Obwohl sie seit dem Mittelalter unzählige Festmeter Holz zu Balken, Brettern und Latten zersägt haben, ist nur wenig über sie bekannt: Die Säger von Wehr und ihre Sägemühlen. In Fridolin Jehles Chronik (1969) finden sich gerade einmal zwei Absätze zu diesem Thema. Das kommt daher, dass die Quellen über die Wehrer Sägen nur spärlich sprudeln.

Nach Jehle muss es bereits 1356 beim Bau des Klosters Klingental eine Säge gegeben haben. Sie gehörte zum Klostergut und lag jenseits der Wehra auf der sogenannten Ochsenmatt (später Färberei Hummel/Zell-Schönau, heute Celanese). Eine zweite Säge wurde um 1567 vom Grundherrn Hans Jakob von Schönau eingerichtet. Er brauchte sie, um den heute als „Altes Schloss“ bezeichneten und 1575 bezogenen Herrensitz am uralten Gewerbekanal zu erbauen. Hier wurde auch seit dem 13. Jahrhundert die „niedere Mühle“ (eine Getreidemühle) betrieben. Sie gehörte ebenfalls den Grundherren und wurde, wie Jehle schreibt, 1685 mit dem Alten Schloss „vereint“, das heißt in den Bau integriert.

Blick von Südosten 1892: Gut erkennbar das Maschinenhaus mit Schornstein. Ebenso deutlich der Querbau der stillgelegten Säge am Alten ...
Blick von Südosten 1892: Gut erkennbar das Maschinenhaus mit Schornstein. Ebenso deutlich der Querbau der stillgelegten Säge am Alten Schloss. Auffällig die massiven Eingriffe in den Lauf der Wehra durch den Bau der Eisenbahnbrücke. | Bild: Repro: Reinhard Valenta

Daher muss sich die herrschaftliche Säge südlich des Herrensitzes befunden haben. Dort hat jedenfalls der Geometer Walz in seinem Gemarkungsplan 1777 ein Gebäude am Kanal eingezeichnet. Jehle schreibt ferner, dass „im 19. Jahrhundert der Betrieb modernisiert und ein Dampfsägewerk errichtet“ wurde. Arthur von Schönau erbaute es 1873  oberhalb des heutigen Ludingartens. Es sollte, so die Familienchronik der Freiherren, die „Rente“ des verschuldeten Gutes heben. Diese Einrichtung war jedoch „eine verfehlte Spekulation. Damals arbeiteten die Wassersägemühlen eben noch billiger.“

Blick vom Dinkelberg 1889: Die Dampfsäge mit Schornstein und Stämmen bzw. Sägegut vor der Öffnung. Die Brücke über die Wehra war ...
Blick vom Dinkelberg 1889: Die Dampfsäge mit Schornstein und Stämmen bzw. Sägegut vor der Öffnung. Die Brücke über die Wehra war inzwischen mit Metallstreben verstärkt. Ob sich links an ihrem „Fuße“ noch eine Säge befand, ist nicht zu erkennen. | Bild: Repro: Reinhard Valenta

Fotos von 1873, 1889 und 1892 dokumentieren das Umfeld des Schlossareals. Die Aufnahme von 1873 lässt vor der Niederwehrer Brücke einen lang gestreckten Sägeschopf mit Hölzern am Weg erkennen. Diese Säge hatte aber nichts mit den Herren von Schönau zu tun. Direkt neben dem Alten Schloss am Kanal sieht man ferner ein Gebäude mit markantem Querbau. Dies muss die alte Säge der Schönauer gewesen sein. Ganz links fällt das große Ökonomiegebäude südlich vom Schlossgarten auf. In dem zum Hang hin ebenfalls quer stehenden Teil wurde wenig später die Dampfsäge eingerichtet.

Dies beweisen zwei Fotos von 1889 und 1892. Das erste (von Südwesten) zeigt das offene Sägegebäude mit Stämmen und Sägegut davor. Rechts der im Bau befindliche Bahnhof. Das zweite (von Südosten) zeigt die Dampfsäge mit Schornstein und quer stehender Kraftstation. Der Gewerbekanal fließt zwischen den Bäumen an der alten Wassersäge und der neuen Dampfsäge in die Wehra. Sie wurde durch den Bau der Eisenbahnbrücke brutal begradigt.

Porträtzeichnung von 1883 des Jurastudenten Geert Seelig.
Porträtzeichnung von 1883 des Jurastudenten Geert Seelig. | Bild: Wernher Freiherr von Schönau-Wehr

Ein Augenzeuge hat 1882 die Dampfsäge sowie die Säge an der Wehrabrücke gesehen und später beschrieben. Es handelt sich um Geert Seelig, einen Verwandten der Familie von Schönau. Schlossherr Arthur hatte mit ihm „alle möglichen Einrichtungen, Fabriken und dergleichen“ besucht und ihm auch sein modernes Sägewerk gezeigt.

„Ein wenig stromabwärts vom Schloss lag“, so Seelig, „auf halber Uferhöhe die Schönau´sche Säge, durch Dampfkraft betrieben. In ihr wurde mit Gatter- und Kreissäge Holz geschnitten und Bretter gesägt. Der Schwung, mit dem der gerundete Holzklotz von der gierig kreischenden Kreissäge flog und das Stöhnen, mit dem die Gattersäge das Auf und Nieder ihrer sechs Blätter durch den runden Stamm drückte (…), war mir eigentümlich fesselnd.“ Ruhiger mag es in der Sägemühle bei der Niederwehrer Brücke zugegangen sein. Seelig erlebte sie aber nicht in Aktion, sondern inmitten der größten Flut, die das Wehratal je heimgesucht hat. Weihnachten 1882 lagen bei Todtmoos „fast 3 Meter Schnee“. Durch einen starken Föhn war kurz vor Neujahr der Schnee geschmolzen. Die Wehra wurde zum reißenden Strom, der nicht nur die Brücken, sondern auch besagte Säge zerstörte. Dazu schrieb Seelig in seinem Buch „Ein Heidelberger Bursch vor 50 Jahren“:

„Am Fuß der Wehrer Brücke lag eine bescheidene Sägemühle. Auch die war jetzt durch den rechts und links sich in das Land einfressenden Fluss gefährdet. Erst ging es an die Planke, die das Mühlengewese gegen das Wasser und die Straße umfriedete. Dann kamen die Schuppen, das Sägewerk selbst, die Balken dran. Irgendein Arbeiter wollte noch irgendwas retten und ging auf einen scheinbar ungefährdeten Platz. Im Handumdrehen brach alles Feste um ihn, er ward kopfüber von dem beleidigten Stromgott herabgerissen.“

Während der Arbeiter sein Leben verlor, konnte sich Arthur von Schönau wenigstens eines kleinen Gewinnes erfreuen. Er wurde mit der Holzbeschaffung für die Ersatzbrücke beauftragt. Da seine Sägemühle nach der Flut die „einzig betriebsfähige“ war, musste er „die Balken und Bretter zuschneiden“. Rentabler wurde die Säge nicht. Vermutlich stand sie schon still, als 1893 das gesamte Schlossareal unter den Hammer kam und von der Gemeinde ersteigert wurde.