Schwester Maria Natalie, wie sind Sie zur Ikonenmalerei gekommen?

Seit September letzten Jahres darf ich hauptberuflich als Ikonenmalerin arbeiten. So habe ich das Glück, eine Arbeitsstelle zu haben, die sich mit meinem geistlichen Leben sehr gut verbinden lässt. Die erste Begegnung mit Ikonen bekam ich im Jahr 2004 durch eine Franziskanische Schwesterngemeinschaft. Schon damals spürte ich den inneren Wunsch, selbst Ikonen zu malen.

Waren Sie schon vorher künstlerisch tätig? Haben Sie schon vorher Bilder gemalt?

Vor der Ikonenmalerei war ich nicht künstlerisch tätig. Gemalt habe ich aber schon immer, also bereits im Kinderzimmer. Hin und wieder merkte ich an Rückmeldungen, dass bei mir eine Begabung zum bildnerischen Gestalten wahrgenommen wurde, doch meine Zeichnungen waren noch unbeholfen.

Im Jahr 2005 konnte ich dann einen Zeichenkurs besuchen, der mir heute noch hilft. Zwischen 2013 und 2015 bat mich jemand, ihm zwei bestimmte Bilder zu malen, wobei beim zweiten Auftrag der Begriff „im Ikonenstil“ fiel.

Die Ergebnisse dieser Bilder waren so zufriedenstellend, dass meine Mitschwestern sich eine Ikone für unsere Hauskapelle wünschten. In der Zwischenzeit konnte ich, das war im Frühjahr 2015, einen Ikonenmalkurs besuchen und erhielt begleitende Hilfe von einer Ikonenmalerin, wenn ich auf Schwierigkeiten stieß.

So ist die Ikonenmalerei gleichsam in mir gewachsen, und nachdem weitere Aufträge kamen, wuchs in mir auch der Wunsch, diese Tätigkeit beruflich auszuüben. Bis es dann aber endgültig soweit war, hat es noch bis September 2021 gedauert.

Was ist das Besondere an der Ikonenmalerei?

Die Ikonenmalerei schöpft aus einer langen Tradition und bedient sich Jahrhunderte alter Vorlagen. Ikonen sind gemalte Heilige Schrift, gemalte Heilsgeschichte, weshalb man auch vom Ikonenschreiben spricht.

Die Ikonen gehen direkt aus dem christlichen Glauben hervor und haben die Aufgabe, diesen Glauben darzustellen und zu verkünden, sowie im Gebet eine direkte Beziehung zum Dargestellten zu erwirken. Das Besondere an der Ikonenmalerei liegt für mich darin, dem Dargestellten zu begegnen und diese Begegnung weitergeben zu dürfen.

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Wie ist der technische Ablauf beim Malen einer Ikone?

Zum Entstehungsprozess einer Ikone gehören viele Schritte. Man beginnt mit der Auswahl und Anpassung der Vorlage. Obwohl man sich als Ikonenmaler an traditionelle Vorlagen hält, ist es in einem gewissen Rahmen möglich, Neues zu erarbeiten.

Dann folgt die Vorbereitung des Malbrettes, das heißt für mich konkret: Holz aussuchen, zuschneiden, fügen, verleimen, hobeln, bis das Holzbrett bereit ist für die Grundierung.

Ein reichhaltiges Holzlager aus verschiedenen Hölzern dient der Schwester als Basis für ihre Ikonen.
Ein reichhaltiges Holzlager aus verschiedenen Hölzern dient der Schwester als Basis für ihre Ikonen. | Bild: Annamaria Lösing

Grundieren bedeutet, auf das vorgeleimte Malbrett eine dünne natürliche Textilauflage aufzubringen und mit den entsprechenden Trocknungszeiten 15 bis 20 dünne Schichten aus Gelatineleim und Champagnerkreide aufzutragen. Das Ganze benötigt schon etwa eine Woche.

Danach folgen das Übertragen der Vorzeichnung und die Vergoldung des Hintergrundes und der Nimbe (Heiligenschein) mit 23,75 karätigem Blattgold. Dann erst beginnt der eigentliche Malvorgang in vielen Schichten, vom dunklen Untergrund zu immer helleren Flächen, bis hin zu den Spitzlichtern, die die höchstgelegenen Flächen kennzeichnen.

Dieses immer hellere Auftragen neuer Schichten bewirkt eine besonders lebendige Darstellung des Gemalten. Ein Effekt, der die Personen und mit ihnen die unsichtbare Wirklichkeit wie plastisch aus dem Bild auf den Betrachter zukommen lässt. Dies soll verdeutlichen, dass die Trennung zwischen der diesseitigen und jenseitigen Welt letztlich aufgehoben ist; diese Gemeinschaft kann jetzt schon erfahrbar werden im Gebet.

Am Ende der Malerei oder des Schreibens der Ikone folgt dann noch die Beschriftung, die den Titel der Ikone oder die Namen der Personen angibt.

Was machen Sie mit den fertigen Bildern?

Nach einer guten Trocknungszeit werden die Ikonen zum Schutz mit einem Firnis überzogen. Wenn dieser dann auch getrocknet ist, geht die bestellte Ikone an ihren neuen Besitzer. Wenn sie nicht in einem speziellen Auftrag gemalt wurde, bleibt sie in der Werkstatt, auch für den Fall, dass jemand in kürzerer Zeit eine Ikone erwerben möchte, um sie zum Beispiel auf einen bestimmten Termin hin zu verschenken.

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Auf den Ikonen werden Heilige dargestellt. Nach welchen Kriterien wählen Sie „Ihre Heiligen“ aus?

Entweder ist die Ikone eine Bestellung, die mir vorgibt, was oder wen ich malen soll, oder ich habe einfach mal eine spontane Idee, was ich malen könnte. Wenn dann diese Idee eine Zeitlang anhält, sehe ich das als Qualitätsmerkmal für diese Idee. Und wenn ich Zeit habe, versuche ich dann, diese Idee umzusetzen.

Stehen Ihnen dabei Ihre Mitschwestern zur Seite?

Wenn ich um Rat frage, auf jeden Fall; vor allem aber beim Entstehen der Ikonen. Wenn ich lange an einem Gesicht sitze und zum Beispiel die Augen male, dann sehe ich selbst vor allem die Augen. Und wenn ich dann die Ikone, die noch in Arbeit ist, meinen Mitschwestern zeige, können sie mir durch einen unvoreingenommen Blick besser sagen, dass zum Beispiel die Nase zu kurz oder der Mund zu streng ist. Solche Hinweise sind sehr wertvoll und tragen viel zur Qualität des geistlichen Ausdruckes bei.

Eine persönliche Frage: Wie kam es, dass sie hier in Oberalpfen, im Haus Maria Frieden, Ihr Zuhause gefunden haben?

Im Jahr 2012 hatte ich durch eine Freundin, die mit den Schwestern bekannt war, die Möglichkeit, für ein halbes Jahr bei den Schwestern zu wohnen für einen ehrenamtlichen Einsatz bei einer christlichen Einrichtung in der Nähe. Als dann das halbe Jahr rum war, habe ich erkannt, dass mich Gott hier haben möchte. Und die Schwestern haben das auch so gesehen, also bin ich hier geblieben.

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