Boot aus Zuckerguss und Kuchen oder eine Mühle aus Brot. Alles Schnappschüsse von Gewerbeschauen, Feiern und Festen in der Stadt, wo Franz Fricker seine Kreativität ausleben konnte. Aber auch an diesen Dingen rüttelt der Zeitgeist. „Die Wertigkeit von Festen hat abgenommen. Selbst an Weihnachten und Ostern ist für uns viel weniger zu tun als früher“, zeigt die Erfahrung von Ursula und Franz Fricker.

Auch der fehlende Wille oder der fehlende Mut sich selbstständig zu machen, sehen die Beiden als ein Zeichen der gegenwärtigen Zeit. „Es funktioniert eigentlich nur als Paar. Eine 60 Stunden-Woche ist für uns normal. Man muss auf Hobbys verzichten und übermäßig viel Eigenleitung bringen. Das wollen viele nicht“, sagt Ursula Fricker, die mit ihrem Mann bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigte.

Nach dem 15. Juni haben die Frickers noch zwei Wochen Zeit alles leer zu räumen, dann geht es von der Vollbeschäftigung in den Ruhestand. Wie schon vor 35 Jahren steht das Paar, das mittlerweile Großeltern von kleinen Zwillingen ist, wieder vor einer großen Veränderung. „Das wird schon sehr anders. Vielleicht passiert es uns, dass wir abends kein Brot zu Hause haben“, lacht Ursula Fricker.

Auf mehr Ruhe und mehr Zeit freuen sie sich aber auch, wie die zwei betonen: „Die Familie rückt mehr in den Vordergrund. Außerdem sind wir seit 40 Jahren begeisterte Camper. Unser Traum sind drei Wochen mit dem Wohnwagen durch British Columbia. Vielleicht erfüllen wir uns das.“

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