Ein Standardtermin für neue Gemeinderäte, aber von großer Wichtigkeit: „Sie alle sind Repräsentanten der Bürgerstiftung„, rief Bürgermeister und Stiftungsratsvorsitzender Michael Thater den alten wie neuen Wehrer Gemeinderäten ihre Verantwortung für das „liebste Kind der Stadt“ in Erinnerung. Zehn Stadträte nutzten die Gelegenheit, die Wehrer Senioreneinrichtungen mit ihren Stärken und Herausforderungen kennenzulernen.

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Auch persönlich war es für manche Teilnehmer wohl der erste Kontakt: Erst Anfang dieses Jahres übernahm Stefanie Trierweiler die Geschäftsführung von Nicole Herfert, 2017 übernahm Boris Blazevic nach 30 Jahren die Heimleitung von Claudia Moser. Vor etwa acht Jahren wurde außerdem eine Trennung von Heimleitung und Pflegedienstleitung beschlossen. Bis zum Herbst sei Pflegedienstleiterin Susanne Müller allerdings noch krank geschrieben, so Blazevic.

Lange Wartezeiten

Man müsse im Schnitt drei bis fünf Jahre auf einen Platz im Wehrer Pflegeheim warten, erklärte Blazevic: „Ich empfehle daher jedem, sich rechtzeitig auf die Warteliste setzten zu lassen.“ Mehr als 80 Prozent der Patienten in Krankenhäusern seien über 80 Jahre alt, dazu kommen die älter werdenden geburtenstarken Jahrgänge: „Aktuell haben wir 64 Pflegeplätze und einen Kurzzeitpflegeplatz – das ist zu wenig“, so Thater. Ein weiterer Kurzzeitpflegeplatz bringe angesichts der enormen Nachfrage keine Verbesserung der regionalen Situation, zudem würde so ein ebenfalls dringend gebrauchter Langzeitpflegeplatz verloren gehen.

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Mit einem Erweiterungsbau sollen darum auf einem angrenzenden Grundstück auf drei Etagen 24 neue Zimmer entstehen. Diese würde der jetzige Gemeinderat aber nicht mehr bauen lassen, so Thater: „In den nächsten fünf bis sechs Jahren wollen wir die Schulden auf zwei Millionen reduzieren, um dann den Anbau für vier bis sechs Millionen finanzieren zu können.“

Hoffen auf schwarze Zahlen

Erweiterungen und Neubauten, aber auch der Brand der Villa Rupp kurz nach deren Sanierung im Jahr 2011 habe trotz Versicherung große Löcher in die Kasse gerissen und die Schulden auf einen Höchststand von mehr als vier Millionen Euro im Jahr 2015 gebracht. Seitdem sei es aber gelungen, durch minimale Investitionen und eine hohe Auslastung des Pflegeheims von mindestens 99 Prozent die Schulden auf aktuell rund 3,5 Millionen Euro zu reduzieren, erklärt Trierweiler. „Ein Pflegeheim ist nicht auf Gewinn ausgelegt,“ erklärt Blazevic. Im Optimalfall schreibe man schwarze Zahlen, die jährlichen Pflegesatzverhandlungen seien darum von großer Bedeutung. Bereits jetzt würde bei über der Hälfte der Heimbewohner die monatlich 2150 Euro Eigenanteil komplett vom Sozialamt bezahlt. „Bei einer Belegung von 95 Prozent schreibe man schon rote Zahlen, bei unter 90 Prozent kann man bald zu machen“ , verdeutlicht der Heimleiter die trotz der großen Nachfrage nach Pflegeplätzen sehr knappe Finanzlage.

Niedrige Fluktuation

Weiterbildungsangeboten und Entlastungen für die Mitarbeiter erleichtere es die Bürgerstiftung, in Zeiten von Fachkräftemangel weiterhin qualifiziertes Personal zu finden und die Fluktuation niedrig zu halten, erklärt der Heimleiter. Denn bei zu wenig Pflegepersonal dürfe man nicht alle Betten belegen, dadurch sinken die Einnahmen, das Heim gerät in Schieflage. „Eine Abwärtsspirale, aus der man nur schwer wieder heraus kommt“. Im Herbst werden vier der acht Auszubildenden ihre Prüfung ablegen und dann als Fachkräfte sein Team aus knapp 70 Mitarbeitern, die Hälfte davon im Pflegebereich, ergänzen. „Die Auszubildenden sind die Lebensversicherung der Bürgerstiftung„, macht Blazevic deutlich. Dazu kommen freiwillige Helfer, wie die Rollstuhlbegleiter: Zwölf Helfer ermöglichen es den Heimbewohnern regelmäßig, an Veranstaltungen im Ort teilzunehmen.

Die Bewirtung

Das „Herzstück“ sei die Cafeteria mit ihren 17 sehr engagierten Helfer: „Ein wichtiges Bindeglied zwischen den Einrichtungen und ein beliebter Treffpunkt.“ Seit 2015 stehen Alltagsbetreuer nicht nur den Demenzerkrankten zur Seite, eine große Entlastung und Ergänzung seines Teams, so Blazevic. Und auch die eigene Küche sei ein wichtiges Qualitätsmerkmal und von großer Bedeutung für die Lebensqualität der Bewohner, erklärt Thater. Darum habe man sich bewusst gegen einen externen Dienst entschieden.

Die Bürgerstiftung Wehr in Zahlen

  • Sozial seit 188 Jahren: Den Grundstein für die Wehrer Bürgerstiftung legte 1831 der Fabrikant Philipp Merian mit einer Spende von 10 000 Gulden an die Stadt Wehr zur Errichtung eines Armenhauses. Das damals errichtete Gebäude in der Georg-Kerner-Straße wurde ab 1881 als Krankenhaus, ab 1985 als Pflegeheim und seit 1986 als Obdachlosenheim genutzt. Im Oktober 2015 hat der Gemeinderat den Abriss des maroden Gründungshauses beschlossen. Die Bürgerstiftung hat ihr Zentrum mittlerweile in der Höfstraße. In den 70er Jahren entstanden hier Seniorenwohnungen und das Altenheim Haus Merian. 1987 wurde das Pflegeheim eröffnet, seit 2005 mit separater Demenzabteilung. Große Investitionen waren die Erweiterungen und Umbauten 2011 und 2015.
  • In aktuellen Zahlen: Die Bürgerstiftung Wehr als eigenständiger Betrieb betreibt aktuell mehrere unterschiedliche Einrichtungen. Das Pflegeheim hat 63 Betten, davon zwölf Plätze für Demenzerkrankte sowie einen Kurzzeitpflegeplatz. Dieser wurde im vergangenen Jahr von 26 Personen genutzt. In zwei Gebäuden gibt es 65 Mietwohnungen. Hier können Senioren eigenständig leben und auf Wunsch Betreuungsangebote nutzen.
  • In der Seniorenresidenz Adler gibt es 27 Eigentumswohnungen, ebenfalls mit der Option auf Betreuung. Ergänzt wird das Angebot durch das Gesundheitszentrum in der Villa Rupp, der Tagespflege St. Elisabeth in Öflingen sowie der Sozialstation St. Martin.