Rein äußerlich ist das Bild des Krankenhausneubaus aus dem Jahr 1969 gut wiederzuerkennen: Hier hat sich bis heute recht wenig verändert. Und doch ist das Gebäude, das für den heutigen Betrachter nicht gerade wie ein optisches Kleinod wirkt, wichtig für die Stadtgeschichte. Denn mit dem Neubau an der Georg-Kerner-Straße entschied sich auch, wie es anderswo weiterging – beispielsweise mit der Villa Rupp.

Eine aktuelle Augfnahme des früheren Wehrer Krankenhauses mit dem Anbau von 1969.
Eine aktuelle Augfnahme des früheren Wehrer Krankenhauses mit dem Anbau von 1969. | Bild: Obermeyer, Justus

Aus einem Armenhaus entwickelt sich das Krankenhaus

Die Geschichte des Wehrer Krankenhauses ist wechselhaft. Nachzulesen ist sie in der Chronik der Bürgerstiftung aus dem Jahr 1981. Aus dem 1834 erbauten Armenhaus in der Georg-Kerner-Straße 20, dem Gründungshaus der Bürgerstiftung, entwickelte sich durch die Anstellung von vier Ordensschwestern ab 1881 in ein Krankenhaus. Ein „Krankenhaus mit Pfründnerabteilung“, so wurde die Einrichtung genannt.

Das Wehrer Geburtshaus mit Altenheim aus früher Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Das Wehrer Geburtshaus mit Altenheim aus früher Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts. | Bild: Stadtmuseum Wehr

Das funktionierte einige Jahrzehnte auch sehr gut, doch irgendwann wurde der Platz knapp. So kam es, dass das Krankenhaus andernorts untergebracht werden musste. Aus damaliger Sicht bot sich dafür die Villa Rupp an und am 10. März 1952 wurden die ersten 14 Patienten dort behandelt.

Senioren und Neugeborene unter einem Dach

Doch der Ortswechsel galt nur für die Kranken. Die Entbindungsstation blieb in der Georg-Kerner-Straße. Elf Betten im zweiten Obergeschoss standen zur Verfügung. Und während die Bürgerstiftung nun ein eigenes Krankenhaus hatte, war es zur eigentümlich anmutenden Einrichtung eines „Altersheims mit Entbindungsstation“ gekommen.

Die ältesten und die jüngsten Wehrer waren fortan unter einem Dach untergebracht. Keine wirklich optimale Lösung, vor allem, da für den Krankenhausbetrieb in der Villa Rupp keine geeigneten Bedingungen bestanden: So fehlte beispielsweise ein Aufzug.

Alternative zur Villa Rupp

Im Mai 1966 überlegte der Gemeinderat, ob ein teurer Anbau an der Villa eine Verbesserung wäre, als Dr. Bulich, Arzt und Stadtrat, den Vorschlag machte, die Villa Rupp als Altersheim zu nutzen und den Anbau am Haus in der Georg Kerner-Straße zu errichten und dieses fortan als Krankenhaus zu nutzen.

Spontan und einstimmig folgte der Gemeinderat diesem Vorschlag. Noch vor Baubeginn des Neubaus, den Architekt Hermfried Richter leitete, am 1. Juni 1966, erfolgte der Umzug. Die Bewohner des Altersheims zogen in die Villa Rupp, die Patienten in das – nun komplett als Krankenhaus genutzte – Gebäude im Wehrer Süden.

So berichtete der SÜDKURIER am 8. November 1969. Bild: Archiv SÜDKURIER
So berichtete der SÜDKURIER am 8. November 1969. Bild: Archiv SÜDKURIER | Bild: Archiv Südkurier

Die Kosten

Im November 1967 wurde mit dem Anbau begonnen und am 8. November 1969 wurde der Neubau dann bezogen. 900 000 DM kostete der Neubau, 75 000 DM die Ausstattung. Das Land beteiligte sich mit 243 000 DM, der Kreis Säckingen mit 200 000 DM. Während der Bauzeit wurde außerdem der Altbau renoviert, was mit 124 000 DM zu Buche schlug.

So berichtete der SÜDKURIER am Montag, 10. November 1969 über die Einweihung des Neubaus.
So berichtete der SÜDKURIER am Montag, 10. November 1969 über die Einweihung des Neubaus. | Bild: Archiv Südkurier

Die Bettenzahl erhöhte sich nur gering von 49 auf 57, aber nun standen dringend notwendige Nebenräume und Schwesternwohnräume zur Verfügung. Manch einem ist der Name des Chefs im OP noch immer ein Begriff: der ortsansässige Chirurg Dr. Schwanig operierte und Dr. Bulich assistierte. Übrigens: Wenige Tage nach der Einweihung des Anbaus wurde Bürgermeister Schmidle in den Ruhestand verabschiedet.

Krankenhaus hat keine Zukunft

Turbulente Zeiten folgten für das Wehrer Krankenhaus: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) trat 1972 in Kraft mit dem Zweck, Krankenhäuser wirtschaftlich zu sichern, um eine bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Die Krankenhäuser sollen dabei leistungsfähig sein und eigenverantwortlich wirtschaften. Die Wirtschaftlichkeit war es, die schließlich die Geschichte des Krankenhauses beendete.

Das lässt die Chronik der Bürgerstiftung Anfang 1981 noch offen, doch die Berichterstattung des SÜDKURIER belegt: 3000 Unterschriften zum Erhalt und vieler Diskussionen zum Trotz wurde 1981 das Wehrer Krankenhaus aus dem Krankenhausbedarfsplan gestrichen. Bis 1985 gab es noch einige Belegbetten, aber dann wurde der Betrieb endgültig eingestellt.

So berichtete der SÜDKURIER am 13. Februar 1981.
So berichtete der SÜDKURIER am 13. Februar 1981. | Bild: Archiv Südkurier

Am 22. April 1986 verkaufte die Bürgerstiftung das Krankenhaus an die Stadt Wehr, die die Gebäude nutzte um Hilfsbedürftige wie Obdachlose und Asylbewerber unterzubringen. Zeitweise lebten hier mehr als 130 Menschen.

Neue Pläne

Auf dem derzeit brach liegenden Gelände soll sich in nächster Zeit wieder Leben einkehren: Ein neuer Kindergarten mit Familienzentrum entsteht in der Georg-Kerner-Straße. Die Fertigstellung und Einweihung des Kindergartens, der Platz für bis zu fünf Gruppen bieten wird, plant die Stadt aber erst für 2019.

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Weil der Kindergarten auf der Grünfläche entsteht und nicht wie ursprünglich geplant an der Stelle des alten Krankenhauses, bleibt das Gründungshaus der Wehrer Bürgerstiftung länger stehen, als noch vor einigen Jahren gedacht. Für den eigentlich schon 2015 beschlossenen Abriss stehen in 2018 keine Mittel bereit.