Wenn Hartmut Rosa in den Musiksaal des Hochrhein-Gymnasiums tritt, kommen ihm als ehemaligen Schüler dieser Schule viele Erinnerungen. Dabei betont er, dass er sehr gern an seine Schulzeit am Gymnasium in Waldshut zurückdenkt. Ausgehend davon leitete er als Soziologe über zur wissenschaftlichen Fragestellung, was es bedeute, wenn man vor allem im schulischen Sinne etwas ‚eigentlich‘ nicht wolle, es aber trotzdem tue – und war so mitten im Thema seines Vortrags, der Resonanz, also dem Gelingen der Beziehungen „zwischen Menschen und Welt“ im Sinne eines „guten Lebens“.

Das könnte Sie auch interessieren

Eingeladen war der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätige Professor, um den Mitgliedern des Seminarkurses der Klassenstufe 11 und interessierten Lehrkräften seine Überlegungen und Untersuchungen zu Fragen und Formen der Anerkennung vorzustellen. Der von Lehrerin Annika Hampel geleitete Seminarkurs ist ein Zusatzangebot in der Oberstufe des Gymnasiums, um Methoden des wissenschaftlichen Studierens zu erfahren und zu üben.

Anbindung an eigene Jugend

Den Schülern gefiel sofort die Anbindung an seine eigene Jugend, wenn Rosa von Pink Floyds “The Wall“ schwärmte und fragte, was dieses Album mit ihm gemacht habe, warum er es wieder und wieder anhöre. Es sei wichtig, sich in der Schulzeit und im weiteren Leben gut aufgehoben zu fühlen. Eine erfolgreiche Entwicklung setze voraus, dass man sich seinem Umfeld zugehörig fühlen könne. Und so sei besonders Resonanz ist ein enormer Faktor, der zum Zugehörigkeitsgefühl zu verhelfe. Jeder Mensch entwickle eigene Beziehungen zur Welt: ängstliche, bewährende, potentielle oder anpassende. Diese Weltanschauungen sorgten für Interessensentwicklungen. Und so sei Resonanz eben nicht subjektiv.

Wertschätzung und Achtung

Resonanz meint zunächst Anerkennung, soziale Wertschätzung und Achtung, aber auch Anerkennung im Zusammenhang mit neuen Erfahrungen. Der Anerkennung wirkten mitunter persönliche Bedürfnisse entgegen, so beispielsweise der Musik- oder Literaturgeschmack oder die Religionszugehörigkeit. Resonanz müsse also weit umfassender gesehen werden als es das Wort Anerkennung meint.

Hartmut Rosa während seines Vortrags. Bild: Matthias Sochor, Hochrhein-Gymnasium
Hartmut Rosa während seines Vortrags. Bild: Matthias Sochor, Hochrhein-Gymnasium | Bild: Matthias Sochor, Hochrhein-Gymnasium

Dem Begriff Resonanz stellte der Soziologe die Entfremdung entgegen. Die Entfremdung beschrieb Rosa als Situation, in der wir uns fragen „Was mache ich hier eigentlich?“ und in der wir uns nicht wohl fühlen. In Resonanzmomenten werde ein Mensch berührt, bewegt und fühlt sich verbunden. So sei die Resonanz auch ein Ziel von Bildung. Resonanz könne sogar gemessen werden, zum Beispiel bei einer Gedichterschließung, wenn „ein Gedicht zu einem spricht“. Hartmut Rosa ging auch auf die Schule als Resonanzraum ein. Lehrer müssten, wenn Resonanzmomente erzeugt werden sollen, immer auf die Stimmung im Klassenzimmer reagieren, aber auch fähig sein, selbst neue Impulse zu setzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Vortrag war eingebettet in das Seminarkurs-Jahresthema „Helden, Vorbilder, Autoritäten“, entsprechend folgten Diskussionen über Lehrerautoritäten. Die Schüler zeigten sich begeistert vom fesselnden Vortragsstil Rosas. Debattiert wurde im Anschluss, inwiefern heutzutage beispielsweise Influencer Resonanz erzeugen. Die Schülerin Sarah Schrenk meinte hinterher, der Begriff Resonanz sei ihr bisher nur aus der Musik bekannt gewesen, nun habe sie erfahren „auf wie viel Ebenen Resonanz erzeugt werden kann und soll, und welchen Anteil Schüler und Lehrer daran haben.“ Dies eröffne neue Perspektiven für ein gutes Schulleben. Auch die anwesenden Lehrkräfte fühlten sich durch den Vortrag angeregt, die eigene Arbeit zu reflektieren. Lehrerin Sabine Schoch fand die Ausführungen Rosas „nicht nur inspirierend und sehr unterhaltend“, sie hätten ihr gezeigt, dass „wir wahrscheinlich alle, wenn auch oft nur unbewusst, in unserem Schulalltag viele solcher Resonanzbegegnungen haben“, die es nun absichtsvoller zu gestalten gelte.