Die „pädagogische Mobilmachung – Schule in Baden im Zeichen des Nationalsozialismus“ war das Thema eines Vortrags am Mittwochabend im Bürgersaal des alten Schlosses in Wehr. Die ehemalige Realschullehrerin und Historikerin Ingeborg Wiemann-Stöhr behandelte darin den Einfluss des NS-Regimes auf Schule, Unterricht und Lehrer sowie Lehrpläne und Lehrwerke in Baden im Nationalsozialismus. Die Historikerin war von 2000 bis 2009 Lehrerin an der Realschule Wehr. Da lag es nahe, ein Thema aus dem Bereich Pädagogik auszuwählen, zu dem sie feststellte, dass sich die Nationalsozialisten intensiv der Umerziehung der Lehrerschaft gewidmet hätten.

Badens Schulen haben keine Sonderrolle

In 13 Thesen erläuterte die Historikerin den Einfluss, den die Nationalsozialisten auf das badische Schulsystem nahmen. Eine große Rolle in ihrem Vortrag spielte auch der zum Ministerialdirektor aufgestiegene Karl Gärtner, der maßgeblichen Anteil an der nahezu vollständigen Nazifizierung des Schulwesens hatte. Wiemann-Stöhr versuchte, in einer Forschungsarbeit zu widerlegen, dass in Badens Schulwesen vom übrigen Reich abweichende Verhältnisse geherrscht hätten. Besonders der Geschichtsunterricht sei eingesetzt worden, um die NS-Ideologie in den Köpfen zu verankern. Um diese Aufbauleistung nach dem Krieg einschätzen zu können, bezog sie den Geschichtsunterricht und die Stellung der Geschichtslehrer in der Zeit vor 1945 in ihr Forschungsprojekt ein, was sie in ihrem Vortrag zum Ausdruck brachte.

Lehrpläne werden völlig verändert

Da die Lehrer während der Nazi-Zeit eine Umerziehung mitmachen mussten, stellt sich die Frage, wie sie sich den neuen Verhältnissen gegenüber verhielten und ob sie gewillt und in der Lage waren, die neuen Konzepte mitzutragen. Das „Dritte Reich“ und der Zweite Weltkrieg hätten auch das Schulwesen in Baden völlig verändert. Vom Regime verordnete Lehrpläne sollten die Schüler auf ihre Rolle im nationalsozialistischen Staat vorbereiten. Die Abschaffung der Benotungen von Schulbesuchen, im Juni/November 1933, hätte Freiraum geschaffen, der mit der dienstlichen Verpflichtung zur Parteiarbeit aufgefüllt worden sei. Diese Dienstpflicht hätten die Lehrer in den Dienst der Partei gestellt, mit dem Auftrag zur Unterstützung der Nazifizierung der Gemeinden.

Parteiarbeit fordert genauso wie Lehrauftrag

Besonders in ländlichen Gegenden hätte die Parteiarbeit der Lehrerschaft in den Volksschulen in demselben Maße beansprucht wie ihre Tätigkeit in der Schule. Für die Lehrkräfte hätte die Parteiarbeit eine soziale Aufwertung und Teilhabe an der Macht bedeutet. Die Schulen seien zweckentfremdet worden, so Wiemann-Stöhr. Es sei deshalb offenbar nicht möglich gewesen, unbeeinflusst von der NSDAP, die Schule zu durchlaufen – auch in Baden sei dies fast unmöglich gewesen.