Improvisation, Spontaneität, Flexibilität: Das sind Tugenden, die beim Internationalen Klavierfestival „Tasten II“ benötigt wurden. Beim Blick auf den Flyer sah der Besucher, dass bei dem prall gefüllten Terminkalender und heterogenen Programm am Wochenende nicht alles so glatt lief, wie es sich die Veranstalter vorgestellt hatten.

Zusammen mit dem Orchester des Hauses der Diakonie spielte Georgi Mundrov am E-Piano Unterhaltendes.
Zusammen mit dem Orchester des Hauses der Diakonie spielte Georgi Mundrov am E-Piano Unterhaltendes. | Bild: Jürgen Scharf

Da machte in Barcelona ein katalonischer Generalstreik dem Auftritt eines spanisch-russischen Violine-Klavier-Duos, das ein spezielles Konzert auf dem Anne-Sophie-Mutter/Vorwerk-Flügel geben wollte, einen Strich durch die Rechnung. Zum Glück war das italienische Klavierduo Maria Sbeglia und Umberto Zamuner rechtzeitig aus Neapel angereist, um mit der sardinischen Wahl-Wehrerin Elena Romanzin eine Klang-Malerei-Performance in der Stadthalle zu gestalten. Spontan übernahmen die Neapolitaner mit temperamentvollem vierhändigen Spiel das Abendkonzert „Tasten plus“ im Stadtmuseum.

Das italienische Klavierduo Maria Sbeglia und Umberto Zamuner gab gleich zwei Konzerte beim Klavierfestival, in der Stadthalle und im Stadtmuseum.
Das italienische Klavierduo Maria Sbeglia und Umberto Zamuner gab gleich zwei Konzerte beim Klavierfestival, in der Stadthalle und im Stadtmuseum. | Bild: Jürgen Scharf

Zwar war hier zuerst von einem italienischen Programm die Rede, aber es wurde dann doch bunter gemischt, mit Mozart, Brahms, Debussy und – immerhin – Rossini: richtige Oper auf den Tasten und ein pianistisches Feuerwerk, wie es Moderator und Organisator Georgi Mundrov versprochen hatte.

Wellenbilder stellte die Wehrer Malerin Elena Romanzin während des dreitägigen Klavierfestivals aus.
Wellenbilder stellte die Wehrer Malerin Elena Romanzin während des dreitägigen Klavierfestivals aus. | Bild: Jürgen Scharf

Die Qualitäten im vierhändigen Spiel der beiden Italiener konnte man schon bei der Live-Malerei „Klang und andere Wellen“ bewundern. Hier lief es richtig synchron: Elena Romanzin führte die Hand mit dem Pinsel ebenso rhythmisch bei der weiteren Vollendung einer großen Wasserlandschaft wie die beiden Pianisten die passende Wassermusik aus dem Handgelenk schüttelten und die Malaktion mit impressionistischen Bildern von Ravel („Jeu d‘eau“) und Debussy („Petite Suite“ mit dem glitzernden Satz „En Bateau“) untermalten.

Eine interessante Kunst-Performance: Elena Romanzin beim Live-Malen zu Klaviermusik in der Stadthalle.
Eine interessante Kunst-Performance: Elena Romanzin beim Live-Malen zu Klaviermusik in der Stadthalle. | Bild: Jürgen Scharf

Das Thema Wellen und Meer setzte sich in Romanzins Gemäldeausstellung „Onde“ (italienisch für Wellen) im Kleinen Saal fort, wo sie begleitend an den drei Festivaltagen Wellen-, Stein-und Meeresbilder zeigte. Hier konnte man sehen, wie sich Wasser bewegt und Lichtreflexionen zaubert. Das war eine schöne Idee, wie überhaupt das Tastenfestival ein interdisziplinäres und multikulturelles Ereignis war und andere Künste mit einband, Malerei ebenso wie Literatur.

Lesungen mit Musik

Musik verbunden mit Lesungen gab es an verschiedenen Stätten. Zum Beispiel in der Mediathek, wo aber nicht wie angekündigt das Lehrer-Klavierduo aus Wuhan zeitgenössische Musik aus seiner Heimat spielte, sondern die drei chinesischen Meisterschüler auftraten. An die 25 Besucher lauschten Kurzbiografien und Geschichten über berühmte Komponisten, Dirigenten und Pianisten wie Friedrich Gulda, Vladimir Horowitz und Clara Schumann.

Matinee im Brennet-Textilmuseum

Sehr gut kam die literarisch-musikalische Matinee im Brennet-Textilmuseum an. Alle 50 Plätze waren belegt, als der Prager Gastpianist Vjaceslav Grochovskij am wohlklingenden E-Piano Tschechisches von Dvorák und Smetana spielte und ein improvisiertes Filmmusik-Quiz machte. Dazu nahm Reinhard Valenta die „Kettfäden“ der einzelnen Töne auf und trug Klassikertexte von Goethe, Heine und Gottfried Keller vor, die sich mit dem Thema Weberei und Spinnerei beschäftigen. Zudem ging er auf Gerhard Hauptmanns zeitkritisches Drama „Die Weber“ ein und zog anhand der Schweizer Seidenindustrie im 19. Jahrhundert Parallelen zur Situation am Hochrhein, im Hotzenwald und zur Heimarbeit am Webstuhl.

Musik an ungewohnten Orten

Wie man von Kulturamtsleiter Frank Johannes Wölfl erfuhr, war die Nachfrage nach Tagespässen stark gestiegen. Vielleicht interessierte sich das Publikum auch für Musik an ungewohnten Orten, etwa in der Brautmodenabteilung im Modehaus Bär, wo die Chinesinnen das Motto „Trau dich“ am Klavier wörtlich nahmen und sich noch die Brautkleider-Kollektion anschauten.

Nachwuchspianisten aus China

Neben Meisterkursen, an denen fünf talentierte Klavierschülerinnen der Jugendmusikschule Bad Säckingen teilnahmen und ihren Ausbildungsstand öffentlich vor Ohren führten, fand das Konzert „The Wuhan-Wehr-Connection“ mit dem Professoren-Duo Wei Gong und Chongxiao Liu statt, an dem auch die drei chinesischen Nachwuchspianisten, die noch nie in Deutschland waren und für das Visum eine offizielle Einladung des Veranstalters brauchten, zum ersten Mal ehrfürchtig an einem Steinway saßen.

Abschluss-Gala in der Stadthalle

Passend geschmückt war der Bürgersaal mit der von der chinesischen Botschaft in Berlin zur Verfügung gestellten Nationalflagge und dem Wehrer Wappen mit den acht Linden. Als Dolmetscherin war ständig Frau Liping Li unterwegs. Der chinesische Sprachkurs sei im Ticketpreis inbegriffen, witzelte Moderator Georgi Mundrov. Dieser griff auch mal selbst in die Tasten, so in der Tagesstätte im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Öflingen, zusammen mit dem Orchester des Hauses der Diakonie, in dem Top-Hit „Himmelblau“ und beim unverwüstlichen Radetzkymarsch. Das geballte Wochenende bündelte sich bei der Abschluss-Gala in der Stadthalle mit zwei-, vier- und achthändigem Klavierspiel.

Tastenfestival

An der zweiten Ausgabe des dreitägigen Klavierfestivals „Tasten“ an verschiedenen Orten der Stadt unter künstlerischer Leitung von Georgi Mundrov beteiligten sich die Klavierduos Wei Gong und Chongxiao Liu aus Wuhan/China, Maria Sbeglia und Umberto Zamuner aus Neapel sowie der Prager Pianist Vjaceslav Grochovskji. Daneben traten die chinesischen Meisterschüler Ximan Xu, Yingying Zhu und Pengbo Wang sowie die Klavierschülerinnen Sabrina Hämmerler, Mia Wollensack, Noemi Huber, Weronika Wenk und Clara Kütemeier von der Jugendmusikschule Bad Säckingen auf und erhielten Zertifikate.