Seit vergangenem Jahr ist Paul Erhart eigentlich im Ruhestand. Mit 68 Jahren übergab er seinen Zeitschriften- und Tabakwaren-Laden am Bahnhofsplatz einer Nachfolgerin, um sich künftig mehr um Ehefrau und Enkelkind kümmern zu können. Ausgerechnet in den Sommerferien kann allerdings von „Ruhestand“ bei ihm keine Rede mehr sein.

Denn immer wenn andere Ferien haben, bekommt Paul Erhart wieder Arbeit: Seit 2004 ist er nämlich erster Bürgermeister-Stellvertreter in Wehr. Damit vertritt er den hauptamtlichen Bürgermeister Michael Thater in den Sommerferien nun schon zum 15. Mal. Zusammen mit dem zweiten Bürgermeister-Stellvertreter Eugen Mulflur ist er damit der höchste Repräsentant der Stadt – aber nur für einige Wochen im Jahr.

Eine tagesfüllende Beschäftigung ist dieser „Ferienjob“ natürlich nicht, aber doch ein verantwortungsvoller. „Jeden Tag gehe ich ins Rathaus, lese die Post und schaue was anliegt“, erzählt Erhart. „Manches darf einfach nicht liegen bleiben.“ Da gibt es beispielsweise Mietverträge in der Bürgerstiftung und Arbeitsverträge zu unterschreiben. Oder Stellungnahmen für andere Behörden, die zu einer bestimmten Frist abgegeben sein müssen. Das Geschäft der Verwaltung hatte er als Einzelhändler nie gelernt. „Am Anfang waren es natürlich Lehrjahre. Es hat bestimmt zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich mich mit allen Zuständigkeiten und Abläufen auskannte“, erzählt der 69-Jährige. Ein großes Kompliment macht er den Rathausmitarbeitern, die nicht nur geduldig seine Fragen beantworten, sondern ihm auch gut zuarbeiten. „Wichtig ist das gegenseitige Vertrauen und ein gutes Verhältnis“, so Erhart. Von den Amtsleitern und deren Mitarbeitern wird er stets über alles informiert, was gerade „im Städtle“ läuft.

Politische Entscheidungen muss und soll der Stellvertreter des Bürgermeisters nicht treffen. Vor einer Abwesenheit spricht sich Bürgermeister Thater deshalb mit seinen beiden Stellvertretern ab, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Doch überraschende Einsätze gibt es für die Stellvertreter dennoch immer wieder. Zuletzt im Mai, als eine Bombendrohung die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzte. Paul Erhart erinnert sich auch noch gut an den September 2005, als sich der damalige Ministerpräsident Günter Oettinger zu einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Talschulplatz angekündigt hatte. Vom Eintrag ins Goldene Buch über Absprache des Veranstaltungsablaufs bis zum Bestellen der Stadtmusik – überall war Paul Erhart Vertreter der Stadt involviert. „Schon zwei Wochen vorher gab es Begehungen mit der Polizei, das waren unzählige Besprechungen“, erinnert sich Erhart.

Noch plötzlicher kam der Auftrag im August 2005, eine Pressekonferenz der Polizei mit mehreren Fernseh-, Rundfunk-, und Zeitungsjournalisten zu leiten. „Morgens kam der Anruf, dass es im Tötungsfall Gabriele und Jacqueline Hutter eine Festnahme gab und dass die Polizeidirektion einen Raum für eine Pressekonferenz braucht“, erzählt Erhart. In aller Eile wurde der Bürgersaal hergerichtet, als Gastgeber oblag es Erhart, das Gespräch zu leiten. Für den erfahrenen Kommunalpolitiker zwar keine schwierige Aufgabe, aber die Erfahrung, unvorbereitet in eine Fernsehkamera sprechen zu müssen, war doch eine besondere.

Viel Arbeit gab es auch im Sommer 2017, als die Windrad-Transporte nach Hasel abgewickelt wurden. Die Logistikfirma hatte sich nicht an die Vorgaben gehalten und musste beim ersten nächtlichen Transport durch die Talstraße fahren, anstatt – wie abgesprochen – die kürzere Nord-Route zu nehmen. Erhart reagierte stinksauer und beschwerte sich bei EnBW über die chaotische Planung.

Ob Paul Erhart seinen Stellvertreter-Job auch nach der Kommunalwahl im kommenden Jahr behält, steht noch in den Sternen. Erhart hat sich noch nicht hundertprozentig entschieden, ob er nochmal bei den Gemeinderatswahlen antritt. Wenn ja – und sofern es die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat zulassen – könnte er sich eine Fortsetzung des Jobs als Ferien-Bürgermeister durchaus vorstellen.