Einmal Freispruch, einmal Haft – so das Urteil im Prozess um den zweifachen Brand in Wehr. Das Schöffengerichts Bad Säckingen unter dem Vorsitz von Richterin Stefanie Hauser musste dafür eine Vielzahl von Indizien auswerten. Im Dunkeln bleibt weiterhin, wer den Brand tatsächlich gelegt hat. Für das Vortäuschen einer Straftat, versuchten Betrugs in einem besonders schweren Fall sowie Versicherungsmissbrauchs wurde der angeklagte Wehrer zu insgesamt zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Seine ebenfalls angeklagte Mutter wurde freigesprochen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Prozess und die Plädoyers

In der aufwändigen Rekonstruktion der Ermittler zeigte sich, wie schwierig und komplex die Suche nach dem tatsächlichen Tatablauf war. Da wurden Scherben gewogen, riesige Mengen an Navi-Daten ausgewertet und DNA-Proben gesichert. Die Ermittler machten Kletterversuche am Kellerfenster und verwanzten sogar Auto und Handy der Angeklagten. Wie unterschiedlich all diese Fragmente dann trotzdem gesehen werden können, zeigten die Schlussplädoyers. Für Staatsanwalt Florian Schumann konnte sich die Mosaiksteine nur zu einem möglichen Bild fügen: Beide Angeklagte wussten von der Brandstiftung, der Sohn hatte einen Dritten mit dem Anzünden der Brandbomben beauftragt, gemeinsam wollten die Angeklagten die Versicherung um fast eine halbe Million betrügen. Die Verteidigung plädierte hingegen auf Freispruch.

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Denn für sich betrachtet könnte jedes Detail auch ein Zufall sein, argumentierten die beiden Anwältinnen Anette Scharfenberg und Angela Furmaniak. Das auf dem Rückweg aus dem Urlaub eine lange Pause eingelegt wurde – ein mögliches Ausruhen auf der langen Nachtfahrt. Der SMS-Verkehr in der Nacht kurz vor und nach dem Brand – möglicherweise Mitteilungen des Netzbetreibers beim Grenzübertritt. Das der Angeklagte gesehen wurde, wie er Kanister ins Haus gebracht hat – vielleicht wirklich destilliertes Wasser? „Wer hat was gemacht? Wer wusste was zu welchem Zeitpunkt?“ fasst Anwältin Scharfenberg das Kernproblem des Prozesses zusammen.

Das Urteil des Schöffengerichts

In ihrer Urteilsbegründung folgte Richterin Stefanie Hauser in vielen Bereichen den Argumenten der Staatsanwaltschaft. Zusammen mit den beiden Schöffen habe man versucht, die verschiedenen möglichen Szenarien auf ihre Plausibilität zu überprüfen, so Hauser. Dass ein fremder Einbrecher die Inneneinrichtung so verwüstet, wie in diesem Fall, sei unüblich. Dass dann auch noch Kanister mit brennbaren Material mitgebracht und sogar Behälter mit destillierten Wasser aus dem Haus umgefüllt werden, sei eine Vorgehensweise, die von den erfahrenen Kriminalbeamten als beispiellos gesehen wird. Gleiches gilt für einen möglichen Pyromanen, der das Haus aus reiner Freude angezündet haben könnte. Und dass sich jemand an der Familie rächen wollte, haben die beiden Angeklagten selbst in ihren Aussagen entkräftet. Doch selbst wenn die Puzzleteile der Ermittlung stark auf die Schuld beider Angeklagten hindeutete, für eine Verurteilung brauche es mehr.

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Hier führte Hauer die harten Fakten an: die Familie hatte das Haus vor dem zweiten Brand nach eigenen Angaben sehr gut gesichert. Die Rollläden waren herunter gelassen, die Fenster mit Schlössern gesichert. Alle drei Schlüssel wurden mitgenommen. Der einzige Weg ins Haus führte durch ein zerbrochenes Kellerfenster. Und eben hier hatte die Kriminaltechnik nachgewiesen, das niemand diese Weg genommen hatte. Keine Tür wies Einbruchspuren auf. Der Täter konnte also nur mit einem von den Angeklagten ausgehändigten Schlüssel ins Haus kommen. Die zerbrochene Fensterscheibe lieferte den nächsten Fixpunkt: Der Angeklagte hatte sich am Tag vor der Urlaubsreise eine Schnittwunde am Arm zugezogen. Nach seinen Angaben wäre er bei einer Radtour gestürzt. Eine Untersuchung durch die Rechtsmedizin ergab aber, dass es sich diese Art von Schnitt nicht bei einem solchen Sturz zugezogen werden könne. Am stärksten belastet wurde der Angeklagte aber durch die Überwachung von Auto und Handy.

Hohe Schulden als Motiv

Direkt nach dem Verhör kontaktierte der Angeklagte einen Freund, der den als gestohlen gemeldeten Schmuck vor der anstehenden Durchsuchung der Garage in Sicherheit bringen sollte. Gleichzeitig wurde die Mutter durch den Gesprächsmitschnitt im Auto entlastet. „Hast du was damit zu tun?“ fragte sie ihren Sohn direkt nach dem Verhör. Auch die vermeintlich falschen Angaben bei der Versicherung ließen sich zugunsten der Angeklagten erklären, so Hauser. Der 35-jährige habe hingegen eine immense kriminelle Energie an den Tag gelegt. Als Motiv sah die Richterin unter anderem die großen Schulden, welche der Angeklagte durch seinen aufwändigen Lebensstil angehäuft hatte. Schon als Heranwachsender wurde er unter anderem wegen mehrere Überfälle auf Drogeriemärkte verurteilt, dazu kamen Fahren ohne Fahrerlaubnis und Drogendelikte. 

Zwei Brände

Gleich zweimal brannte das Einfamilienhaus: Am 7. April 2016 und am 16. Juni 2017. Das Gericht sah es als erwiesen an, das der Angeklagte in beiden Fällen die Brände vorbereitet hatte. Gemeinsam mit seiner Mutter fuhr er dann in den Urlaub, den Brand entzündete ein unbekannter Dritter. In beiden Fällen wurden Benzin gefüllte Plastikkanister im Haus verteilt und mit Schnüren und einer Kerze als Zeitzünder präpariert. Außerdem wurden die Wohnräume verwüstet um einen Einbruch vorzutäuschen. Der erste Brand begann im Keller, ein geplatztes Wasserrohr verhinderte ein Übergreifen auf die oberen Stockwerke. Der zweite Brand breitete sich sehr viel schneller aus und erfasste auch den Dachstuhl. Am nun unbewohnbaren Haus entstand ein Schaden von 400.000 Euro. Neben teuer Unterhaltungselektronik gaben die Bewohner an, dass sich wertvoller Schmuck sowie ein Kilo Gold und Bargeld im Haus befunden habe.

Die Polizei hört mit

Eine Wanze im Auto, das Telefon angezapft – was im Film ganz normal ist, darf im Polizeialltag nur unter sehr strengen Voraussetzungen angewandt werden. In Artikel 13 des Grundgesetzes wird die räumliche Privatsphäre ganz klar geschützt. Nur wenn ein begründeter Verdacht auf eine schwere Straftat wie Raub oder Mord vorliegt, kann es eine Ausnahme geben. Die Ermittler müssen zudem nachweisen, dass der Sachverhalt auf andere Weise wesentlich schwerer oder gar nicht zu ermitteln ist. Dafür muss die Staatsanwaltschaft einen Antrag bei Gericht stellen. In Ausnahmefälle etwa mit hohem Zeitdruck, kann auch die Staatsanwaltschaft die Überwachung direkt anordnen