Das 75-jährige Jubiläum des Wehrer Firmenstandorts kann in diesem Jahr die Novartis feiern. Auch wenn Wehr historisch gesehen vor allem durch die regionalen Textilbetriebe zur Industriestadt wurde – kaum ein Unternehmen prägte die Wehrer Stadtgeschichte so stark wie der frühere Chemie- und heutige Pharmaziebetrieb, der bis heute größter Wehrer Arbeitgeber ist. Die Stadterhebung im Jahr 1950, das Wachstum der jungen Stadt in den 60er Jahren und viele Errungenschaften wie Hallenbad oder der Bau der Stadthalle – all diese Ereignisse stehen in engem Zusammenhang mit dem Unternehmen und wären ohne „die Ciba“ kaum denkbar gewesen.

Alter Standort wurde im Krieg ausgebombt

Dass die Ciba (der Namen war usprünglich die Abkürzung für „Chemische Industrie Basel“) überhaupt nach Wehr kam, ist einer ganzen Reihe von Zufällen und dem Verhandlungsgeschick des ersten Wehrer Nachkriegs-Bürgermeister Eugen Schmidle zu verdanken. Bis 1943 befand sich die deutsche Niederlassung der Ciba in der Saalfelder Straße in Berlin-Wilmersdorf. In der Nacht auf den 2. März 1943 trafen Fliegerbomben die Gebäude des Unternehmens, dabei wurde auch eine erst wenige Jahre zuvor fertiggestellte Produktionshalle völlig zerstört. Statt einen Neubau an derselben Stelle zu planen und eine erneute Bombardierung zu riskieren, suchte die Basler Geschäftsleitung ein Ausweichquartier – möglichst in der Nähe des Basler Stammsitzes. In Wehr wurden sie nach langem Suchen fündig: Hier standen aufgrund der Kriegsumstände einige Fabrikhallen der Teppichfabrik Wehra leer. Die Textilindustrie am Hochrhein galt zudem nicht als kriegswichtig, sodass eine erneute Bombardierung nicht zu befürchten war. Im Mai 1943 war die Übersiedlung von Berlin nach Wehr abgeschlossen. 40 Mitarbeiter kamen laut Firmenchronik mit nach Wehr und errichteten in der provisorischen Unterkunft im Wehra-Areal eine behelfsmäßige Arzneimittelfabrikation.

Der Rohbau des ersten Hauptgebäudes im Jahr 1949.
Der Rohbau des ersten Hauptgebäudes im Jahr 1949. | Bild: Novartis Firmenarchiv

Nach dem Krieg suchte die Firma nach einer neuen Unterkunft – die Entwicklungsmöglichkeiten in den Räumen der Teppichfabrik waren zu begrenzt. Wehr hatte den Vorteil, dass hier schon einige leitende Angestellte Wohnungen gefunden hatten, doch neben der 4900-Einwohner-Gemeinde warben auch größere Städte am Hochrhein, wie Säckingen und Lörrach, um das prosperierende Unternehmen. Den Wettbewerb gewann am Ende der Wehrer Bürgermeister Eugen Schmidle, der sich bei der Grundtstückssuche intensiv beteiligte und der Ciba einige Zugeständnisse machte: So bezahlte die Stadt Wehr den 48 Grundstückseigentümern im Bündtenfeld einen höheren Kaufpreis, als sie von der Ciba bekam. Auch Wasserrechte – für den jungen Industriebetrieb ein wichtiger Standortfaktor – wurden der Ciba AG in einem Generalvertrag 1948 eingeräumt.

Der Rohbau des ersten Ciba-Baus 1949 von Osten gesehen. Im Hintergrund die Enkendorfstraße.
Der Rohbau des ersten Ciba-Baus 1949 von Osten gesehen. Im Hintergrund die Enkendorfstraße. | Bild: Novartis Firmenarchiv

Mit dem Neubau an der Öflinger Straße wurde der Karlsruher Architektur-Professor Egon Eiermann beauftragt, der sich schon in den 30er Jahren als Architekt von Industriebauten einen Namen gemacht hatte. Weltbekannt wurde er später durch die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (1963), das Bonner Abgeordnetenhochhaus (1969) oder die von ihm entwickelten „Horten-Kacheln“ als Fassadenverkleidung. Im März 1949 erfolgte der erste Spatenstich für den Neubau in der Öflinger Straße. Bis 1951 entstanden hier Verwaltungs- und Betriebsgebäude, hauptsächlich für die Pharma-Produktion, eine Werkfeuerwehr und sogar eine eigene Firmentankstelle.

Der fast fertiggestellte Farben-Bau der Ciba auf der Ostseite der Öflinger Straße im Jahr 1954. Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg Abteilung Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 028080a, Fotograf: Willy Pragher
Der fast fertiggestellte Farben-Bau der Ciba auf der Ostseite der Öflinger Straße im Jahr 1954. Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg Abteilung Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 028080a, Fotograf: Willy Pragher | Bild: Willy Pragher

Zwischen 1952 und 1954 wurde auf der Ostseite der Öflinger Straße der Bau des Textilfarbenbetriebs erstellt. Ab 1954 liefen dort Misch- und Mahlanlagen für Farbstoffe sowie Anlagen zur Herstellung einer größeren Anzahl von Textilhilfsmitteln.