Die Gefahren für die Quellen auf dem Hotzenwald sind ein Thema, das den Menschen nach wie vor unter den Nägeln brennt. Das wurde auch am Samstag in der Wehrer Seebodenhalle wieder deutlich, wo derzeit die über 1000 Einwendungen gegen das Pumpspeicherwerk Atdorf erörtert werden. Über 200 Interessierte waren in der Halle. Es ging dabei in erster Linie um die Folgen des Projektes auf den Wasserhaushalt des Hotzenwaldes. So sagte auch Jörg Gantzer, Leiter des Planfeststellungsverfahrens, „das Schutzgut Wasser werde eines der entscheidenden Themen sein“. Es gebe Bedenken hinsichtlich der Abdichtung der Stollenbauwerke, die vor dem Hintergrund des überraschenden Wassereinbruchs im Sondierstollen am 10. März 2010 durchaus begründet seien.

Vertreter des Schluchseewerkes sagten am Samstag, dass die Tunnel durch Betoninjektionen in den Störzonen abgedichtet würden. Auf Nachfrage von Klaus Stöcklin, Sprecher der BI Atdorf, konzedierte das Schluchseewerk, dass die Betoneinspritzung nicht 100-prozentig abdichten. Eine gewisse Menge Grundwasser wird also dennoch in den Stollen fließen. Um wieviel es sich handelt, ließ sich nicht genau sagen: Es kursierten Mengen zwischen 44 Sekundenliter bis 112. Stöcklin dazu: „Das ist ein Verwirrspiel, das ist wie Horoskoplesen“. In diesem Zusammenhang fordern Kritiker einer bessere Abdichtung durch einen Stahlmantel. Laut Schluchseewerk sei dies nicht verhältnismäßig. Die Maßnahme sei zu teuer, der Stahlmantel wegen des Drucks zu dick, die Dauer der Bauarbeiten zu lange.

 „Wer gleicht uns das aus?“

Projektgegner argumentieren, dem Schluchseewerk liege gar nichts an einer Abdichtung des Stollens, denn jeder Liter Wasser, der ins System fließe, sei willkommen. Jürgen Pritzel, Ingenieur bei der BI, fragte denn auch, ob das Schluchseewerk für diese Wasserzuleitungen zahlen werde.

Die Krux bei Wassereintritten in den Stollen ist folgende: Es besteht die Gefahr von Verminderung oder Versiegen der Quellen auf dem Hotzenwald. Das bestreitet auch der Vorhabenträger nicht. Aus diesem Grund müssen im Planfeststellungsverfahren zwei Dinge gesichert sein: Wenn Quellen und Bäche auf dem Hotzenwald im Zuge des Baus trocken fallen, muss die Trinkwasserversorgung gesichert sein, ebenso Zuleitung/Bäche in existierende Biotope. Diese Ersatzbeschaffung von Wasser nennt sich in der Fachsprache Dotation – darunter sind umfangreiche und technisch ausgefeilte Systeme zu verstehen, damit der Grundwasserspiegel künstlich auf einem bestimmten Niveau gehalten wird und Biotope auch künftig künstlich bewässert werden.

Werner Schlachter, Landwirt, Handwerker und Gemeinderat aus Rickenbach, verwies in diesem Zusammenhang auf die Folgen für die Landwirtschaft, wenn Quellen versiegen. „Wer gleicht uns das aus“, fragte er. Der Vertreter des Schluchseewerkes bestritt Folgen für die Landwirtschaft. Ein Absenken des Grundwasserspiegels habe keinen Einfluss, er verwies auf die wichtigere Bedeutung von Niederschlägen für die Landwirtschaft. Und diese würden in Zukunft im Jahresmittel konstant bleiben.

„Schönrederei – das ist wieder eine dieser Geschichten, die sie uns verkaufen“

Das Dotationswasser, also die künftige künstliche Bewässerung, wird aus verschiedenen Bereichen kommen, hieß es auf Anfrage von Jürgen Pritzel. Zum einen werde es gespeist aus dem Kavernenkraftwerk Wehr, müsse aber zuvor gereinigt werden, zum anderen mit Wasser von der Murg aus dem Zuleitungsschacht zum Eggbergbecken. Im späteren Betrieb des PSW Atdorf werde auch Bergwasser Verwendung finden. BI-Sprecher Stöcklin sprach angesichts dieser Mischung von einer deutlichen Verschlechterung der Wasserqualität im Vergleich zum Status quo. Jürgen Pritzel nannte es eine „abgestandene Brühe“, und der Rickenbacher Projekt-Kritiker Volker Albiez sprach von „Schönrederei – das ist wieder eine dieser Geschichten, die sie uns verkaufen“. Pritzel verlangte vom Schluchseewerk die „klare Garantie“, dass sich das Trinkwasser der Hotzenwaldgemeinden nicht verschlechtere. Eine Verschlechterung der Qualität werde es nicht geben, hieß es vom Schluchseewerk, sie werde sich nur ändern. Das im Hotzenwald typischerweise sehr weiche Wasser werde etwas härter, das sei alles.

Christian Lueg aus Rickenbach fragte, wie die Dotation denn funktioniere, wenn im Kavernenkraftwerk Wehr eine Revision anstehe. Das Schluchseewerk räumte ein, dass dieses Szenario noch nicht gänzlich ausgearbeitet sei, was die Grünen-Kreisrätin Ruth Cremer-Ricken zu der Bemerkung veranlasste: „Hier will man wieder loslegen, bevor alle Probleme gelöst sind.“

Die mögliche Belastung des Wassers mit Arsen war Thema am Samstagnachmittag. Hintergrund des Problems ist die Tatsache, dass im Gneis oder Granit Arsen gebunden ist. Es wird allerdings durch die Bohrarbeiten und das dadurch entstehende Geröll und die Schlämme freigesetzt. Kritiker befürchten, dass es auch in den Wasserkreislauf und somit ins Trinkwasser gelangen könnte. Das Schluchseewerk sieht angesichts der prognostierten Gutachterwerte jedoch keinen Grund für solche Befürchtungen. Die Werte seien alle weit unterhalb der bedenklichen Grenzwerte. Diskussionen gab es auch hinsichtlich einer teilweise stärkeren Gewässerbelastung mit Ammoniumnitrat und Phosphor. Das verstoße zwar gegen das Verschlechterungsverbot, räumte Schuchseewerk-Anwalt Klaus-Peter Dolde ein, hierfür habe man aber angesichts des öffentlichen Interesses Ausnahmen beantragt. Torsten Heilshorn, Anwalt der Gemeinden Bad Säckingen, Rickenbach und Herrischried, sagte dazu: Immer wieder werde bei Ausnahme- und Befreiungstatbeständen das öffentliche Interesse strapaziert – „ein öffentliches Interesse, das wir so nicht sehen.“