Während die Zukunft des 2015 gegründeten Dorfladens in Öflingen immer noch auf Messers Schneide steht, erwirtschaftet man im Schopfheimer Stadtteil Gersbach seit der Eröffnung vor sieben Jahre durchgehend schwarze Zahlen. Die Dorfläden stehen trotz ähnlicher Konzepte ganz unterschiedlich da. Doch warum?

1. Konzept und Sortiment

Gersbach und Öflingen: Das Grundprinzip beider Läden ist ähnlich: Von der Zusammenarbeit mit lokalen Anbietern wie Chääschuchi Gersbach oder Streich Mühle in bis hin zu lokalem Obst und Gemüse. Nicht fehlen darf auch ein Café mit Bäckerei. „Man nimmt sich Zeit, man kennt sich“ so der einhellige Tenor aus den Dorfläden. Die Belieferung erfolgt über Edeka, die auch ihre günstigen Eigenmarken in beiden Dorfläden bringt. „So ist für jeden Geldbeutel etwas dabei“, erklärt Birgit Kiefer, Vorstandsmitglied im Dorfladen Öflingen.

Daniela Klausmann, Katharina Hinnenberger und Birgit Kiefer (von links) bilden aktuell das Vorstandsteam des Öflinger Dorfladens.
Daniela Klausmann, Katharina Hinnenberger und Birgit Kiefer (von links) bilden aktuell das Vorstandsteam des Öflinger Dorfladens. | Bild: Julia Becker

Öflingen: Es wurde einiges getan, um die Attraktivität zu steigern: Seit Februar gibt es eine Postfiliale im DorfladenÖflingen, bald soll es einen Lieferdienst für Lebensmittel geben. Auch individuelle Kundenwünsche können auf Anfrage bestellt werden, so Birgit Kiefer. „Momentan ist es ruhig, wir haben ein gut aufgestelltes Team, das gut mitzieht“, freut sich Daniela Klausmann.

2. Potenzial

Gersbach: Etwa 700 Einwohner hat das Dorf. Etwa 450 Euro werden im Jahr pro Einwohner im Durchschnitt umgesetzt.

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Öflingen: Hier gibt es rund 3000 potenzielle Kunden – die Rechnung müsste eigentlich einfach sein. Trotzdem werden in Öflingen nur 175 Euro pro Einwohner im Durchschnitt jährlich umgesetzt.

3. Finanzierung und Startphase

Gersbach: Ausschließlich mit den Einlagen der Mitglieder und ohne Darlehen konnte der Dorfladen Gersbach an den Start gehen. Unterstützung, sowohl an Fachwissen als bei der Ladenausstattung gab es von einer lokalen Größe im Einzelhandel. „Wir waren von Anfang an ein sehr gutes Dorfladenteam“, so Christian Walter, Ortsvorsteher in Gersbach und Aufsichtratsvorsitzender des Dorfladens. Man habe zu Beginn Experten aus verschiedenen Bereichen ins Boot geholt, später dann auch die Bürger mit einbezogen.

„Hier trifft man sich und lässt die Woche gemeinsam ausklingen. Da kann es auch mal später werden“, sagt Christian Walter, Gersbachs Ortsvorsteher und Aufsichtsratsvorsitzender des Dorfladens.
„Hier trifft man sich und lässt die Woche gemeinsam ausklingen. Da kann es auch mal später werden“, sagt Christian Walter, Gersbachs Ortsvorsteher und Aufsichtsratsvorsitzender des Dorfladens. | Bild: Walter

Öflingen: Mehr Anlauf brauchte es in Öflingen: Viele Wechsel bei Personal, Vorstand und Aufsichtsrat, ein zu großes Sortiment und zu wenig Kunden machten dem Dorfladen von Anfang an das Überleben schwer. „Viel 'learning by doing' und eine steile Lernkurve“, erinnert sich Vorstandsmitglied Daniela Klausmann. Bis heute schreibe man keine schwarzen Zahlen, doch seien die Umsatzzahlen in etwa so wie in der jüngsten Generalversammlung prognostiziert (???), erklärt Vorstandsmitglied Katharina Hinnenberger. „Man merkt, dass mehr Leute kommen.“

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4. Standort und Konkurrenz

Gersbach: Bis zum nächsten Supermarkt muss man gut elf Kilometer auf kurvigen Waldstraßen zurücklegen. Darüber hinaus ist der Dorfladen auch für Auswärtige attraktiv: Wie Ortsvorsteher Walter erklärt, habe das Dorf durch die Chäschuchi und die Rindfleischvermarktung bereits seine „Fans“ gefunden, die dann auch gerne von außerhalb zum Dorfladen kommen. Gerade der Außenbereich im Sommer würde außerdem von Tagesausflüglern für eine Brotzeit genutzt.

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Öflingen: Gerade einmal vier Kilometer auf gut ausgebauten Straßen sind es zur nächsten Konkurrenz. Innerhalb eines Neun-Kilometer-Radius um den Öflinger Dorfladen sind es zwölf andere Lebensmittelmärkte, davon sechs Discounter, mit denen der Dorfladen preislich kaum mithalten kann. Bei dieser Masse an Supermärkten fällt es der Öflinger Genossenschaft zudem äußerst schwer, Kundschaft von außerhalb des Ortes anzulocken.

5. Lage im Dorf

Gersbach: Der Dorfladen liegt zentral. Es gibt ausreichend Parkmöglichkeiten.

Öflingen: Der Dorfladen liegt ebenfalls zentral und auch für Parkplätze ist gesorgt. Aber der Mensch sei halt ein Gewohnheitstier, bedauert der Öflinger Vorstand: Wer bisher zum Einkauf nach Wehr oder in die Nachbarorte gefahren sei, stelle sich eben langsamer um.

Die Postagentur ist seit Februar Bestandteil des Öflinger Dorfladens.
Die Postagentur ist seit Februar Bestandteil des Öflinger Dorfladens. | Bild: Julia Becker

6. Kunden und Dorfleben

Gersbach: Hier geht Ortsvorsteher Walter gerne mit gutem Beispiel voran, wenn es um den Einkauf geht, auch wenn Abstecher ins Tal natürlich möglich sind. Kräftig Werbung gemacht wurde etwa bei den Vereinen, die sich mittlerweile für ihre Feste im Dorfladen eindecken.Besonders beliebt in Gersbach ist der gemeinsame Absacker mit Imbiss am Freitagabend: „Hier trifft man sich und lässt die Woche gemeinsam ausklingen. Da kann es auch mal später werden“, freut sich Ortsvorsteher und Aufsichtsratsvorsitzender Christian Walter.

Öflingen: Hier sind es vor allem kleinere Gruppen, die den Dorfladen für ihre Treffen nutzen: von den Turnerfrauen bis hin zum Absacker nach der Yogastunde, weiß Hinnenberger. Dabei wird auch hier Catering angeboten, genauso wie Geschenkkörbe.

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Das Fazit

Am persönlichen Einsatz der Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer mangelt es in keinem der beiden Dorfläden. Der wichtigste Unterschied der beiden ist der Standort: Der Schopfheimer Stadtteil Gersbach ist tatsächlich sehr ländlich gelegen. Seit einiger Zeit gibt es im Dorf beispielsweise keinen Geldautomaten mehr. Und so bietet der Dorfladen neben dem normalen Sortiment auch Auszahlungen von Bargeld in Höhe bis zu 200 Euro an. Dagegen ist Öflingen trotz seines dörflichen Charakters eingebettet in eine städtisch geprägte Infrastruktur mit vergleichsweise kurzen Wegen. Die für viele bequem zu erreichende Konkurrenz ist groß.

Zahlen und Daten der beiden Dorfläden

Dorfläden sind der neue Dorfplatz, genossenschaftlich organisiert, mit regionalen Produkten im Angebot und als Treffpunkt konzipiert. Sie müssen nicht um jeden Preis einen Gewinn erzielen und profitieren dabei von einem hohen Anteil ehrenamtlicher Helfer.

  • Öflingen: Der Dorfladen wurde im Dezember 2015 gegründet und hat etwa 400 Genossenschaftsmitglieder. An 45,5 Stunden in der Woche werden rund 1800 Produkte auf 480 Quadratmetern Ladenfläche angeboten. Neben sieben Teilzeitkräften engagieren sich rund 20 Personen ehrenamtlich. Der Umsatz im Jahr 2017 betrug 524 000 Euro, der Verlust 31 300 Euro. Öffnungszeiten: Montag und Mittwoch 8 bis 13 Uhr, Dienstag, Donnerstag und Freitag 8 bis 18 Uhr, Samstag 7.30 bis 13 Uhr.
  • Gersbach: Der Dorfladen wurde im Mai 2012 gegründet und hat etwa 360 Genossenschaftsmitglieder. An 42 Stunden in der Woche werden rund 2800 Produkte auf 260 Quadratmetern Ladenfläche angeboten. Neben acht Angestellten engagieren sich Ehrenamtliche mit etwa 1200 Stunden pro Jahr. Der Umsatz im Jahr 2017 betrug 316 000 Euro, der Gewinn 300 Euro. Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch und Freitag 6.30 bis 12 und 16 bis 19 Uhr, Dienstag und Donnerstag 6.30 bis 12 Uhr, Samstag 7 bis 12.30 Uhr.