Der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk Wyhl ist fast schon zu einem Mythos geworden. In ihrem neuesten Roman „Kalte Nebel“ schildert die Übersetzerin, Dolmetscherin und Autorin Julia Heinecke, wie sich in den 1970-er Jahren aus der Mitte der Gesellschaft heraus eine breite Protestbewegung gebildet hat. Dabei unterstreicht sie die Rolle der Frauen. Flankiert wurde die Lesung von Frauenporträts, die die Wehrer Malerin Elena Romanzin für die Ausstellung „Neue Romantik“ geschaffen hatte, um das Frauenbild, das in der Zeit der Romantik um 1800 herum von Männern geschaffen worden war, um die weibliche Perspektive zu ergänzen.

Auch Julia Heinecke rückt eine Frau in den Mittelpunkt ihres Buches. Schon in den 1970-er Jahren habe es emanzipierte Frauen gegeben, und eine von ihnen hatte als Vorbild für die Romanfigur der Hannelore gedient. Mit ihrem neuen Roman schloss Julia Heinecke ihre Schwarzwald-Trilogie ab. Im ersten Roman „Kalte Weide“ hatte sie den Schwarzwälder Hütekindern in den 1940-er Jahren ein Denkmal gesetzt, und im zweiten Werk „Kalte Herzen“, das in den 1950-er Jahren spielt, befasste sie sich mit ungewollter Schwangerschaft und lediger Mutterschaft. In ihrer Lesung stellte die Autorin die Geschichte der Bewegung vor, zeigte zahlreiche Quellen und verlas mehrere dazu passende Ausschnitte aus dem Roman. Dabei wurde deutlich, wie der Widerstand nicht nur die Region spaltete (im Dorf Wyhl stimmten 55 Prozent für das Atomkraftwerk, in der Umgebung war die große Mehrheit dagegen), sondern auch Familien. So arbeitet der Bruder der Widerstandskämpferin Hannelore als Polizist, und Bruder und Schwester begegnen sich just auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen, als die Wasserwerfer zum Einsatz kommen, auf den verschiedenen Seiten des Zaunes. Die Autorin verzichtet auf Schwarz-Weiß-Zeichnungen und schildert auch die inneren Konflikte, denen die Polizisten ausgesetzt sind. Auch die Ängste der Menschen werden anschaulich geschildert. Natürlich kommen auch die „Widerstandsromantik“ und die Solidarität zwischen Kaiserstühlern und Elsässern zum Ausdruck.

Julia Heinecke betonte, dass die Anti-AKW-Bewegung nicht von politischen Agitatoren getragen worden sei. So ist ihre „Heldin“ Hannelore eine bürgerliche Frau und nicht einmal nach Ansicht ihrer Verwandten, die sich für das AKW aussprechen, eine Extremistin, sondern allenfalls „ein bisschen verrückt im Kopf“. Und wahrscheinlich, so die Autorin, sei es dieser breite Widerstand aus der gesellschaftlichen Mitte heraus gewesen, der die Politik verunsichert und letztlich das Projekt gestoppt habe.

Die Lesung erfreute sich eines großen Zuspruchs. Wie die Präsidentin des Zonta-Clubs Südschwarzwald, Corinna Zimmermann, erklärte, werden mit dem Erlös aus der Lesung Projekte zur Verbesserung der Lebenssituation von Frauen unterstützt.