Herr Helmes, was gab den Anstoß zur Gründung von Amnesty International?

Am 28. Mai 1961 veröffentliche der britische Journalist Peter Benenson in der Zeitung „The Observer“ den Artikel „The Forgotten Prisoners“. Er bat die Leserinnen und Leser, mit Appellschreiben öffentlichen Druck auf die Regierungen zu machen und von ihnen die Freilassung politischer Gefangener zu fordern. Dieser „Appeal for Amnesty“ ist der Beginn von Amnesty International. Wörtlich bedeutet der englische Begriff Amnesty Straferlass für eine Vielzahl von Fällen (Amnestie). Der Zusatz „International“ verweist auf die weltumspannende Bedeutung der Menschenrechte. Wir kämpfen ebenso für die Abschaffung von Folter und Todesstrafe. Im Laufe der Jahre kamen der Einsatz für Flüchtlinge und Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden, hinzu. Seit 2003 setzt sich Amnesty auch verstärkt für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ein. Grundlage der Arbeit von Amnesty International ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. 1977 erhielt Amnesty International den Friedensnobelpreis, 1978 den UN-Menschenrechtspreis.

Wie viele Gruppen hat Deutschland?

In Deutschland engagieren sich rund 165.000 Menschen in rund 650 Amnes-ty-Gruppen. Die Gruppen sind Teil der deutschen Sektion von Amnesty International, die als eingetragener Verein organisiert ist. Außerdem gibt es rund 70 Koordinationsgruppen, die zu verschiedenen Ländern oder Themen arbeiten.

Wann wurde die Gruppe Waldshut-Tiengen gegründet? Wer kann mitmachen?

Unsere Gruppe wurde in den 70er Jahren gegründet und ist die einzige im Landkreis Waldshut. Wir haben derzeit zehn aktive Mitglieder und rund 40 Spender und Förderer. Es kann grundsätzlich jeder bei uns mitmachen und unverbindlich zu einem Treffen kommen. In normalen Zeiten treffen wird uns jeden dritten Donnerstag im Monat um 20 Uhr im „Rheinischen Hof“ in Waldshut. In Ferienzeiten oder in der Nähe von Feiertagen kann der Termin auf einen anderen Tag fallen. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt derzeit 84 Euro, ermäßigt 42 Euro. Bei aktiver Mitarbeit in einer Gruppe besteht die Möglichkeit der Beitragsbefreiung. Die Treffen werden im städtischen Mitteilungsblatt angekündigt. Wegen der Pandemie finden die Gruppentreffen derzeit virtuell statt und Aktivitäten in der Öffentlichkeit wie Infostände sind nicht möglich. Die einzelnen Gruppenmitglieder beteiligen sich aber an Briefaktionen oder Online-Petitionen.

Was ist Ihre Motivation?

Ich selbst war bereits in meiner Schülerzeit in Frankfurt am Main und während meiner Referendarzeit in Ravensburg in den dortigen Gruppen aktiv. So war es naheliegend, mich auch nach meinem Umzug in den Landkreis Waldshut der örtlichen Gruppe anzuschließen. In den Medien werden wir jeden Tag mit zahllosen Verletzungen der Menschenrechte konfrontiert. Wir hören von Kriegsverbrechen, sehen, wie friedlich demonstrierende Menschen misshandelt werden, werden über die Schicksale von Oppositionellen informiert oder erfahren etwas über gewaltsame Vertreibungen. Es ist sehr befriedigend zu sehen, dass es Gleichgesinnte auf der ganzen Welt gibt, denen diese Zustände keine Ruhe lassen und diese Kräfte in einer handlungsfähigen Organisation gebündelt werden. Diese Motivation teile ich mit den übrigen Mitgliedern unserer Gruppe.

Mit welchen Mitteln arbeitet Amnesty?

Unsere Waffe ist der öffentliche Druck. Mit Kampagnen, Aktionen, Info-Ständen, Online-Petitionen, Protestschreiben, Diskussionsforen, Lobby- und Medienarbeit wendet sich Amnesty an die Öffentlichkeit und an politisch Verantwortliche. Für akut bedrohte Menschen kann Amnesty über ein besonderes Netzwerk mit weltweiten Brief-, Fax- oder E-Mail-Aktionen sofort Druck auf die Verantwortlichen ausüben.

Ist die Arbeit heute wichtiger denn je?

Die Arbeit von Amnesty International ist heute nicht weniger wichtig als früher, allerdings ändern sich die Bedrohungen. So sind die bürgerlichen Rechte heute durch die Möglichkeiten, die die Entwicklung digitaler Techniken bietet, in einem weitaus höheren Maße gefährdet, als dies noch vor einigen Jahren denkbar gewesen ist. Unsere Arbeit ist durchaus erfolgreich, sodass Fortschritte zu verzeichnen sind. Unsere Protestaktionen bewirken etwas. Oftmals verbessert sich die Situation von politischen Gefangenen spürbar. Natürlich kann man nicht eindeutig sagen, was letztendlich den Ausschlag hierfür gab. Unzählige ehemalige politische Gefangene haben aber nach ihrer Freilassung die Arbeit von Amnesty gewürdigt. Ein berühmtes Beispiel ist Wei Jingsheng, der Mitbegründer der Chinesischen Demokratiebewegung, der 1997 nach 18 Jahren Haft freigelassen wurde. Im Jahr 2020 kamen unter anderem in Bahrain, Belarus, den USA, Russland, Saudi-Arabien, Guinea, Togo und Ägypten Inhaftierte frei, für die sich Amnesty International eingesetzt hatte.

Gibt es in Deutschland keine Anliegen?

Es ist ein Grundsatz von Amnesty, nicht zu Vorgängen im eigenen Land zu arbeiten. Dies dient besonders dem Schutz der Mitglieder in Ländern, in denen aus diesem Engagement eine Gefahr resultieren könnte. Unsere Gruppe in Waldshut-Tiengen hat vor der Pandemie den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Länder Belarus und Ukraine gelegt. Mittlerweile wendet sich Amnesty International allerdings auch mit Petitionen etwa zum Flüchtlingsrecht oder zu Waffenexporten an die Verantwortlichen im eigenen Land.

Wie erfährt Amnesty von Menschen, die Hilfe brauchen können?

Die Ermittlungsarbeit von Amnesty-International leisten 80 Mitarbeiter in der internationalen Amnesty-Zentrale in London. Informationen kommen auch von Nichtregierungsorganisationen, Journalisten und Anwälten sowie von Zeitungen und sonstigen Publikationen. Im Prinzip kann sich jeder auch selbst an uns wenden.

Ist die Arbeit von Amnesty im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert?

Der Einsatz für Menschen in einem fremden Land, mit denen uns zunächst nichts Persönliches verbindet, setzt ein gewisses Abstraktionsvermögen voraus. Die Lebensumstände, die Kultur, das politische Handlungssystem, in dem die Menschenrechtsverletzung stattfindet, sind fremd und scheinen uns auf den ersten Blick nicht zu betreffen. Die Arbeit ist sehr theoretisch. Deshalb ist es viel einfacher, sich beispielsweise für die Natur einzusetzen, die vor unseren Augen liegt, die wir auf vielfältige Weise praktisch erfahren können und die eindrucksvolle Bilder liefert. Das führt dazu, dass die Arbeit von Amnesty nicht immer die Öffentlichkeitswirksamkeit erfährt, die sie eigentlich verdient hätte. Es ist auch schwierig, dieses ernste Thema auf seriöse Weise in der plakativen Art darzustellen, die in den sozialen Medien erforderlich ist, um wahrgenommen zu werden.

Sind Ihnen Fälle nahe gegangen?

Es gab in der nunmehr fast 25-jährigen Zeit meiner Mitgliedschaft zahllose Fälle, die unser Engagement erforderten. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel die seit den 1990er Jahren andauernde Mordserie an Frauen in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez für deren Aufklärung sich Amnesty 2014 in der Kampagne „Gewalt gegen Frauen“ im Jahr 2014 eingesetzt hatte. Unvergessen ist unser Einsatz für Iwao Hakamada, der 46 Jahre in einer Todeszelle in Japan saß, bis sein Fall wieder aufgerollt wurde und seine Unschuld bewiesen werden konnte. Eindrucksvoll war auch der Kontakt zu der schweizerischen Kolumbienexpertin Marta Fotsch, über die wir einen Kontakt zu der Friedensgemeinde San José de Apartadò aufgebaut hatten. Wir unterstützten die beeindruckende Arbeit dieser Gemeinde mit einer größeren Geldspende.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Weitere interessierte Mitglieder wären sehr erfreulich. Unsere Arbeit ist wichtig. Ich halte es für ausgeschlossen, dass Amnesty jemals überflüssig werden wird. Man kann sich über unsere Aktivitäten über Amnesty International Waldshut-Tiengen bei Facebook (amnestywaldshuttiengen) und bei Instagram informieren.