Große Koalition, Tolerierung einer Minderheitsregierung oder doch Neuwahlen? Diese Grundsatzfrage, die derzeit innerhalb der SPD diskutiert wird, spielte auch bei der Verleihung des Gustav-Struve-Huts der Wehrer SPD am Aschermittwoch eine große Rolle. Mit der Bundestagsabgeordneten Ute Vogt als neue Struve-Hut-Trägerin war als Ehrengast ein Mitglied aus dem SPD-Parteivorstand gekommen, die interessante Einblicke in das Seelenleben der Bundespartei gab, die derzeit turbulente Tage und Wochen erlebt. „Der Traum von der Erneuerung der SPD in der Opposition ist ausgeträumt“, gab Ute Vogt ein klares Bekenntnis für den Eintritt in die Große Koalition ab. „Welche Mehrheiten sind für unsere Inhalte denn erreichbar? Es gibt derzeit keine linke Mehrheit“, so Vogt. Eine neue Europapolitik oder die im Koalitionsvertrag ausgehandelte Bildungsoffensive sei nur mit einer Regierungsbeteiligung zu verwirklichen. „Eine Erneuerung der Partei in der Opposition ist kein Selbstläufer“, so Ute Vogt, die selbst einen Großteil ihrer Karriere die Oppositionsbank drückte. „Die Erneuerung liegt an uns selbst!“, ermunterte sie die Parteimitglieder, „stolz, selbstbewusst und gut gelaunt“ für sozialdemokratische Inhalte zu kämpfen und das Erreichte auch zu feiern. In der Vergangenheit habe man in der SPD zu oft „gejammert, was wir alles nicht erreicht haben“.

Mit Ute Vogt wurde in der 14. Auflage der Struve-Hut-Verleihung zum vierten Male eine Frau ausgezeichnet. Ein Aspekt, der Karin Kaiser als Ideengeberin und Schöpferin des Struve-Huts gerade in diesem Jahr sehr wichtig war. Bei den Wehrer Veranstaltungen zum 170-jährigen Jubiläum der 1848er-Revolution sei nämlich eine Person völlig vergessen worden: Die Publizistin und Freiheitskämpferin Amalie Struve. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Gustav, wurde sie im September 1848 im Wehrer Gasthaus Krone verhaftet. Die mühsamen Fortschritte der Emanzipation griff auch Ute Vogt in ihrer Dankesrede auf. Sie erinnerte beispielsweise daran, dass es noch 1970 zum Skandal reichte, dass eine Bundestagsabgeordnete im Hosenanzug ans Rednerpult trat. Erst seit 1977 sei es Frauen in Deutschland möglich, ohne Einverständnis des Ehemanns einem Beruf nachzugehen. Ein gutes Signal sei, dass die SPD nun – knapp 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts – mit Andrea Nahles erstmals eine Vorsitzende bekomme. „Die Geschichte zeigt, dass man dann auf Frauen zurückgreife, wenn Herkulesaufgaben zu bewältigen sind.“

Der frühere Landtagsabgeordnete Alfred Winkler würdigte Ute Vogt als Politikerin, die keine Angst vor männlicher Konkurrenz habe und dabei auch nie den guten Ton aufgegeben habe. „Ute Vogt kämpft mit dem Stilett, nicht mit dem Säbel“, so Winkler in seiner unterhaltsamen Laudatio.

Die Kreisvorsitzende, Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Rita Schwarzelühr-Sutter sagte der AfD den politischen Kampf an. Die SPD dürfe „den Rechtspopulisten keinen Zentimeter Raum mehr geben.“ Dazu müsse man den Menschen wieder mehr Sicherheit vermitteln – in allen gesellschaftlichen und persönlichen Bereichen.

Der frühere Wehrer Erhard Zeh umrahmte die Verleihung humorvoll mit seiner Gitarre. Neben einigen Arbeiterliedern stellte er eine selbstironische Version eines Rudi-Carrell-Klassikers vor: „Und Schuld daran ist nur die SPD.“