Wenn die Wehrer Narrenzunft am Donnerstag, 28. Februar, zum "Hemdglunkiball wie einst im Wehrahofsaal" lädt, dürften viele jüngere Narren damit kaum etwas anzufangen wissen. Vielen älteren hingegen dürfte die Erinnerung an den Wehrahofsaal noch einen besonderen Glanz in die Augen treiben. Vor genau 30 Jahren wurde das Heiligtum der Wehrer Fasnacht abgerissen. Mitte Februar 1989, kurz nach der Fasnacht, machten Abrissbagger den legendären Wehrer Festsaal dem Erdboden gleich.

Jahrzehntelang war hier der Mittelpunkt der Wehrer Fasnacht, jeder Wehrer über 50 dürfte seine ganz persönlichen Erinnerungen an diesen Saal haben: Sei es das erste Rendezvous oder das erste Bier. Feste wie der Hemdglunkiball waren in der ganzen Region beliebt: Über 1000 Gäste drückten sich dann in den engen Saal – obwohl es nur 450 Sitzplätze gab. Das Holzskelett des Saales bog sich regelmäßig unter dem Ansturm der Narren – bis sich schwerwiegende Schäden an tragenden Teilen der Zuschauergalerie bemerkbar machten. Aus Sicherheitsgründen wurde die Besucherzahl Mitte der 80er Jahre begrenzt. Eine Sanierung war kaum möglich, also beschloss die Stadt den Bau einer neuen repräsentativen Stadthalle.

Was bleibt, sind die zahlreichen Anekdoten, die sich um den Wehrahofsaal ranken. Unvergessen sind die Geschichten aus der viel zu engen und stets verrauchten Bar, die nur über eine enge und steile Stiege erreichbar war. Tief in der Nacht stolperte so mancher die Treppe hinunter und fiel unsanft auf den Boden der Galerie. Mängel gab es auch bei den sanitären Einrichtungen: Aus den Toiletten drang oft ein übler Duft in den Saal, weshalb die Sitzplätze direkt vor den zugigen Toiletten besonders unbeliebt waren.

Einen gravierenden Mangel hatte auch die Toilette für die Künstler hinter der Bühne: Es gab nämlich schlicht keine. Einige Zunftabendakteure sollen sich deshalb vor ihren Auftritten – so heißt es – ihres Angstwässerchens im kleinen Waschbecken der Garderobe, die direkt über der Bühne lag, entledigt haben. Mit Folgen: Denn das Abwasser führte nicht direkt in die Kanalisation, sondern über das Dach des Saales. Angeblich soll sich damals das städtische Bauamt sehr verwundert über die schnelle Korrosion der Dachrinne gezeigt haben.

Mitte Februar 1989 wurde der legendäre Wehrahofsaal dem Erdboden gleichgemacht. Bild: Justus Obermeyer
Mitte Februar 1989 wurde der legendäre Wehrahofsaal dem Erdboden gleichgemacht. Bild: Justus Obermeyer | Bild: Obermeyer, Justus

Trotz dieser baulichen Mängel hatte der Saal seinen besonderen Charme. Auch deshalb orientierte sich Hermfried Richter als Architekt der Stadthalle an dem Vorgänger. Eine Galerie sollte auch der Neubau bekommen. Vor dem Abriss ließen es die Wehrer Narren noch einmal richtig krachen: Höhepunkt der Fasnacht 1989 war zweifellos der "Abrissball". Zunftabendlegende Roland Bächle, der sich eigentlich schon Mitte der 80er Jahre von der Bühne verabschiedet hatte, wagte noch einmal ein einmaliges Comeback und kehrte gemeinsam mit anderen alten Bühnengefährten wie Roland Fricker oder Charly Senn zurück auf die Narrenbühne. Gemeinsam blickten sie auf mehrere Jahrzehnte Wehrer Fasnachtsgeschichte, die ohne den Wehrahofsaal undenkbar gewesen wären.

Chronik des Wehrahof-Areals

  • 1901: Ein für damalige Verhältnisse pompöses Hotel mit einem großen Festsaal wird errichtet: Der Wehrahof. Die Anfangsjahre stehen allerdings unter keinem guten Stern.
    Mehrfach wechselt der Besitzer.
  • 1911: Erstmals kommt das Hotel mit dem Festsaal unter den Hammer. Mit der Bildung des legendären Elferrates beginnt die große Zeit der Wehrer Narrenzunft.
  • 1920: Ein verheerender Großbrand zerstört den großen Festsaal. Das Hotel bleibt unbeschädigt, der Besitzer lässt den Saal wieder aufbauen.
  • 1938: Viktor Erhart erwirbt das Gebäude.
  • 1965: Der Besitzer gibt die Bewirtung im Wehrahofsaal auf und verpachtet ihn als Lager und Garage. Dadurch steht der Saal vorerst nicht mehr für Veranstaltungen zur Verfügung.
  • 1967: Die Stadt pachtet den Saal und investiert in einige größere Reparaturen, den Einbau einer Bar, und die Lautsprecheranlage. Die Feierlichkeiten der Jumelage mit der Partnerstadt Bandol werden im Wehrahofsaal begangen.
  • 1978: Die Schwarzwälder Kunststoff GmbH übernimmt das Gelände, allerdings nur für drei Jahre.
  • 1981: Die Stadt Wehr wird Besitzer des schon in die Jahre gekommenen Wehrahofsaals.
  • 1989: Am 13. Februar beginnt der Abbruch des alten Festsaals. An seiner Stelle entsteht ein Lebensmittelmarkt mit Parkdeck und Tiefgarage. Der Wehrahof selbst wird saniert.
  • 2010/11: Das Gebäude kommt unter Zwangsverwaltung, als der Eigentümer Schwierigkeiten mit seiner Bank bekommt, gleichzeitig aber spurlos verschwindet.
  • 2013: Die Stadt kauft die Immobilie. Nach einem Bieterwettbewerb wird zwei Jahre später eine Wehrer Investorengruppe neuer Eigentümer, die an der Stelle des Wehrahofsaals Wohnbebauung planen.