Herr Tayari, was ist die GWA für eine Einrichtung und worum geht es bei dem Projekt „Respekt“?

Die GWA gemeinnützige GmbH wurde vom Landkreis Waldshut und der Handwerkskammer Konstanz 1996 gegründet, um durch Zusammenführung der Kompetenzen von Wirtschaft und sozialer Arbeit für benachteilige Menschen die Chancen zur Eingliederung in Arbeit und Gesellschaft zu erhöhen. Sie ist ein Dienstleistungsunternehmen unter anderem für den Landkreis Waldshut. „Respekt“ ist ein Angebot an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren, die Schwierigkeiten haben, eine schulische oder berufliche Ausbildung zu absolvieren oder anderweitig ins Berufsleben zu finden. Die Schulen machen selbst viele Angebote, um Defizite auszugleichen, aber manchmal reicht das nicht. Dann kann das Ziel sein, die Jugendlichen in unserem Projekt „Respekt“ zu unterstützen. Es wurde 2016 als Pilotprojekt des Bundes ins Leben gerufen. Auf Grundlage des § 16h SGB II fördert und unterstützt es schwer zu erreichende junge Menschen, reguläre Angebote und Hilfen wahrzunehmen. Seit diesem Jahr ermöglicht der Landkreis mit dem Jobcenter und dem Jugendamt als Kostenträger die Weiterführung dieses Angebots.

Sind Sie alleine für „Respekt“ zuständig?

Nein, Elisabeth Clasen ist meine Kollegin. Sie ist eine langjährig erfahrene Mitarbeiterin der GWA, hat viel Erfahrung in der Arbeit mit jungen Menschen und gute Kontakte zu regionalen Arbeitgebern. Ich bin ein eher analytischer Typ, mein Arbeitsschwerpunkt liegt stärker in der sozialpädagogischen Vernetzung.

Was sind Gründe, wenn Jugendliche den Weg in Schule, Ausbildung und Arbeit nicht finden?

Die Beantwortung dieser Frage hängt auch davon ab, wie viel Zeit und Umwege man den jungen Menschen für diesen Weg zugesteht. Hintergrund der Schwierigkeiten sind häufig soziale Benachteiligung und ein weitgehender Mangel an verlässlichen Bezugspersonen, die als Vorbilder oder Unterstützung angenommen werden können. Orientierungsschwierigkeiten, Suchterkrankungen oder anderweitige psychische Probleme können ebenfalls Ursache sein, dass junge Menschen ihren Weg nicht finden oder ihn ohne intensive Unterstützung nicht mehr fortsetzen können.

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Wie unterstützt „Respekt“ solche jungen Menschen?

Unsere Arbeitsweise orientiert sich an dem, was die Teilnehmenden wollen und brauchen. Niederschwelligkeit, Flexibilität, Beziehung und Vermittlung in Beschäftigung oder weitergehende Unterstützungsangebote sind hierbei grundlegend. Es kann dabei um Dinge gehen wie Bewerbungen, Anträge, Lebensmittelbeschaffung, eine Wohnung finden oder um Vermittlung bei Konflikten. Über solche Hilfen entsteht eine Vertrauensbasis, die zu einer guten Arbeitsbeziehung werden kann, in der die Teilnehmenden häufig merken, dass sie Probleme lösen können, wenn sie Unterstützung annehmen. Nachdem wir gemeinsam den Weg „freigeschaufelt“ haben, schaffen es viele direkt in Schule, Ausbildung oder Arbeit.

„Respekt“ ist Name des Projekts – fehlt es oft an gegenseitigem Respekt?

Gegenseitiger Respekt ist ganz entscheidend. Viele unserer jungen Teilnehmenden sind durch abweichendes Verhalten und mangelnden Respekt gegen andere aufgefallen und gefährden sich dadurch auch selbst. Oft ist das mit einem Mangel an Selbstachtung verbunden. Sie kommen häufig in sehr schwierigen Situationen in das Projekt und habe oft gehört, dass sie alles falsch machen, nichts hinbekommen und glauben das dann irgendwann selbst. Sie halten deshalb oft Abstand gegenüber denen, die ihnen helfen könnten. Um das zu ändern, müssen sie zunächst selbst Wertschätzung und Respekt erfahren und die Anerkennung ihrer Stärken, die ihnen vielleicht bislang gar nicht so bewusst waren.

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Wie finden die jungen Menschen eigentlich den Weg zu Ihrem Projekt und wie viele machen derzeit mit?

Wir haben viele Kooperationspartner wie Mitarbeiter der Jugendhilfe, der Gemeinden, der Schulsozialarbeit, die den jungen Menschen empfehlen, Kontakt zu uns aufzunehmen. Das ist aber immer freiwillig. Gut ein Drittel unserer Teilnehmenden findet auch über Empfehlungen aus dem Freundeskreis zu uns. Aktuell begleiten wir zwölf Teilnehmende, davon sind drei Mädchen beziehungsweise junge Frauen.

Gibt es Erklärungen dafür, dass es mehr Jungs als Mädchen sind?

Männliche Heranwachsende neigen mehr zu risikoreichem Verhalten und lehnen es häufiger ab, gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, was mit gesellschaftlichen Prägungen zusammenhängen dürfte. Junge Frauen haben dagegen oft eher verborgene Probleme. Sie versuchen beispielsweise häufiger, Wohnungslosigkeit zu verdecken oder zu vermeiden, indem sie für ein Obdach teilweise schwerwiegende Konflikte in Kauf nehmen.

Wie erfolgreich arbeitet „Respekt“?

In den vergangenen zwei Jahren haben wir 39 Teilnehmende intensiv begleitet und hatten klärende Kontakte zu rund 20 jungen Menschen. Mit 77 Prozent der Teilnehmenden konnten jeweils individuelle Ziele erreicht werden. Bei Projektaustritt waren etwa ein Drittel der Teilnehmenden in Arbeit, Ausbildung oder Schule. Andere haben den Übergang in andere Hilfsangebote wie der Suchtberatung oder in eine stationäre Therapie geschafft.

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Wie arbeiten Sie in Corona-Zeiten mit Ihren Schützlingen?

Persönliche Einzeltreffen sind, natürlich unter Einhaltung der entsprechenden Schutzmaßnahmen, weiterhin möglich. Zusätzlich wird vereinbart, dass über Messengerdienste kommuniziert werden kann. Für unsere Zielgruppe sind stabilisierende Strukturen wie Präsenzunterricht sehr wichtig. Vieles findet aber nur noch eingeschränkt statt, deshalb ist unsere Arbeit erschwert. Zugleich ist sie besonders wichtig, damit diese Menschen nicht verloren gehen.

Wie „tickt“ Ihrer Erfahrung nach die Jugend von heute allgemein?

Das ist sicher sehr abhängig vom sozialen Hintergrund. Wenn man zum Beispiel heute von der Generation „Fridays for Future“ spricht, dann beschreibt das einen Teil der jungen Generation, die sich in Netzwerken zusammengeschlossen hat, in denen Bildung und konstruktives Protestieren eine wichtige Rolle spielen. Die meisten Projektteilnehmenden haben nach meiner Beobachtung Schwierigkeiten, das Internet überhaupt zu Bildungszwecken zu nutzen. Wie viel vom sozialen Hintergrund abhängt, zeigt auch das Thema „Jugendkriminalität“. Gesamtgesellschaftlich ist sie rückläufig – bei den jungen Menschen in unserem Projekt hat sie aber eine bedeutende Rolle. Als Grund dafür könnte unter anderem gesehen werden, dass viele von ihnen Gewalterfahrungen machen mussten – sei es im persönlichen Umfeld oder im Zusammenhang mit Krieg und Flucht.

Ist Ihrer Ansicht nach die junge Generation der Verlierer der Corona-Krise?

Als Vater und Sozialpädagoge war ich sehr besorgt, dass die Politik die Verhältnismäßigkeit bei der Abwägung von allgemeinem Gesundheitsschutz auf der einen Seite und Kinderschutz auf der anderen Seite aus dem Blick verlieren könnte. Meinen Kindern ging es ja recht gut. Wir haben einen Wald vor der Haustür, in dem sie sich austoben können, recht gute Wohnverhältnisse, wir Eltern haben Arbeit. Andernorts mussten Kinder mit oftmals frustrierten Erwachsenen auf engstem Raum mit eingeschränkten Mitteln zusammenleben, während die Spielplätze vor der Haustür geschlossen waren. Erwachsene in solch einer Situation können aber gerade für die Kleinsten gefährlich sein. Wenn dann auch noch die pädagogischen Bezugspersonen zum Beispiel aus den Schulen, Kindergärten oder sozialen Einrichtungen keinen Zugang haben, muss aus meiner Sicht wirklich die Frage der Verhältnismäßigkeit gestellt werden. Ich bin froh, dass mittlerweile die Hemmschwelle für länger andauernde Schließungen von Spielplätzen, Schulen und Kindergärten sehr hoch ist.

Was wünschen Sie sich mit Blick auf Ihre Arbeit für die Zukunft?

Ein wichtiger Wunsch ist mit der Fortführung des Projekts, finanziert durch das Jobcenter und das Jugendamt des Landkreises Waldshut, bereits erfüllt. Es ist ein freiwilliges Angebot beider Ämter, die damit unsere wichtige Arbeit anerkennen. Weiterhin wünsche ich mir, dass die Arbeit aller Menschen wertgeschätzt wird, die mit Jugendlichen Zukunftsperspektiven erarbeiten und ihnen helfen, akute Sorgen, Nöte und Ängste zu überwinden. Wir sehen uns mit dem Projekt „Respekt“ als ein Teil davon und stehen den jungen Menschen mit Rat und Tat gerne zur Seite.

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