Als Albert Stoll Ende des 19. Jahrhunderts von Bad Cannstatt nach Waldshut zog, um dort eine Fabrik für Sitzmöbel zu gründen, konnte er noch nicht ahnen, dass eine Erfindung seines Unternehmens die Arbeitswelt einmal revolutionieren würde. Der ab 1926 entwickelte und weltweit patentierte „Federdreh“, der erste Arbeitsstuhl mit drehbarer Säulenfederung und beweglicher Rückenlehne, gilt heute in der Branche als Urvater des modernen Bürostuhls. Der Federdreh wird zum Hauptumsatzträger des seit 2018 in Dogern ansässigen Unternehmens Sedus Stoll, das in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiert. Wir stellen die Köpfe hinter der Firma vor.

Zahlen und Fakten

Albert Stoll I.

Im Jahr 1871 gründet der Schwabe Albert Stoll gemeinsam mit Max Klock als zweitem Teilhaber in Waldshut die Fabrik „Stoll & Klock“, um Kaffeehaus- und Schaukelstühle aus unter Wasserdampf gebogenem Holz zu fertigen. Nachdem Klock acht Jahre später aus der Firma ausscheidet, nennt sich das Unternehmen „Albert Stoll“.

Albert Stoll I
Albert Stoll I

Für den Standort Waldshut in der Nähe des Güterbahnhofs sprechen laut Firmenchronik mehrere Gründe: Der wichtigste Rohstoff Buchenholz wächst vor der Haustür im Rheintal, in der kaum industrialisierten Gegend finden sich ausreichend Arbeitskräfte, die unter anderem das Flechthandwerk beherrschen, und es gibt einen Anschluss an das Eisenbahnnetz. Nach erfolgreichem Start wird schon ein Jahr später ein zweiter Betrieb im schweizerischen Klingnau aufgebaut.

Das Seduswerk in der Zeit seiner Gründung 1875 direkt am Waldshuter Güterbahnhof. Im Hintergrund links sind das Obere Tor, das Kornhaus und dahinter die katholische Kirche zu sehen.
Das Seduswerk in der Zeit seiner Gründung 1875 direkt am Waldshuter Güterbahnhof. Im Hintergrund links sind das Obere Tor, das Kornhaus und dahinter die katholische Kirche zu sehen. | Bild: Sedus

Albert Stoll II.

Der 1882 in Waldshut geborene Albert Stoll II., Sohn des Firmengründers, stellt 1926 auf der Messe Leipzig den von ihm entwickelten „Federdreh“ vor – den ersten gefederten Drehstuhl in Europa. Nachweislich beschäftigt er sich der Firmenchronik zufolge mit dem Thema Büro-Ergonomie, obwohl es diesen Begriff zu dieser Zeit noch gar nicht gibt. Stoll ist davon überzeugt, „dass der Stuhl als Arbeitsgerät immer mehr an Bedeutung gewinnt“.

Albert Stoll II
Albert Stoll II

Der Waldshuter Unternehmer sollte recht behalten: Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft arbeiten in Deutschland inzwischen rund 14,8 Millionen Menschen in Büros (Stand Juli 2020) – Tendenz steigend. Von den vier Söhnen Albert Stolls II. steigen drei in das Familienunternehmen ein. Albert Stoll III. übernimmt den Schweizer Betrieb Giroflex in Koblenz, Christof und Martin Stoll leiten gemeinsam den Waldshuter Betrieb, bis sie ihn im Jahr 1958 aufteilen. Martin Stoll gründet sein eigenes Unternehmen in Tiengen.

Der Federdreh aus dem Jahr 1926 gilt als der Urvater des Bürodrehstuhls.
Der Federdreh aus dem Jahr 1926 gilt als der Urvater des Bürodrehstuhls. | Bild: Sedus
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Christof Stoll

Als Alleininhaber der gleichnamigen KG führt Christof Stoll ab 1958 unter der neu eingetragenen Marke Sedus den Betrieb am Gründerstandort Waldshut fort. Als visionärer Firmenlenker kultiviert er den Erfindergeist der Familie und treibt das Unternehmen wirtschaftlich voran. Aufgrund stetigen Wachstums wird ab 1969 die Produktion schrittweise in die Nachbargemeinde Dogern verlegt, auch um der im Jahr 1970 neu errichteten Entwicklungs- und Versuchsabteilung Platz zu schaffen.

Christof Stoll
Christof Stoll | Bild: Sedus

In den Folgejahren gründet er in Europa acht Tochtergesellschaften. 1973 entwickeln die Waldshuter Ergonomie-Pioniere die nächsten Drehstuhltechniken, die heute als weltweiter Standard gelten. Ende der 1990er-Jahre konzipiert Sedus als Stuhlhersteller einen ersten Schreibtisch, der sich elektromotorisch in Höhe und Neigung verstellen lässt und Wechselarbeit im Sitzen und im Stehen ermöglicht.

Emma Stoll

Das Unternehmen ist bis heute auch eng mit dem Namen Emma Stoll verknüpft. Die Ehefrau von Christof Stoll versorgt zu ihren Lebzeiten die Belegschaft in der Betriebskantine mit gesunder Vollwertkost.

Emma Stoll
Emma Stoll | Bild: Sedus

Die Ehe der Stolls bleibt kinderlos. 1985 übertragen sie ihr Vermögen auf die gemeinnützige Stoll-Vita-Stiftung, die sich unter anderem für die Förderung des ökologischen Land- und Gartenbaus und für die Verbreitung gesunder Ernährungsweisen einsetzt. Das Ehepaar will damit die Unternehmensnachfolge regeln und zugleich sein lebenslanges Engagement in einer gemeinnützigen Einrichtung
fortgeführt wissen. Im Jahr 2003 stirbt Christof Stoll, seine Frau Emma im Jahr 2010.

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Sedus Stoll heute

Nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1995 wächst das Unternehmen Sedus Stoll in den Folgejahren weiter. Durch den Zusammenschluss mit der Gesika Büromöbelwerk GmbH im nordrhein-westfälischen Geseke (heute Sedus Systems GmbH) im Jahr 2002 wird Sedus zum Komplettanbieter für Büroeinrichtungen.

Der Hauptsitz der Sedus Stoll Gruppe liegt in Dogern.
Der Hauptsitz der Sedus Stoll Gruppe liegt in Dogern. | Bild: Kares, Julian

Im gleichen Jahr wird das Hochregallager am Standort Dogern erweitert. Das markante Gebäude mit seiner Fassade, die aus 16.000 Blechpanelen in verschiedenen Farben besteht, ist inzwischen zu einem Erkennungszeichen des Unternehmens geworden. Ende 2011 wird das neue Entwicklungs- und Innovationszentrum in Dogern fertiggestellt. Sieben Jahre später verlegt Sedus seinen Firmensitz komplett in die Nachbargemeinde Waldshuts. Ende 2019 eröffnet Sedus in Dogern sein „Smart Office“. In dem Großraumbüro auf einer Fläche von 3500 Quadratmetern arbeiten rund 100 Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen.

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