„Wer ist das eigentlich...?“ Diese Frage war am Abend der Wehrer Bürgermeisterwahl beim Auszählen der Stimmen des Öfteren zu hören. Kein Wunder: Rund 300 Bürger, die ihre Stimme keinem der drei auf dem amtlichen Stimmzettel aufgeführten Kandidaten geben wollten, nutzten die Möglichkeit, einen anderen Namen einzutragen.

77 Einzelnamen kamen dabei zusammen. Ganz weit vorne: Altbürgermeister Klaus Denzinger, der mit 102 Stimmen sogar das Ergebnis von Kandidatin Fridi Miller (81 Stimmen) toppte. Gleich hinter ihm im Reigen der alternativen Wahlvorschläge: Stefan Reichle mit 30 gültigen Stimmen. Ein ganz normaler Bürger, längst keine Lokalprominenz.

Stefan Reichle wollte gar keine Stimmen

Der 40-Jährige betont im Gespräch mit unserer Zeitung: „Ich hatte nie ein Interesse daran, Wählerstimmen abzuwerben oder mich gar zum Bürgermeister wählen zu lassen.“ In Wehr kennt man Reichle als Spieler und Jugendtrainer beim FC Wehr, manch einer als Züchter von Wellensittichen, aber in der Kommunalpolitik ist Reichle ein unbeschriebenes Blatt. Bis zum vergangenen Sonntag.

Aber warum wurde Reichle quasi über Nacht so bekannt? Am besten hat das wohl der Wähler getroffen, der auf seinen – ungültigen – Stimmzettel „Stefan Reichle von Facebook“ geschrieben hatte. Auslöser war nämlich eine Internetdebatte über Themen, die Wehrer Bürger beschäftigt. Von der Ärzteversorgung bis hin zur Gestaltung des Ortseingangs wurden verschiedene Punkte von den Usern angesprochen und zum Teil auch beklagt.

Für Reichle, der selbst seit 22 Jahren in Wehr lebt, stand fest: „Es gibt viele Bürger, die sich Sorgen machen, Ideen haben, oder mit diesem oder jenem Thema nicht einverstanden sind. Das würden sie sich aber nicht trauen öffentlich anzusprechen.“

Plötzlich in der Rolle des Moderators

Der dreifache Familienvater sammelte die Fragen zu insgesamt rund 40 Themenfeldern, die Diskussionsteilnehmer stimmten online über deren Relevanz ab und Reichle ließ den Kandidaten Michael Thater und Stefan Mielke den Fragenkatalog zukommen.

„Ich habe mich sehr gefreut, als Michael Thater innerhalb kurzer Zeit reagierte und mir eine Antwort schickte“, so Reichle. Diese teilte er auch in der Internetgruppe. „Ich bin dort in die Rolle eines Moderators und Vermittlers hineingerutscht“, sagt Reichle. „Das habe ich im Sinne der Bürger auch gerne gemacht, aber ich hatte zu keiner Zeit Ambitionen mich wählen zu lassen.“ Im Gegenteil: Reichle wurde zwar vor der Wahl häufig angesprochen, verneinte ein mögliches Interesse und vermied es sogar persönliche Informationen preiszugeben.

Stimmen sind nur mit Adresse gültig

Denn anders als bei der Prominenz, zu der Altbürgermeister Denzinger zweifellos zählt, muss der Wähler eines normalen Bürgers auch dessen Adresse angeben. Würde das Wahlrecht es anders vorsehen – Reichle hätte wohl noch mehr Stimmen bekommen.

Wie viele, wird jedoch unklar bleiben, wie Stefan Schmitz, Ordnungsamtsleiter und stellvertretender Wahlleiter, erklärt: "Das kann ich personengenau nicht sagen, da diese Zahlen nicht erfasst werden und die Wahlunterlagen direkt im Anschluss an die Wahl versiegelt und sicher verwahrt werden." So wanderten die Stimmen für Stefan Reichle ohne jeglichem Adresszusatz in den großen Topf der ungültigen Stimmen.

"Einer muss sich hinstellen und sagen, wo der Schuh drückt.“

Zu seinem Engagement im Vorfeld der Wahl, das nicht überall auf pures Wohlwollen stieß, steht Stefan Reichle und erklärt: „Es ging mir nicht darum, mich in den Vordergrund zu stellen. Aber einer muss sich hinstellen und sagen, wo der Schuh drückt.“

Online entpuppte sich Reichle rasch als guter Kenner des Wahlrechts, mahnte zur Besonnenheit, wenn die Diskussion zu hitzig wurde, ging auf Fragen ein und erklärte souverän Zusammenhänge rund um den anstehenden Urnengang. Dabei hat er selbst als Leiter einer Kreditorenbuchhaltung nichts mit Politik zu tun, „aber wenn mich ein Thema interessiert, dann informiere ich mich gründlich und beschäftige mich damit.“

Ob er sich nach so viel Zuspruch ein Engagement in der Kommunalpolitik, beispielsweise als Gemeinderat vorstellen kann? „Das kann ich im Moment noch nicht endgültig sagen, vorstellen kann ich mir eine Kandidatur für den Gemeinderat aber durchaus.“ Eines steht für ihn aber fest: „Bürgermeister werde ich auch künftig nicht werden wollen, dafür mag ich meinen Arbeitsplatz viel zu gerne.“

Drei Antworten zu den Ergebnissen der Wahl

1. Sind die 363 ungültigen Stimmen alle absichtlich als solche abgegeben worden?

Davon ist nicht auszugehen, auch wenn ein Teil der 363 Stimmzettel ganz bewusst als ungültig gekennzeichnet worden war. Die Option der Einzelnamen brachte eine weitere Schwierigkeit, wie Stefan Schmitz erläutert: "Richtig ist, dass wenn nur der Name auf dem Stimmzettel stand und es sich nicht um eine Person des öffentlichen Interesses oder der Zeitgeschichte handelt, die Stimme ungültig ist."

2. Welche alternativen Kandidaten bekamen in Wehr die meisten Stimmen?

Hinter Klaus Denzinger mit 102 und Stefan Reichle mit 30 gültigen Stimmen reihten sich Stadtrat Paul Erhard mit 13, Michael Kownatzki mit 12 und Gerard Reichert mit 11 Stimmen ein. Die weiteren 72 Einzelnamen blieben im einstelligen Bereich.

3. Ist es überhaupt schon mal vorgekommen, dass ein Bürgermeister aufgrund alternativer Vorschläge auf dem Stimmzettel gewählt wurde?

2015 sorgte ein Fall in Albstadt-Ebingen überregional für Furore: Als Seiteneinsteiger, der im ersten Wahlgang gar nicht auf dem Stimmzettel stand, wurde dort im zweiten Wahlgang Klaus Konzelmann zum Oberbürgermeister gewählt.