Man muss längst kein Forstwirt sein, um die Schäden am Wehrer Wald zu erkennen: Flecken brauner Fichten ziehen sich entlang beider Seiten des Wehratals. Dazu kommen die Baumskelette der abgestorbenen Eschen. Auch die verbleibenden Fichten zeigen deutliche Stresssymptome, bei zahlreichen Buchen ist die Krone unrettbar durch Hitze und Trockenheit geschädigt. Wie dramatisch die Schäden sind, davon machten sich die Wehrer Gemeinderäte kürzlich zusammen bei einer Begehung mit Stadtförster Georg Freidel und dem Leiter des Forstbezirks West Markus Rothmund ein Bild. Zwar sei man in Wehr noch „mit einem blauen Auge davongekommen“, so Stadtförster Georg Freidel. Doch eine schwarze Null für den städtischen Forstbetrieb ist bei den stark gesunkenen Holzpreisen nicht in Sicht. Von „der größten Schadensituation seit dem Zweiten Weltkrieg“ sprach sogar der Leiter des Forstamtes Helge von Gilsa am Dienstag im Gemeinderat: „Wir sind alle sehr verunsichert. Wir brauchen externe Hilfe und Beratung von Fachleuten“.

Ein Schlachtfeld: „Hier hat der Borkenkäfer gewütet, wie ich es noch nicht erlebt habe“, so Stadtförster Georg Freidel mit Blick auf den Hang des Wehratals zwischen Fischgraben und Klingengraben.
Ein Schlachtfeld: „Hier hat der Borkenkäfer gewütet, wie ich es noch nicht erlebt habe“, so Stadtförster Georg Freidel mit Blick auf den Hang des Wehratals zwischen Fischgraben und Klingengraben. | Bild: Julia Becker
  1. .Woran erkennt man geschädigte Bäume? An den noch nicht abgestorbenen Fichten zeigen die herabhängenden Zweige und die starke Produktion an Zapfen den Stress: „Die Fichten versuchen vor dem Absterben wenigstens noch das langfristige Überleben zur sichern“, erklärt Stadtförster Georg Freidel. Auch die Buchen sind von der Trockenheit betroffen, die vertrockneten oder kahlen Spitzen der Kronen sind ein deutlicher Hinweis. Selbst wenn an anderen Ästen noch Blättern sind: Die Nährstoffe des Baums werden durch die Krone aufgenommen, informiert Freidel. Die so geschädigten Bäume erholen sich nicht mehr.
Ein Neustart: Als Ausgleichsfläche für die A 98 wurde bei der Flienkener Hütte ein Mischwald angelegt. Die rund 10 000 in Gruppen wachsenden Bäume aus viele Sorten unterstützen sich in ihrer Jugendzeit.
Ein Neustart: Als Ausgleichsfläche für die A 98 wurde bei der Flienkener Hütte ein Mischwald angelegt. Die rund 10 000 in Gruppen wachsenden Bäume aus viele Sorten unterstützen sich in ihrer Jugendzeit. | Bild: Julia Becker
  1. .Was kann man gegen den Schädlingsbefall machen? Insektizide gegen den Borkenkäfer gebe es, weiß der Stadtförster Freidel. Diese seien jedoch für Einzelbäume gedacht, sowohl aus technischen Gründen als auch wegen des Umweltschutzes sei die Anwendung im Stadtwald nicht möglich. Am besten würden die Bäume gefällt und möglichst schnell aus dem Wald geholt. „Die Schäden sind aber so groß, dass wie in diesem Jahr nicht nachgekommen sind“, informiert Markus Rothmund bei der Waldbegehung. Damit die geschlüpften Käfer nicht wieder neue Bäume befallen, müssten die Stämme außerdem mindestens 500 Meter vom Wald entfernt gelagert werden. Dafür passenden Flächen zu finden sei sehr schwer, so Rothmund. „Wir brauchen einen richtig kalten Winter mit minus 20 Grad und weniger oder richtig viel Regen“, erklärt Rothmund. Wenn die Bäume gut mit Feuchtigkeit versorgt sind können sie sich mit ihrem Harz gegen Schädlinge wehren.
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  1. .Warum wurden überhaupt so viele Fichten gepflanzt? Die Fichte ist eigentlich in hohen Berglagen zu Hause. Sie wurzelt flach und ist so anfällig für Trockenheit. Da sie aber schnell wächst und sich gut als Bauholz eignet, wurde sie nach den Franzosenhieben zur Aufforstung genutzt. Lange Zeit galt die Fichte als Brotbaum, der ein sicheres Einkommen versprach. Noch in den 80iger Jahren bestand der Stadtwald aus rund 40 Prozent Fichten. Doch bereits in den 50iger Jahren gab es große Borkenkäferplagen. Während in den kommunalen Wäldern seit längerem Umstrukturierungen stattfinden, hätten viele Privatbesitzer an der Fichte fest festgehalten. „Als Notgroschen für schlechte Tage“, so Freidel.
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  1. .Wie wirken sich die Schäden auf den Holzmarkt aus? Bereits seit Jahren wurde es immer schwerer, Käferholz zu verkaufen. „In diesem Jahr ist der Markt komplett eingebrochen“, so Rothmund. Mit großen Verlusten könne man noch Holz nach Asien verkaufen: Auf 11,5 Meter zugeschnitten, passenden für einen Container, werde das Holz verschifft. Der Rest werde gehäckselt und als Heizmittel verkauft. Für Buchenholz gebe es noch Käufer, so Freidel. Aber es komme immer mehr Buche auf den Markt, die Preise sinken. „Wir sind von den Erträgen bisher sehr verwöhnt, das wird noch eine bittere Diskussion“, so auch von Gilsa. Zukünftig werde die gemeinsame Vermarktung immer wichtiger: „Die Tendenz geht zur Waldgenossenschaft, um gemeinsam zu bewirtschaften und zu vermarkten“, so Freidel.
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  1. .Wie wird der Wald in Zukunft aussehen? Der Zukunftsbaum ist die Douglasie, erklärt Freidel. Der aus Nordamerika stammende Baum wurzelt tiefer als die Fichte und ist weniger anfällig für Schädlinge. Für den im Wehratal vorherrschenden lehmig-felsigen Boden ist sie wie kein anderer Baum geeignet, so Freidel. Auch würden keine Monokulturen mehr gepflanzt. Mischkulturen mit unterschiedlichen alten Bäumen schützen zudem den Boden vor Erosion und Austrocknung nach Einschlägen. Die Buche wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Stadtwald spielen, so Freidel weiter. „Es ist wichtig, nicht nur auf eine Art zu setzen“, betont der Stadtförster, und: „Die Bewirtschaftung wird auf jeden Fall teurer, die Erträge werden sinken.“
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  1. .Wie geht es mit dem Wehrer Stadtförster weiter? Im Januar gibt es in Wehr einen neuen Stadtförster. Georg Freidel wechselt zum Kreisforstamt. Im Zuge der Neustrukturierung der Beförsterung in Baden-Württemberg werden im Kreis 23 neue Reviere geschaffen, Freidel wird eins davon übernehmen. Ebenfalls zum Januar übernimmt die Stadt wieder die Betreuung und Beratung des Privatwaldes. Am Dienstag entschied sich der Gemeinderat, auch zukünftig einen eigenen Stadtförster einzustellen. Als Alternative hätte die Beförderung auch durch den Landkreis durchgeführt werden können.

Der Wald im Wehratal

Wehr ist die waldreichste Kommune im Landkreis: 55,8 Prozent der Gemarkungsfläche sind Wald. Von den insgesamt rund 2084 Hektar bewaldeten Fläche sind 680 Hektar Stadtwald, 641 Hektar Staatswald und 763 Hektar Privatwald. Größter Privatwaldbesitzer ist die Familie Schönau-Wehr mit 85 Hektar. Es gibt fast 1000 registrierte Waldbesitzer, die teilweise sehr kleine Grundstücke haben. Der Stadtwald besteht zu einem Drittel aus Nadelwald. Aktuell ist dies noch mehrheitlich Fichte, gefolgt von Douglasie und Weißtanne sowie Lärche. Den größten Anteil am Wehrer Stadtwald hat die Rotbuche mit 36 Prozent. Weiterhin finden sich hier Bergahorn, Eschen sowie Eiche und Linde.