Es ist eines der ältesten Gebäude der Stadt – und soll noch in diesem Jahr abgerissen werden: Das alte Krankenhaus in der Georg-Kerner-Straße. In der kommenden Woche wird der Gemeinderat über die Zukunft des in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbauten Gebäudes entscheiden. Am Montag, 10. Mai, um 18 Uhr ist zunächst eine öffentliche Begehung geplant, die Entscheidung soll einen Tag später in ebenfalls öffentlicher Sitzung um 19 Uhr in der Stadthalle fallen. Beide Termine finden selbstverständlich unter Einhaltung der Abstands- und Maskenregeln statt.

Schon die derzeit gültige Beschlusslage sieht einen vollständigen Abriss des Gebäudes vor. Im Oktober 2015 entschied sich der damalige Gemeinderat nach einer emotionalen Debatte mit denkbar knapper Mehrheit – sieben gegen sechs Stimmen – für diese Lösung. Ein Drittel der Gemeinderäte, darunter auch Bürgermeister Michael Thater, fehlte damals allerdings krankheitsbedingt.

Auch diesmal wird mit einer emotionalen Diskussion der Räte gerechnet. Denn einerseits ist das Gebäude eng mit der Geschichte der Stadt und vieler Bürger verbunden, zum anderen verfügt die Stadt nicht über viele Gebäude aus dieser Epoche. Trotz seines Alters steht das Gebäude aufgrund vieler Umbauten nicht unter Denkmalschutz und gilt nicht als Kulturdenkmal.

An der Voraussetzungen hat sich im Vergleich zur Entscheidung von 2015 nicht viel geändert. Grundlage ist ein Gutachten, das der Hohentengener Architekt Peter Schanz im Jahr 2014 erstellt hat. Unbestritten ist dabei, dass der 1969 fertig gestellte Anbau nicht erhaltenswert ist. Auch die Sanierungskosten (4500 Euro pro Quadratmeter) seien für diesen Gebäudeteil völlig unwirtschaftlich, so Schanz damals. Beim Altbau schätzte der Architekt die Kosten auf mindestens 2500 Euro pro Quadratmeter. Auch dieser Wert liege laut Gutachten von 2014 über den erwartbaren Kosten für einen Neubau. Zwischenzeitlich dürften sich sowohl die Sanierungs- als auch die Abbruch- und Neubau kosten nochmals deutlich erhöht haben.

Kritisch sah der Architekt eine neue Nutzung des Altbaus: Bei einer Nutzung als Wohnraum ergebe sich pro ­Wohnung eine Fläche von 210 Quadratmeter. Dies sei aber kaum zu vermarkten, so Schanz. Eine Aufteilung in kleinere Wohnungen erfordere ein zusätzliches Treppenhaus. Bei der Diskussion wurde auch eine Umnutzung des Gebäudes diskutiert. Für beide Vorschläge von damals – ein Ärztehaus oder ein Familienzentrum – werden oder wurden zwischenzeitlich neue Standorte realisiert.

Ein Gebäude mit Geschichte

  • Die Ursprünge: Das in den Jahren 1831 bis 1834 erbaute Gebäude in der Georg-Kerner-Straße 20 ist das Gründungshaus der Bürgerstiftung Wehr. Für den Bau dieses Hauses hatte der Basler Fabrikant Philipp Merian 10.000 Gulden gestiftet und damit den Armenhausfonds gegründet. Das Gebäude konnte im Jahr 1834 seinen Betrieb als Armenhaus aufnehmen. Durch die Anstellung von bis zu vier Ordensschwestern hat sich ab 1881 das Armenhaus allmählich in ein Krankenhaus gewandelt. Bereits um 1900 wurden Patienten aus Wehr und den umliegenden Ortschaften versorgt.
  • Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg: 1932/1933 erfolgte die Erweiterung des Gebäudes (Einrichtung von Bädern und Toiletten in einem Anbau, Einbau einer Zentralheizung sowie Errichtung des Eingangsportals mit Terrasse). Während des Ersten Weltkriegs wurden immer wieder Soldaten und Kriegsgefangene im Krankenhaus behandelt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude zeitweise als Lazarett genutzt.
  • Die Zeit nach 1945: Nach 1951 wurde das Krankenhaus in die „Villa Rupp“ verlegt, im Gebäude Georg-Kerner-Straße wurden Altenheimplätze und eine Entbindungsstation mit elf Betten eingerichtet. 1966 zog das ­Krankenhaus zurück in die Georg-Kerner-Straße einen Anbau an das Gebäude in der Georg-Kerner-Straße und erhielt dort einen Erweiterungsbau. Im Jahr 1985 wurde der Krankenhausbetrieb in Wehr eingestellt. In den Folgejahren wurden die beiden Gebäude als Wohnheim für Hilfsbedürftige verwendet (Obdachlose und Asylbewerber). Zeitweise waren es über 130 Personen, die im Neu-und Altbau untergebracht waren. Im Erdgeschoss des Altbaus standen bis 2014 der Jugendmusikschule zwei Räume zur Verfügung.
Justus Obermeyer