Unterstützung im Alltag und einen Leitfaden für die eigene Zukunft in der neuen Heimat – das erarbeitet seit gut einem Jahr der Integrationsmanager Christoph Schmitt mit den in Wehr lebenden Geflüchteten. Selbst für einen Deutschen sind rechtliche Fragen nicht einfach, die Gesetze in diesem Bereich iwurden n den letzten vier Jahren rund 50 mal geändert. „Fachkenntnisse sind besonders wichtig im Kontakt mit Behörden, um zum Beispiel beim Thema Familiennachzug zu vermitteln“, so Schmitt. Dazu kommt viel Geduld und Interesse an den unterschiedlichsten Nationalitäten und deren Küche: Ohne Tee und am besten noch eine Mahlzeit ist für die meisten seiner Schützlinge ein Hausbesuch undenkbar, so Schmitt mit einem Augenzwinkern.

Hilfe zur Selbsthilfe

Christoph Schmitt betreut alle Flüchtlinge mit Bleibeperspektive, aktuell rund 160 Personen in Wehr und Öflingen. Diese freiwillige Unterstützung werde sehr gut angenommen, freut sich Schmitt. Ein Sicherheitsnetz, welches Einheimische durch Freunde und Familie haben, haben Geflüchtete naturgemäß besonders in der Anfangszeit nicht. Durch die ständige Fluktuation ist sein Arbeitsspektrum breit gefächert: Für Neuangekommene seien besonders Sprachkurse und Hilfe im Kontakt mit Ämtern wichtig. Mit einer Aufenthaltsgenehmigung dürfen die Menschen dann in Privatwohnungen umziehen und auch arbeiten. Hier hilft Schmitt bei der gesellschaftlichen Teilhabe, etwa um finanzielle Hilfe für eine Vereinsmitgliedschaft für den Nachwuchs oder auch bei Bewerbungen. Selbst mit guten Deutschkenntnissen stellen amtliche Schreiben für viele eine Herausforderung dar. „Ich biete ausdrücklich Hilfe zur Selbsthilfe an. Der Kontakt wird von mir aktiv gehalten, meine Aufgabe ist es aber nicht, den Menschen hinterher zu laufen“, stellt Schmitt klar. Weder sei der Integrationsmanager ein Immobilienmakler, noch ein Anwalt oder Steuerberater. „Es gilt klar die Regel der Gleichbehandlung, egal welcher Nation man angehört“, ergänzt Ordnungsamtsleiter Stefan Schmitz.

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Nicht nur Erfolgserlebnisse

„Die Menschen haben mittlerweile ein realistischeres Bild davon, was sie in Deutschland erwartet“, weiß Schmitt. Vier Jahre Erfahrung bringt der gebürtige Saarländer mit, außerdem eine gute Portion Grundgeduld und Ausdauer. Denn je nach Temperament und Grundeinstellung seines Gegenübers müsse manchmal klar gestellt werden, das Gesetze nicht verhandelbar seien. „Das wird mehrheitlich akzeptiert“, so Schmitt. Der Umgang sei zu 99 Prozent respektvoll und positiv. Besonders Menschen mit höherem Bildungsstand und Jugendlichen falle die Integration seiner Erfahrung nach leicht: „Junge Menschen sehen eine Ausbildung, etwa in der Altenpflege oder in der Industrie als Trittbrett für ein Studium.“ Hier habe es bereits einige sehr positive Fälle gegeben. Mit dem wachsenden Vertrauensverhältnis werden auch persönliche Probleme an den Integrationsmanager herangetragen. Das können Eheprobleme sein, aber auch Traumaerfahrungen. Die Vermittlung an passende Hilfsstellen ist schwierig, eine Betreuung ist aber nicht Teil seiner Arbeit, erklärt Schmitt.

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Finanzierung für drei Jahre gesichert

Dass man sich in Wehr für einen eigenen Integrationsmanager entscheiden habe, sei auch im Rückblick eine sehr gute Entscheidung gewesen, so Ordnungsamtsleiter Schmitz. Bürgermeister Thater möchte den Integrationsmanager ebenfalls nicht mehr missen: „Die Integration von geflüchteten Menschen ist nicht durch kommunales Handeln verursacht, aber nur in den Kommunen sinnvoll möglich.“ Die Finanzierung der ursprünglich auf zwei Jahre angelegten Stelle durch Landesmittel ist kürzlich auf drei Jahre verlängert worden. Sollten Bund und Land ihre Zusage einer langfristigen Finanzierung nicht halten, würden die kommunalen Spitzenverbände – und mit ihnen die Stadt Wehr – massiv Widerstand leisten, so Thater. Denn mit einer Laufzeit der Gemeinschaftsunterkunft von 25 Jahren bleibt das Thema langfristig relevant.

Ehrenamtliche Hilfe bleibt wichtig

„Das Netzwerk Integration hat viel geleistet. Es haben sich private Freundschaften und Patenschaften entwickelt“, weiß Schmitz. Die ehrenamtlichen Helfer hatte sich 2016 zusammengefunden und sind für die damals noch fehlende staatliche Unterstützung eingesprungen. Von Arztbesuchen über Sprachkurse bis hin zu Hausaufgabenhilfe habe die Gruppe wichtige Integrationsarbeit geleistet, stellte Thater kürzlich im Gemeinderat fest. Mittlerweile haben die Helfer ihre organisierte Unterstützung reduziert: „Die Mehrheit ist inzwischen gut integriert und findet sich selber zurecht. Die Kontakte, die sich zwischen Einheimischen und Geflüchteten teilweise ergeben haben, werden auf freundschaftlicher Basis weitergeführt“, so die Sprecherin des Netzwerkes Gabriele Pichlhofer. „Es war von Anfang an so gedacht, dass die Aktivitäten des Netzwerkes in der Intensität, wie begonnen, nicht bis zum St. Nimmerleinstag weitergeführt werden. Heute, da die öffentlichen Strukturen mehr oder weniger gut funktionieren und auch bei uns in Wehr ein Integrationsmanager tätig ist, beschränkt sich der ehrenamtliche Einsatz auf das, was er sein soll: den Kontakt zwischen Einheimischen und Geflüchteten auf individueller Ebene.“ Die Homepage sei darum bereits abgeschaltet, der Kontakt zur Sozialarbeit werde aber noch gehalten, so Pichlhofer.

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Flüchtlinge in Wehr

  • Die Unterkünfte: Im Januar 2016 wurde die Gemeinschaftsunterkunft im Egerten, die von der Stadt Wehr gebaut wurde ujm sie an den Landkreis Waldshut zu verpachten. Später sanierte der Landkreis noch die privaten Öflinger „Bayer-Häuser“. Zu Spitzenzeiten lebten mehr als 300 Flüchtlinge in Wehr, aktuell sind es noch rund 130 Personen.
  • Aktueller Stand: „In der Unterkunft im Egerten leben aktuell um 80 Personen, in Öflingen etwa 50 Personen“, weiß Ordnungsamtsleiter Schmitz. Damit sei die Wehrer Unterkunft immer noch voll belegt, denn bei der Raumverteilung wird auf Familien und unterschiedliche Nationalitäten Rücksicht genommen. In Öflingen sind wegen eines Wasserschadens aktuell nicht alle Wohnungen nutzbar. Trotz der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt haben einige Familien private Unterkünfte gefunden.
  • Die Geflüchteten: Das Spektrum der Nationalitäten habe sich erweitert: Kamen vor vier Jahren vor allem Menschen aus den arabischen Kriegsgebieten nach Wehr, sind heute auch Geflüchtete aus afrikanischen Ländern wie Eritrea, Somalia und Gambia im Wehratal untergebracht. „Ein interessanter und bunter Mix an Menschen“, fasst es Schmitz zusammen. Dazu auch eine friedliche Mischung: Trotz des gestiegenen Anteils alleinstehender Männer sei es in Wehr sowohl ordnungsrechtlich als auch strafrechtlich sehr ruhig, bestätigen sowohl Schmitz als auch Polizeisprecher Mathias Albicker.