Die Katholiken der Kernstadt können in diesem Jahr gleich drei Anlässe feiern: Die Glockenweihe vor 90 Jahren, den Abschluss der Kirchenrenovierung vor 80 Jahren, und das 40-jährige Bestehen des Pfarrzentrums. Rückblickend sind also die Jahre 1926, 1936 und 1976 markante Meilensteine in der Geschichte der Pfarrei Sankt Martin. Durchweg runde Daten, die in diesem Jahr zu Festivitäten Anlass geben. Bis die Glocken angeschafft werden konnten und es mit dem Pfarrzentrum klappte, mussten die Katholiken Tiefschläge einstecken. Beide Male ging das für die Projekte Ersparte verloren.

Glockenweihen hat es schon mehrere in der Wehrer Pfarrei gegeben. Die jüngste 1950. Aber die von 1926 war die emotionalste, weil sie unter größten Opfern und Rückschlägen zustande kam. Die Spenden, die eigentlich für den Kauf der Glocken bestimmt und unter den Wehrern ab 1920 gesammelt worden waren, wurden durch die Inflation wertlos. Der damalige Pfarrer Heinrich Riffel (1911 bis 1927) musste erneut als Bittsteller bei der Bevölkerung auftreten. Die ließ ihn nicht im Stich und so konnten verspätet im Jahr 1925 drei neue Glocken angeschafft werden. Sie wurden im Oktober 1926 feierlich eingeweiht. Das fünfteilige Glockensortiment war nun wieder vollständig, nachdem zuvor über viele Jahre hinweg nur noch zwei Glocken zu den Gottesdiensten läuten konnten.

15 Jahre nach der Neukonsekrierung der Sankt-Martins-Kirche 1911 wurde das Thema Glocken endlich ad acta gelegt und an die Gemälde im Gotteshaus gedacht werden. Denn dessen Inneres zeigte sich nach dem Um- und Erweiterungsbau von 1908 bis 1910 immer noch sehr spärlich. Verschiedene Deckengemälde aus der Zeit von vor dem Umbau konnten zwar erhalten werden, doch danach entstand noch viel Platz für neue. Pfarrer Stephan Wildemann, 1927 in die Pfarrei gekommen und mit großem Kunstverstand ausgestattet, nahm sich der Innengestaltung an und entwarf zusammen mit dem Stiftungsrat und dem erzbischöflichen Bauamt Pläne zur künstlerischen Gestaltung.

Es wurde ein ausgezeichneter Kunstmaler eingeschaltet. Mit dessen Hilfe erhoffte man sich, Optimales an Deckenschmuck zu bekommen. Das Ziel wurde erreicht. In einer Expertise zum Abschluss der Renovierung 1936 steht zu lesen, dass die Werke in der Wehrer Kirche nicht nur gelungen seien, sondern sogar Meisterformat erlangt hätten. Und dabei sei dem Künstler noch der Spagat geglückt, seine neuen Kreationen mit den bereits vorhandenen Bildern in Einklang zu bringen.

Etwas jüngeren Datums ist die Einweihung des Pfarrzentrums. Diese erfolgte 1976. Als in den Jahren zuvor die Platznot zu groß und der Ruf nach weiteren Versammlungsräumen immer lauter wurde, entschloss sich Pfarrer Hermann Marder zusammen mit dem Pfarrgemeinderat zum Bau eines neuen Hauses neben dem Pfarrgarten auf dem Grund und Boden der Pfarrpfründe. Ein Zweckbau entstand mit Saal, Küche, Bibliothek und mehreren Gruppenräumen. Als Zwischenlösung hatte die alte Pfarrscheuer, hinter dem historischen Pfarrhaus, gedient. Dort ließ man schon 1962 den alten Speicher zu drei Gruppenräumen ausbauen. Und die wurden eifrig genutzt, nicht nur von kirchlichen Gruppen. Zwischenzeitlich wurden Pläne für das eigentliche neue Pfarrheim geschmiedet.

Und für ein solches wurde dann auch eifrig gespart. Gedacht war zunächst mehr an ein Mesnerhaus mit Jugend- und Bastelräumen. So gingen die Pläne auch an die zuständigen Baubehörden und wurden sofort genehmigt. Pech für die Pfarrei: Ein Badisches Kirchensteuergesetz wurde 1965 vom Bundesverfassungsgericht gekippt und die Kirchen mussten zu viel eingenommene Kirchensteuergelder vom Gewerbe zurückbezahlen. Der Wehrer Bau wurde dadurch hinfällig. Darüber war man später nicht einmal unglücklich. Denn die Pfarrei bekam dann wirklich jenes Pfarrzentrum, das sich am Bedarf und der Notwendigkeit orientierte. Ende Juni 1976 wurde es schließlich feierlich eingeweiht. Dass dieses inzwischen Sorgen bereitet, ist ein offenes Geheimnis. Das ganze Haus müsste komplett saniert werden. Für einen finanziellen Beitrag spart derzeit die kirchliche Hemma-Gruppe durch ihre kirchlichen Feste und Veranstaltungen.