Herr Thater, wenn Sie Ihre gesamte bisherige Amtszeit betrachten – und insbesondere die Ziele, mit denen Sie angetreten sind: Welche Schulnote würden Sie sich geben?

(lacht) Natürlich eine 1,0. Nein, im Ernst: Eine Bewertung meiner Arbeit überlasse ich gerne anderen. Ich betrachte mich durchaus selbstkritisch. Wenn Sie mich fragen würden, ob ich auch Fehler gemacht habe, sage ich: Natürlich! Wer behauptet, er mache innerhalb von 20 Jahren keine Fehler und würde alles wieder genauso tun, hat schon gelogen.

Aber unzufrieden sind Sie ja sicher nicht. Wenn ein Bürgermeister zwei Mal wiedergewählt wird, hat er vermutlich auch nicht so viel falsch gemacht.

Das mag sein, wobei ich betone: Mir standen stets gute Gemeinderäte und erstklassige Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung zur Seite. Alles was wir erreicht haben, haben wir gemeinsam mit einer hervorragenden Stadtverwaltung und einem guten Gemeinderat erreicht. Natürlich waren wir dabei nicht immer einer Meinung, aber inhaltlichen Diskussionen gehören dazu und bringen die Stadt weiter – aber Streit darf nicht blockieren.

Vier Themen, die die Amtszeit Thaters prägten

Bild: Steller, Jessica

Zur Vorbereitung dieses Interviews habe ich mir Ihr Wahlkampfprogramm von 2018 angeschaut. Da sind mir zwei offene Baustellen aufgefallen. Zum einen ist es das Thema Jugend: Sie hatten die Beteiligung der Wehrer Jugend am politischen Prozess in Aussicht gestellt.

Ja, dieses Ziel verfolge ich weiter. Die Gemeindeordnung sieht seit einiger Zeit Jugendgemeinderäte vor. Allerdings ist ein solches Gremium wohl nicht das, was die Jugendlichen in Wehr wollen. Ich erlebe, dass sich unsere Jugendlichen für bestimmte Projekte engagieren, nehmen Sie zum Beispiel die Skater-Anlage, den Street-Soccer-Platz oder ganz aktuell eine „Dirt-Bike-Strecke“. Bei solchen Projekten sind die Jugendlichen hochengagiert, wollen sich aber nicht unbedingt über das konkrete Projekt hinaus politisch einbringen. Das erleben Sie übrigens nicht nur bei Jugendlichen. Ich bin aber immer wieder im Gespräch mit Jugendlichen, um sie zu überzeugen, sich für ihre Stadt zu engagieren. Ich hoffe es gelingt uns, ein politisches Gefäß zu finden, um junge Leute in den politischen Prozess einzubinden.

Ein anderer Schwerpunkt ihres letzten Bürgermeisterwahlkampfs war der soziale Wohnungsbau. Hier gab es 2018 ja schon sehr konkrete Ankündigungen. Aber es fehlt bislang an der Umsetzung.

Das stimmt. Die Stadt hat ein Grundstück an der Öflinger Straße erworben, das wir für sozialen Wohnungsbau entwickeln wollen. Allerdings sind die landes- und bundespolitischen Rahmenbedingungen derzeit nicht so, dass der soziale Wohnungsbau für eine Gemeinde wirtschaftlich sinnvoll wäre, wenn sie auf eigene Kosten baut. Ich würde mir wünschen, dass das Land beim Sozialen Wohnungsbau die Kommunen als Partner neu entdecken und entsprechende Förderprogramme zur Schaffung sozial gebundenen Wohnraums auflegen würde.

Michael Thater mit einem Plan des Brennet-Areals.
Michael Thater mit einem Plan des Brennet-Areals. | Bild: Obermeyer, Justus

Blicken wir 20 Jahre zurück: Zu Beginn Ihrer Amtszeit als Bürgermeister gab es eine große Aufbruchstimmung in der Stadt. Sie initiierten damals den Lokalen Agenda-Prozess, der von einer großen Euphorie in der Bürgerschaft im „Leitbild der Stadt für das Jahr 2020“ mündete. Nun ist 2022. Hat das Leitbild jetzt sein Haltbarkeitsdatum überschritten?

Das Leitbild ist immer noch aktuell und hat nach wie vor seine Berechtigung. Die Entstehung hatte seinerzeit eine besondere Bedeutung: In den 90er Jahren war die Stadt in der Außenwahrnehmung sehr zerstritten. Durch den Agenda-Prozess und das Leitbild wurde die Stadt geeint und eine gemeinsame Basis geschaffen – nach innen, wie auch nach außen.

Tatsächlich haben wir uns vor einigen Jahren gefragt, ob es sinnvoll ist, das Leitbild nun fortzuschreiben. Da es aber weitgehend noch aktuell ist, wollen wir stattdessen das Stadtentwicklungskonzept erarbeiten und hier die Ideen aus der Bevölkerung sammeln und einbringen. Konkret bedeutet dies: Wie soll sich Wehr entwickeln? Wo können Wohngebiete entstehen, wo Gewerbeflächen? Und wie muss die Infrastruktur der Zukunft aussehen? Das Konzept mündet anschließend im Flächennutzungsplan, der vom Gemeinderat als formale Grundlage für die kommenden 20 Jahre beschlossen wird. Aber das eigentliche Stadtentwicklungskonzept möchte ich gemeinsam mit den Einwohnern der Stadt entwickeln.

Schlagzeilen haben in den vergangenen Monaten zwei Verkehrs-Projekte gemacht: Der A98-Abschnitt 6 und die Wehratalbahn. Welches wird nach Ihrer Einschätzung zuerst eingeweiht?

(lacht) Das ist eine schwierige Frage. Beide Projekte sind für Wehr gleich bedeutsam. Die A98 ist durch die Deges nun konkreter geworden. Bei der Wehratalbahn hat sich gezeigt, dass es sich gelohnt hat die Bahntrasse zu erhalten. Hier eröffnete sich nun durch die Initiative des Landes schneller als erwartet die Perspektive zu einer Reaktivierung. Die Achillesferse der Wehratalbahn ist der Tunnel zwischen Fahrnau und Hasel, der relativ teuer wird. Technisch ist es aber machbar, sagen die Gutachter. Die Frage ist also: Wie bekommen wir das finanziert? Ob A98 oder Wehratalbahn: Es braucht in beiden Fällen bundes- und landespolitische Unterstützung!