Die Kanzel in der Sankt-Martins-Kirche ist wieder komplett. Zu Ostern wurde der seit langem fehlende Treppenaufgang eingebaut. Vor fünf Jahren 2012 hatten Restaurator Detlef Reimann aus Staufen und die Wehrer Zimmerei Bühler die Kanzel an der ersten Säule des Mittelschiffes wieder angebracht. Die Treppe gleich mit anzufügen, stand damals nicht zur Diskussion. Die Kanzel war über Jahre auf einem Heuschober aufbewahrt worden. Demontiert wurde diese im Zuge der großen Innenrenovation in den Jahren 1984 bis 1988. Dass das Prunkstück aus dem Klassizismus je wieder den Weg zurück in das Gotteshaus finden würde, daran glaubte niemand. Es war ein Kunstmäzen und Liebhaber des Wehrer Gotteshauses, der darauf drängte, sie der Sankt-Martins-Kirche wieder zurückzugeben. Die Kanzel sei genauso Teil dieses sakralen Bauwerkes wie Hochaltar, Zelebrationsaltar, Ambo und alles Sonstige was die Kirche an Kunstwerken aufzuweisen habe.

Hermann Marder, von 1957 bis 1979 Stadtpfarrer von Wehr, störte sich bei seinem Amtsantritt an der Platzierung der Kanzel. Sie befand sich damals am dritten rechten Pfeiler vom Chorraum aus. Die im ersten Kirchenschiff sitzenden Kirchgänger würden ihn nur von hinten hören können. Also ließ er sie kurzerhand an den vorderen Vierungspfeiler versetzen.

Für dessen Nachfolger Pfarrer Gerhard Balles (1979 bis 1999) spielte das Verkündigungspotest überhaupt keine Rolle. Er nutzte die Kanzel überhaupt nicht dazu, um "von oben herab" zu den Gläubigen zu sprechen. Und so beschwerte sich niemand, als sie im Zuge der Innenrenovation Mitte der 1980er Jahre entfernt wurde – schuf diese Maßnahme auch noch bessere Sicht auf den Hochaltar und den Zelebranten.

Für den heutigen Stadtpfarrer Matthias Kirner waren Kanzelpredigten nie ein Thema, denn sie war zum Zeitpunkt seines Amtsantritts gar nicht vorhanden. Als die Kanzel vor etwa zehn Jahren ziemlich ramponiert aufgefunden wurde und sich Diskussionen über deren Wiederanbringung in Gang setzten, hielt sich der Geistliche zurück. Die Pfarrei an den horrenden Kosten zu beteiligen, das war bei dem angespannten Haushaltsplan ohnehin nicht denkbar. Die Hilfe eines großzügigen Sponsoren machte die Restauration schließlich möglich. Auch jetzt, bei der Realisierung des bislang fehlenden Treppenaufgangs, war der besagte Kirchenmäzen wieder behilflich. Und wiederum kamen derselbe Restaurator und die Zimmerei zum Einsatz. Laut Expertise wurde die ursprüngliche Kanzel vermutlich in den Jahren um 1810/12 eingebaut. Geschaffen wurde sie von dem bedeutenden oberrheinischen Künstler Johann Friedrich Vollmar (1751 – 1818).