Wieso kommst du nicht mehr? – besonders für Menschen mit Demenz ist das Besuchsverbot in Pflegeheimen während der Corona-Pandemie schwer erfassbar. Dabei ist es für die Betroffenen wichtig, sich regelmäßig zu sehen, erklärt eine Angehörige: „Das hält die Erinnerung wach.“ Ihr 86-jähriger Vater lebt seit rund eineinhalb Jahren im Heim der Bürgerstiftung und wird von der Wehrerin normalerweise sehr regelmäßig besucht. „Telefonieren ist nicht gut möglich. Er vergisst einfach, warum er den Hörer in der Hand hat“, erklärt die 56-Jährige, die ihren Namen nicht in der Zeitung gedruckt haben möchte.

Ihr Sohn habe darum ein Tablet eingerichtet, mit eigener Telefonkarte: „Das WLAN im Heim reicht nicht aus für eine Videokonferenz.“ Die Mitarbeiter würden sehr gut helfen und die Videokonferenz mit ihrem Vater einrichten. Auf bewegte Bilder seiner Tochter reagiere der Senior durchaus positiv. Aber die gemeinsamen Spaziergänge würden dennoch fehlen. „Jetzt im April hat mein Vater Geburtstag, da wollten wir einen Ausflug in ein Café machen“, sagt die Tochter.

„Was habe ich vom Leben?“

Die Mutter der Wehrerin lebt mit im Haushalt. Das sie ihren Mann nun nicht mehr besuchen könne, treffe sie besonders hart. „Ich bin ja auch in Kontakt mit anderen Angehörigen. Und da kam von manchen Senioren schon die Aussage: Was habe ich vom Leben, wenn keiner mehr kommt“, berichtet die 56-Jährige mit merklicher Verbitterung.

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Ein Eindruck, den Heimleiter Boris Blazevic bestätigen kann: „Viele unserer Bewohner haben in ihrem langen Leben schwere Zeiten erlebt.“ Da sei die Angst vor einer Erkrankung mit Covid-19 nicht so groß. Die ausbleibenden Besuche allerdings, gerade im letzten Lebensabschnitt, seinen hingegen sehr schmerzhaft.

  • Wie versucht Bürgerstiftung Wehr, zu helfen? „Wir warten auf den 3. Mai“, sagt Heimleiter Boris Blazevic. Dann werde von der Landesregierung eine neue Corona-Verordnung herausgegeben. Blazevic hofft dabei auf eine Lockerung des Besuchsverbots. „Zum Glück haben wir einen Außenbereich“, sagt Blaszevic in der Hoffnung auf mögliche Treffen. Dabei deutet der Heimleiter auf eine Gruppe älterer Damen, die mit großen Sonnenhüten vor der Cafeteria die Sonne genießen. Man unterhält sich, die Rollstühle stehen in gebührenden Abstand zueinander. Die in Bad Säckingen entwickelten Besucherhäuschen kämen aus Platzgründen leider nicht infrage. Aber man überlege, den Eingangsbereich der Cafeteria als Besucherschleuse nutzen, erklärt Blaszevic: Mit einem Tisch und einer Trennscheibe wären so Besuche wieder möglich.
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Hierzu brauche es aber eben eine Lockerung der Besuchsregeln. Dann hält der Heimleiter auch gemeinsame Spaziergänge wieder für machbar. Sollte diese nicht kommen, sei eine Aufrüstung des Fernsehers für Videokonferenzen möglich, erklärt Blazevic weiter.

„Wir wollen das WLAN ausbauen. Die Planungen dafür laufen bereits,“ sagt Bürgermeister Michael Thater über das Internetprojekt in Wehr. Das Pflegeheim sei die sensibelste Einrichtung der Stadt Wehr, der Schutz vor dem Coronavirus habe Vorrang. „Wir sehen aber, dass der soziale Kontakt gebraucht wird“, hält Thater fest.

  • Wie schützt man sich im Pflegeheim der Bürgerstiftung Wehr? „Wir setzen alle Richtlinien und Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und der Gesundheitsämter um, zum Teil auch schon vor der jeweiligen offiziellen Anordnung“, erklärt der Leiter des Wehrer Pflegeheims, Boris Blazevic. Mit Quarantänemaßnahmen habe man Erfahrungen, allerdings herrsche aktuell ein „nie dagewesener Druck“, so Blasevic weiter.

Im Pflegeheim der Bürgerstiftung Wehr lege man darum großen Wert auf einen offenen Umgang mit den Sorgen der Mitarbeiter und der Bewohner. Sobald ein Mitarbeiter sich mit Symptomen melde, werde er sofort freigestellt, erklärt Blasevic. Erkrankte Personen könnten in ihrem Zimmer isoliert werden, es werde dann eine Schleuse für die Mitarbeiter eingerichtet, erklärt Blasevic. „Wir haben waschbare Mund-Nasenschutz aus unserer Näherei in Wehr, da nicht genügend Einmalartikel verfügbar sind“, berichtet er weiter. Dank einer Lieferung des Landratsamts seien jetzt auch 300 FFP3-Masken für den Ernstfall vorhanden, ergänzt Thater. Dazu kommen Schutzkittel und Schutzbrillen beziehungsweise ein Gesichtsschutz.

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Die drei Stationen seien separat, so müsse im Fall einer Infektion nur ein Bereich in Quarantäne, so Thater. Es gebe auch keine gemeinsamen Essenszeiten mehr, die Mahlzeiten würden auf den Zimmern eingenommen. Die Stiftung sei sehr gut aufgestellt, aber es gebe keine 100-prozentige Sicherheit, so Thater.

  • Gab es schon Corona-Fälle im Pflegeheim? Bisher habe es einen positiven Fall im Pflegeheim der Wehrer Bürgerstiftung gegeben – die Patientin sei im März im Krankenhaus in Waldshut verstorben, so Bürgermeister Michael Thater und Heimleiter Boris Blazevic. Die hochbetagte Bewohnerin sei wegen einer anderen Erkrankung ins Klinikum Hochrhein eingeliefert worden und habe vorher keine Symptome einer Covid-19-Infektion gezeigt.

Im Krankenhaus sei ein Test gemacht worden, später seien auch Symptome aufgetaucht. Die Patientin sei vor fast drei Wochen im Krankenhaus gestorben. „Das Spital hat hier alles richtig gemacht“, findet Bürgermeister Thater. Im Pflegeheim seien danach mehrere Tests gemacht worden, neue Infektionen seien aber nicht aufgetaucht.

  • Was bedeutet die Corona-Pandemie langfristig für die Bürgerstiftung? Durch Schutzkleidung und Desinfektionsmittel würden zusätzliche Kosten entstehen. Außerdem sinken die Einnahmen, da weniger neue Bewohner aufgenommen werden. Am Anfang habe man einen Aufnahmestopp gehabt, jetzt gehe man sehr konservativ vor: Neuaufnahmen müssten 14 Tage in einem Einzelzimmer in Quarantäne. Diese Zimmer seien normalerweise doppelt belegt, erklärt Thater. „Wenn jemand besser im Heim aufgehoben ist, dann machen wir das“, versichert Thater.

Die Arbeitsbelastung für die Pflegekräfte nehme zu: Zum Schutz gebe es keinen Kontakt nach außen. Das gelte zum Beispiel auch für Physiotherapie, die nun von den Mitarbeitern selbst übernommen werden müsse, so Thater. Der Bürgermeister und Stiftungsvorsitzende hofft, dass die neue Solidarität mit den Pflegekräften zukünftig auch zu einer besseren Entlohnung führt.

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